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Avatar #691359
am Dienstag, 13. April 2021 um 22:30

Standortbestimmung der Epidemie, Teil 1

Um abschätzen zu können, wie viele Covid-Todesfälle durch eine Impfung verhindert werden können, muss man ungefähr wissen, auf welchem Punkt der Epidemie wir uns ungefähr befinden. Die Meldezahlen sprechen für eine Infektion von ca. 3,5% der Bevölkerung. Die Dunkelziffer ist immer eine Schätzung, aber wenn wir annehmen, dass ca. 10% der Bevölkerung die Infektion durchgemacht haben und aufgrund des R0-Wertes von ca. 3 bei etwa 60% Infektionsrate mit einem Abflauen der Infektionen zu rechnen ist, dann haben wir etwa ein Sechstel der Epidemie hinter uns gebracht. Da wir ein komplettes Jahr im Verlauf haben, gleichen sich jahreszeitliche Sondereffekte aus. Der Effekt der Impfungen auf das Infektionsgeschehen ist dagegen noch überschaubar.

Das alles ist nur eine grobe Schätzung (und beinhaltet eine Reihe von Annahmen die das 2000-Zeichen-Limit eines Diskussionsbeitrages deutlich sprengen), aber wenn wir etwa 1/6 hinter uns haben, dann liegen ohne Intervention durch Impfung noch 5/6 der Epidemie vor uns. Das war ja auch Sinn und Zweck des Lockdowns, die Epidemie bis zur Verfügbarkeit eines Impfstoffs zu verlangsamen. Und wenn wir in grober Näherung wissen wollen, wie viele Todesfälle durch Impfung verhindert werden können, brauchen wir nur von 1/6 auf 5/6 hochzurechnen.

Bei den Ü80 sind die Impfungen schon gut vorangeschritten und das sehen wir in den aktuellen Zahlen (Dienstagsausgabe der Lageberichte), sowohl in der Heatmap (Abb.7) als auch in der Altersverteilung der hospitalisierten Fälle (Abb.9) spielen die Ü80 nur noch eine untergeordnete Rolle.
Avatar #691359
am Dienstag, 13. April 2021 um 22:32

Standortbestimmung der Epidemie, Teil 2

Bei den Hospitalisierungen ist jetzt die Altersgruppe 60-79 dominant. Bei den Heatmaps sieht man dagegen einen deutlichen Sprung der Inzidenz im Alter von 65 Jahren. Dies deckt sich mit meiner persönlichen Erfahrung, ich mache als Mikrobiologe regelmäßig ITS-Visiten und sehe auf ITS hauptsächlich Covid-Patienten in der Altersgruppe 60-70. Das Problem dabei ist, 50-jährige haben gute Chancen nach einer Woche die ITS gebessert zu verlassen, 80-jährige haben ein hohes Risiko nach einer Woche zu sterben, dagegen brauchen 60-jährige oft mehrere Wochen auf ITS, der „Rekordhalter“ aus dieser Altersgruppe liegt bereits seit Januar auf ITS. Das wiederum bedeutet, mit wenigen Langliegern kann man eine komplette ITS für Wochen blockieren und deshalb warnen auch gerade die Intensivmediziner vor Überlastung.

Nur als Anmerkung: Nicht umsonst gibt es einen gesonderten Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie. Auch Zahlenmaterial gibt es mittlerweile mehr als genug. Aber um aus den Zahlen vernünftige Schlüsse zu ziehen, muss man die damit verbundenen Abläufe kennen. Ein kleines Beispiel sind die Todeszahlen durch Covid19. Die täglichen RKI-Zahlen kommen als Meldepflicht nach §6 IfSG, die vollständigen Zahlen kommen aber erst nach Auswertung der ICD-Kodierung auf den Totenscheinen. Mir ist es ziemlich egal, ob ich die Freizeitepidemiologen hier überzeugen kann, meine Kraft brauche ich für meinen Arbeitsalltag. Ich kann hier nur als Insider Anregungen geben, den Blick auf wichtige Details zu fokussieren.

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