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Avatar #691359
am Montag, 16. März 2020 um 00:42

Derartige Daten sind wissenschaftlicher Goldstaub

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SARS-CoV-2 erstmals in Sentinelprobe nachgewiesen
vom Donnerstag, 12. März 2020
Aus einer einzelnen positiven Sentinelprobe kann man naturgemäß noch keine Statistik machen, aber in den nächsten Tagen werden weitere folgen und dann sind diese Daten sehr hilfreich:
1. Es handelt sich hier um eine repräsentative Stichprobe. Es werden zwar keine asymptomatischen Träger erfasst, aber alle Patienten mit respiratorischen Symptomen, die einen Arztbesuch, aber keine Krankenhauseinweisung erfordern. Durch jahrelange Vergleichsdaten aus dem Influenzasentinel kann man diese Daten auf die Gesamtbevölkerung hochrechnen.
2. Aus dem Konsultationsindex und der Positivitätsrate lässt sich die Krankheitslast in der „Normalbevölkerung“ hochrechnen, bei bekannten klinischen Verläufen kann man mit ca. 1 bis 2 Wochen Vorlauf den Ressourcenbedarf und die schweren bzw. tödlichen Verläufe besser vorhersagen.
Mittlerweile gibt es beim RKI einen detaillierten Erregersteckbrief:
https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Steckbrief.html
Gerade weil hier die Falldefinitionen des RKI (als Untersuchungsindikation) nicht berücksichtigt werden, können aus Differenzen zwischen Sentineldaten und Meldedaten neue Ausbreitungscluster regional erkannt werden.
3. Die Positivitätsrate ist in doppelter Hinsicht ein wichtiger Vorhersageparameter. Wenn sich die Epidemie dem Höhepunkt nähert, weist eine hohe Positivitätsrate auf eine hohe Dunkelziffer an unerkannten Fällen. Gleichzeitig zeigt ein Stagnieren bzw. Fallen der Positivitätsrate das Erreichen der Plateauphase (=Pikwochen) bzw. das beginnende Abflauen der Epidemie.
4. Die case fatality rate hat zwei wesentliche Fehlerquellen: sie ist in der Anfangsphase einer Epidemie falsch hoch, weil die unerkannten Fälle nicht berücksichtigt werden. Sie ist gleichzeitig falsch niedrig, weil die Patienten oft erst eine oder zwei Wochen nach Symptombeginn versterben. Leider heben sich diese Effekt nicht auf. Wenn man den zeitlichen Verlauf der Fallzahlen kennt, kann man besser das Gefährdungsrisiko für die Gesamtbevölkerung einschätzen und die Bevölkerung besser auf notwendige Maßnahmen einstimmen. Dies hilft auch, die notwendige Balance zwischen Gelassenheit einerseits und Besorgnis andererseits zu finden.
5. Im Verlauf einer großen Epidemie kommt es zu Engpässen (z.B. bei Diagnostika) oder zu veränderten Falldefinitionen oder Meldekriterien (siehe Beispiel China). Ein derartiges Sentinel schafft vergleichbare Daten über den gesamten Verlauf der Epidemie.
6. Zusammen mit anderen Quellen (z.B. Webasto-Ausbruch) zeigen diese Daten die Epidemie in Echtzeit und widerlegen z.B. Behauptungen aus der Ecke der Verschwörungstheoretiker, dass dieses Virus schon lange vorher da war.
7. Positive Proben werden in der Regel in einem Archiv gesammelt. Das ermöglicht spätere molekulare Untersuchungen zur Evolution dieses Virus bei einer Pandemie.

Noch einige Anmerkungen zu den vereinzelt im Forum geäußerten Forderungen nach einer totalen Abschottung. Erstens ist eine Abschottung nach vorheriger PCR-Testung unmöglich (dazu sind die Infektionszahlen zu hoch und die PCR-Kapazitäten zu niedrig). Was bleibt ist eine komplette Abschottung jeweils kleiner Gebiete bis zum Totlaufen der jeweiligen Infekte in jedem einzelnen Quarantänegebiet. Das bedeutet aber auch den Zusammenbruch aller Lieferketten und damit in letzter Konsequenz den Zusammenbruch von Strom- und Wasserversorgung. Das bedeutet damit auch den Rückfall in eine vorindustrielle Lebensweise. Wer die totale Abschottung fordert, sollte überlegen, was ist schlimmer, die Krankheit oder der Verlust der Zivilisation. Wie sich das anfühlt, das können die Großeltern erzählen, wenn sie über Kriegs- und Nachkriegszeit berichten.
Nur als prägnantes Beispiel, einer der wichtigsten Hersteller für Abstrichtupfer (nylonbeflockte Nasopharynxtupfer) ist die Firma Copan in Italien. Der Markt für diese Abstrichtupfer ist bereits jetzt leergefegt. Wenn sich alle Länder abschotten, dann können wir hier demnächst einfache Wattestäbchen für die Abnahme benutzen (ein Referat über Praeanalytik würde diesen Beitrag sprengen). Kurz gesagt, die EU ist nicht nur eine große Freihandelszone, es ist auch eine Werte- und Schicksalsgemeinschaft. Die aktuelle Corona-Krise hat das Potential, der EU entweder den Rest zu geben oder die Bevölkerung der EU wachzurütteln und der europäischen Idee neuen Schub zu geben.
Avatar #759489
am Dienstag, 17. März 2020 um 16:32

Wie in der Medizin...

...sollte man bei Abschottungsmaßnahmen und Quarantänemaßnahmen abwägen, ob die "Therapie/OP" nicht noch schlimmer ist als die zu behandelnde Krankheit. Es macht keinen Sinn einen Hirntumor mit der Guillotine zu therapieren.
Ich würde zwar nicht so weit gehen wie Kassenarztpräsident Gassen, der bei Focus Online 13.3.20 mit den Worten zitiert wurde: "Derzeit sei Corona eher eine mediale als eine medizinisch relevante Infektion", aber die kritischen Einlassungen von Ex Amtsarzt, Lungenfacharzt und Epidemiologen Dr. Wodarg sollte man schon diskutieren (siehe seine Website).
Insofern kann ich mich ausnahmsweise S.Rex Anmerkungen durchaus anschließen. Auch mal schön.
Avatar #851171
am Freitag, 27. November 2020 um 21:18

Testverfahren bei Sentinel

Wird bei der Sentinel-Surveillance von Sars-CoV-2 eigentlich der PCR-Test oder ein anderes Verfahren verwendet?

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