DÄ plusForenKommentare NewsEin STEMO mag nicht überall Sinn machen - in Berlin allem Anschein nach aber schon. (I)

Kommentare News

Kommentare News

Alle Kommentare zu Online-News

Avatar #643208
am Freitag, 17. September 2021 um 15:43

Ein STEMO macht Sinn, aber nicht überall!

Kommentar zur Nachricht
Schlaganfall: Thrombolyse im Rettungswagen verbessert Behand­lungsergebnisse
vom Donnerstag, 16. September 2021
Ein STEMO macht unbestritten Sinn auf dem flachen Land, wo die Entfernungen zur nächsten Spezialklinik groß sind. Aber wo liegt der Sinn in einer Metropole wie Berlin, in der 16 Stroke Units über die ganze Stadt verteilt in wenigen Minuten erreichbar sind? Die STEMO-Eintreffzeiten beim Patienten liegen hier bei bis zu 25 Minuten. (Durchschnittliche Eintreffzeit des STEMO Standort Charlottenburg 2018 18:07 Minuten.)
Der gleichzeitig stets mit ausrückende RTW erreicht den Patienten berlinweit im Schnitt nach rund 6 Minuten und wartet dann auf das STEMO, statt den Patienten direkt in die nächste Stroke Unit zu transportieren. Unter dem Alarmierungsstichwort „Schlaganfall“ erfolgten 2018 1.478 Einsätze des »normalen« Notarztwagens. Dieser benötigte im Schnitt 7:19 Minuten bis zum Patienten und 17:26 Minuten, um diesen in die nächstgelegene Spezialabteilung zu bringen. Zudem kommt das Stemo nur bei einem kleinen Teil der Schlaganfall-Patienten zum Einsatz. In der Studie der Charité, die vom 1.2.2017 bis zum 30.10.2019 lief, werden insgesamt 16.964 Patienten aufgeführt. Nur 749 davon wurden im STEMO transportiert, 451 bekamen dann tatsächlich die prähospitale Lyse, nur 96 davon innerhalb von 60 Minuten.
Zum Vergleich: Das offizielle Berliner Schlaganfall-Register verzeichnet für die Jahre 2017-2019 im Raum Berlin 40.159 Patienten mit der Diagnose »Schlaganfall«.
Um nicht falsch verstanden zu werden, der Grundsatz »Zeit ist Hirn« gilt unbestritten und daraus leitet sich auch der sinnhafte Einsatz von solchen Spezialfahrzeugen überall dort ab, wo weite Entfernungen zu überwinden sind. Bei Anschaffungskosten von mehr als 1,1 Mio. Euro
und entsprechend hohen Betriebs- und Wartungskosten stellt sich aber z.B. in Berlin die Frage, ob nicht dieses Geld besser in die weitere Verdichtung und Vernetzung der Rettungsstrukturen sowie in zusätzliche RTW und NAW angelegt wäre, um die Zeitintervalle bis zur Therapie in den Spezialabteilungen für die Patienten weiter zu verkürzen.
Avatar #606142
am Montag, 20. September 2021 um 20:26

Ein STEMO mag nicht überall Sinn machen - in Berlin allem Anschein nach aber schon. (II)

Ganz wie Dr. Albers bin ich dafür, dass sich das STEMO bewähren muss - im Gegensatz zu ihm bin ich aber davon überzeugt, dass es das gerade im Ballungszentrum klinisch getan hat. Inwieweit es langfristig volkswirtschaftlich sinnvoll ist und die eingesparten Reha-Kosten und EU-Renten die hohen kurzfristigen Primärkosten aufwiegen oder übersteigen, kann ich nicht beurteilen. Das müssen Langzeitstudien entsprechend darlegen.
Die Rechnung, dass RTWs ja früher eintreffen und anstelle "auf das STEMO zu warten" lieber gleich eine Stroke Unit ansteuern sollten, degradiert unbedachterweise das medizinische Fachpersonal der Feuerwehr zu unreflektierten "Krankenträgern" und funktioniert allenfalls, wenn die Betroffenen schon winkend am Bordstein stehen und keine Fragen gestellt werden müssen - ist sonst aber wunderlich praxisfern. In Wirklichkeit wird in dieser "Wartezeit" wertvolle diagnostische Arbeit geleistet, eine erste Anamnese erhoben und die Dauermedikation erfragt, Vitalwerte und Blutzucker gemessen, ein EKG geschrieben und evtl. ein Zugang gelegt. Bei schwer Betroffenen wird der zeitaufwendige Transport aus der Wohnung heraus vorbereitet oder begonnen. Das sind alles Dinge, die sowieso passieren würden. Bis dahin sind wir schon lange (!) mit dem STEMO vor Ort und können auf dieser Vorarbeit aufbauen.
Im Übrigen wäre mit Umschichten des Geldes von einem Fahrzeug (STEMO) zu anderen (NEF, RTW) das ganz grundlegende Berliner Versorgungsproblem nicht im Mindestens adressiert. Das liegt m.E. vornehmlich in den Arbeitsbedingungen der medizinischen Fachkräfte bei der Feuerwehr. Die sind unterbesetzt und werden überbeansprucht, haben mit fehlendem Nachwuchs bzw. Überalterung und hohem Krankenstand zu kämpfen, was regelhaft zu unbesetzten Einsatzfahrzeugen führt. Ein paar andere Autos anschaffen, die dann auch nicht besetzt werden können, dient niemandem. Aber das ist natürlich ein ganz anderes Thema, bei dem Dr. Albers und ich sicherlich überwiegend gleicher Meinung sind.
Avatar #606142
am Montag, 20. September 2021 um 20:26

Ein STEMO mag nicht überall Sinn machen - in Berlin allem Anschein nach aber schon. (I)

Ich wirke in untergeordneter Funktion am STEMO-Projekt mit und habe sicherlich Interessenskonflikte. Als ich aber 2017 dazustieß, war es mehr aus Neugierde auf neue technische Möglichkeiten als aus Überzeugung, dass es sinnvoll ist. Ich habe ähnlich wie Dr. Albers die Bestimmung des STEMO in der Versorgung der Landbevölkerung gesehen, wofür in Berlin die Machbarkeit erprobt würde. Inzwischen bin ich aber überzeugt, dass das STEMO gerade in Ballungsräumen zusätzlichen Nutzen hat. Man nehme das weltweit erste Stroke-Mobil in Homburg/Saar als ländliches Gegenmodell: Hier wurden in 2,5 Jahren gerade einmal 53 Patienten präklinisch lysiert (Lancet Neurology 2012); sicherlich haben dabei sehr strikte Studien-Kriterien (u.a. Zeitfenster bis 2,5 h) die Rekrutierung erschwert - die Zahl ist dennoch ausgesprochen niedrig.
Das liegt m.E. vornehmlich daran, dass sich nach der orientierenden Einschätzung durch die Leitstelle die entscheidenden Fragen (korrekte Diagnose, Neuro-Status, Zeitfenster, Antikoagulanzien, Blutungs-Anamnese, Krebserkrankungen, aktueller Blutzucker, etc.) nur am Patienten klären lassen. Das führt dazu, dass auch wir die meisten gesehenen Patienten nach klinischer Abwägung nicht lysieren - sind aber sofort mitten in Berlin wieder einsatzbereit. In der Zeit, in der das saarländische Fahrzeug von St. Wendel nach Mettlach fährt, können wir ggf. 2 oder 3 weitere Patienten sichten.
Dass wir trotz hoher Stroke Unit-Dichte in Berlin einen Zeitvorteil von durchschnittlich 20 min. gegenüber der Standardbehandlung erreichen, liegt u.a. an den eingespielten Abläufen im STEMO-Team ohne die Konkurrenz um Aufmerksamkeit und Ressourcen (CT-Verfügbarkeit, Labor) in den Kliniken. Auch dort wird hervorragende Arbeit geleistet, aber unsere Bedingungen sind einfach günstiger. Aufgrund der präklinischen Angiographie steuern wir auch mal gezielt das weiter entfernte Zentrum mit Thrombektomie-Bereitschaft an und können so zeitaufwendige Sekundärverlegungen vermeiden.