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Der Nachwuchs geht

Der Nachwuchs geht

Viele Nachwuchs­forscher in der Medizin verlassen Deutschland, um dauerhaft in den USA oder in Groß­britannien tätig zu werden. Im Gegen­satz zu Deutschland könne man dort als Arzt klinische Tätigkeit und Wissen­schaft miteinander in Einklang bringen. Wie beurteilen Sie die Rahmen­bedingungen für medizinische Forschung in Deutschland? Ist in den USA und in Großbritannien wirklich alles besser? Mit welchen Maßnahmen könnte der Forschungs­standort Deutschland an Attraktivität gewinnen?

Avatar #89759
am Dienstag, 3. März 2009 um 12:14
geändert am 03.03.2009 12:15:38
geändert am 03.03.2009 12:18:25
geändert am 03.03.2009 12:23:13

Bereitschaftsdienste, opt out, Niederlassung, Auswanderung

Ich bin immer noch auf der Suche nach einer Erklärung dafür, dass einerseits so viele Kollegen an den Bereitschaftsdiensten festhalten und opt opt-Vereinbarungen treffen und andererseits die Landesärztekammer Hamburg die Vermittlung von Kollegen nach Schweden unterstützt mit der Begründung, in skandinavischen Ländern lockten attraktive Arbeitsbedingungen:

_______________________________________________________________________
Zitat aus http://www.aerztekammer-hamburg.de/aerzte/aerzte_ausland.htm

>Eine Vielzahl vor allem junger Ärztinnen und Ärzte
>wünscht sich im Ausland zu arbeiten.
> Die attraktiven Arbeitsbedingungen locken
>vor allem in skandinavische Länder.[....]
______________________________________________________________

Also: Warum fordern die im MB organisierten Kollegen nicht einfach Arbeitsbedingungen und Gehälter wie in Schweden, sondern halten an den (viel zu) langen täglichen und wöchentlichen Arbeitsszeiten fest, gegen die sie vor 2-3 Jahren während der Demos in der Öffentlichkeit so heftig protestiert haben?

In chirurgischen Fächern und Fächern mit hohen chirurgischen Anteilen gibt es das Argument, ohne BD und opt out bekäme man seinen Katalog langsamer voll.
Kollegen an Unikliniken arbeiten mehr, in der Hoffnung, dann schneller Uni-Karriere machen zu können.
Aber warum sind BD und opt-out auch an Kreiskrankenhäusern so beliebt, dass sie in die Tarifverträge aufgenommen worden sind, obwohl die MB-Aktivisten während der Tarifverhandlungen gegenüber der Öffentlichkeit immer betont haben, man streike auch für bessere Arbeitsbedingungen?
Zitat Montgomery vom 17.05.2006 in der TV-Sendung 'Hart-aber-fair': " Ich wäre heilfroh, wenn es uns im Interesse der Patienten gelänge, diese 24-Stunden-Dienste abzuschaffen, weil die sind eine Schinderei für die Ärzte und eine Gefahr für die Patienten."

Beim Verfolgen der Diskussionen über die Niederlassung und die Einkommen der niedergelassenen Kollegen ist mir ein Gedanke gekommen, den ich nun mal darlegen möchte:

Der Praxisüberschuss/Gewinn ergibt sich rechnerisch aus der Differenz zwischen den Einnahmen/"Umsatz" und den rechnerischen/steuerlich anrechenbaren Praxiskosten.

Die tatsächlichen Kosten müssen nicht mit den steuerlich anrechenbaren übereinstimmen.
Vor allem der Betrag, der steuerlich für Abschreibungen vom Umsatz abgezogen werden darf, ist interessant, denn was ich mit diesem Betrag tatsächlich mache, interessiert das Finanzamt nicht. Wenn ich hohe Kredite habe und viel tilgen muss, werde ich diesen Betrag für Tilgungen verwenden müssen. Wenn ich weniger tilgen muss als ich abschreiben darf, kann ich die Differenz für Rücklagen oder eine Reise in die Karibik nutzen.


Es gibt unvermeidbare und vermeidbare Kosten. Nicht vermeidbar sind z. B. Personalkosten, Anschaffung und Wartung von Geräten, Reparaturen, Strom, Heizung, Wassser, Telefon,...., Kosten für Verbrauchsmaterialien, etc..

Vermeidbare Kosten wären zum Beispiel Zinsen für Kredite und Tilgung von Krediten.
Das ist bei einer eigenen Praxis ähnlich wie bei einer eigenen Wohnimmobilie: Je mehr Eigenkapital ich habe, desto niedriger ist die Belastung durch Zinsen und Tilgung.
Und wie komme ich an möglichst viel Eigenkapital? Durch Erbe, Geschenk oder Ansparen vor dem Kauf.

Und dann wären wir bei Bereitschaftsdiensten und opt out: Wenn ich als Assi vorhätte, gleich nach dem FA eine Praxis zu übernehmen und weder auf geerbtes noch geschenktes Kapital zurückgreifen könnte, müsste ich vorher möglichst viel ansparen. Mit vielen BD und ausbezahlten Überstunden könnte ich während meiner Assizeit bei sparsamer Lebensweise 70 000 bis 100 0000 Euro für eine Praxisübernahme ansparen. Das würde mir den Start als Freiberufler sehr erleichtern. Ich müsste dann wesentlich weniger Zinsen zahlen, wodurch meine tatsächlichen Praxiskosten niedriger würden.
Wenn wegen des hohen Anteils an Eigenkapital meine Tilgungsraten niedriger als die abgeschriebenen Beträge wären, könnte ich einen Teil meiner nicht zu versteuernden Einnahmen für andere Dinge nutzen (für Rücklagen oder private Dinge).

Und nun die spannende Frage: Warum ist die Übernahme einer Praxis oft so teuer?
Das kann in manchen Fachgebieten an teuren Geräten liegen. Oft liegt es aber daran, dass man auch einen ideellen Wert bezahlt: den Goodwill.
Ich müsste also einen großen Betrag nicht für Geräte und Mobiliar zahlen, sondern nur für den Kassenarztsitz. Ich hab das in einem früheren Beitrag mal mit einem Goldgräberclaim verglichen.

Wenn ich kein oder nur wenig Eigenkapital hätte, müsste ich also einen Kredit aufnehmen, um überhaupt als Kassenarzt arbeiten zu dürfen und dann Schulden tilgen, denen kein materieller Wert gegenüberstünde.

In welchen Ländern, deren Gesundheitswesen mit dem deutschen vergleichbar ist, gibt es so etwas eigentlich auch? Vielleicht in Östereich? Oder der Schweiz?
Für mich käme das jedenfalls nicht infrage.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, dass die Länder, die der Marburger Bund als bevorzugte Auswanderungsziele deutscher Kollegen nennt, meines Wissen gar keine niedergelassenen Fachärzte haben: Skandinavien, Niederlande, GB.
Das heißt für mich: Wenn ich dort als FA arbeiten möchte, muss ich nicht wie in Deutschland vorher viel Geld - vielleicht sogar geliehenes Geld - ausgeben, um überhaupt in meinem Beruf arbeiten zu dürfen. Ob auch das einige Kollegen zum Auswandern motiviert?
Avatar #87250
am Dienstag, 3. März 2009 um 17:01

Sehr viele Fragen:

Ich bin immer noch auf der Suche nach einer Erklärung dafür, dass einerseits so viele Kollegen an den Bereitschaftsdiensten festhalten und opt opt-Vereinbarungen treffen und andererseits die Landesärztekammer Hamburg die Vermittlung von Kollegen nach Schweden unterstützt mit der Begründung, in skandinavischen Ländern lockten attraktive Arbeitsbedingungen:

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Zitat aus http://www.aerztekammer-hamburg.de/aerzte/aerzte_ausland.htm

>Eine Vielzahl vor allem junger Ärztinnen und Ärzte
>wünscht sich im Ausland zu arbeiten.
> Die attraktiven Arbeitsbedingungen locken
>vor allem in skandinavische Länder.[....]
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Also: Warum fordern die im MB organisierten Kollegen nicht einfach Arbeitsbedingungen und Gehälter wie in Schweden, sondern halten an den (viel zu) langen täglichen und wöchentlichen Arbeitsszeiten fest, gegen die sie vor 2-3 Jahren während der Demos in der Öffentlichkeit so heftig protestiert haben?

In chirurgischen Fächern und Fächern mit hohen chirurgischen Anteilen gibt es das Argument, ohne BD und opt out bekäme man seinen Katalog langsamer voll.
Kollegen an Unikliniken arbeiten mehr, in der Hoffnung, dann schneller Uni-Karriere machen zu können.
Aber warum sind BD und opt-out auch an Kreiskrankenhäusern so beliebt, dass sie in die Tarifverträge aufgenommen worden sind, obwohl die MB-Aktivisten während der Tarifverhandlungen gegenüber der Öffentlichkeit immer betont haben, man streike auch für bessere Arbeitsbedingungen?
Zitat Montgomery vom 17.05.2006 in der TV-Sendung 'Hart-aber-fair': " Ich wäre heilfroh, wenn es uns im Interesse der Patienten gelänge, diese 24-Stunden-Dienste abzuschaffen, weil die sind eine Schinderei für die Ärzte und eine Gefahr für die Patienten."

Beim Verfolgen der Diskussionen über die Niederlassung und die Einkommen der niedergelassenen Kollegen ist mir ein Gedanke gekommen, den ich nun mal darlegen möchte:

Der Praxisüberschuss/Gewinn ergibt sich rechnerisch aus der Differenz zwischen den Einnahmen/"Umsatz" und den rechnerischen/steuerlich anrechenbaren Praxiskosten.

Die tatsächlichen Kosten müssen nicht mit den steuerlich anrechenbaren übereinstimmen.
Vor allem der Betrag, der steuerlich für Abschreibungen vom Umsatz abgezogen werden darf, ist interessant, denn was ich mit diesem Betrag tatsächlich mache, interessiert das Finanzamt nicht. Wenn ich hohe Kredite habe und viel tilgen muss, werde ich diesen Betrag für Tilgungen verwenden müssen. Wenn ich weniger tilgen muss als ich abschreiben darf, kann ich die Differenz für Rücklagen oder eine Reise in die Karibik nutzen.


Es gibt unvermeidbare und vermeidbare Kosten. Nicht vermeidbar sind z. B. Personalkosten, Anschaffung und Wartung von Geräten, Reparaturen, Strom, Heizung, Wassser, Telefon,...., Kosten für Verbrauchsmaterialien, etc..

Vermeidbare Kosten wären zum Beispiel Zinsen für Kredite und Tilgung von Krediten.
Das ist bei einer eigenen Praxis ähnlich wie bei einer eigenen Wohnimmobilie: Je mehr Eigenkapital ich habe, desto niedriger ist die Belastung durch Zinsen und Tilgung.
Und wie komme ich an möglichst viel Eigenkapital? Durch Erbe, Geschenk oder Ansparen vor dem Kauf.

Und dann wären wir bei Bereitschaftsdiensten und opt out: Wenn ich als Assi vorhätte, gleich nach dem FA eine Praxis zu übernehmen und weder auf geerbtes noch geschenktes Kapital zurückgreifen könnte, müsste ich vorher möglichst viel ansparen. Mit vielen BD und ausbezahlten Überstunden könnte ich während meiner Assizeit bei sparsamer Lebensweise 70 000 bis 100 0000 Euro für eine Praxisübernahme ansparen. Das würde mir den Start als Freiberufler sehr erleichtern. Ich müsste dann wesentlich weniger Zinsen zahlen, wodurch meine tatsächlichen Praxiskosten niedriger würden.
Wenn wegen des hohen Anteils an Eigenkapital meine Tilgungsraten niedriger als die abgeschriebenen Beträge wären, könnte ich einen Teil meiner nicht zu versteuernden Einnahmen für andere Dinge nutzen (für Rücklagen oder private Dinge).

Und nun die spannende Frage: Warum ist die Übernahme einer Praxis oft so teuer?
Das kann in manchen Fachgebieten an teuren Geräten liegen. Oft liegt es aber daran, dass man auch einen ideellen Wert bezahlt: den Goodwill.
Ich müsste also einen großen Betrag nicht für Geräte und Mobiliar zahlen, sondern nur für den Kassenarztsitz. Ich hab das in einem früheren Beitrag mal mit einem Goldgräberclaim verglichen.

Wenn ich kein oder nur wenig Eigenkapital hätte, müsste ich also einen Kredit aufnehmen, um überhaupt als Kassenarzt arbeiten zu dürfen und dann Schulden tilgen, denen kein materieller Wert gegenüberstünde.

In welchen Ländern, deren Gesundheitswesen mit dem deutschen vergleichbar ist, gibt es so etwas eigentlich auch? Vielleicht in Östereich? Oder der Schweiz?
Für mich käme das jedenfalls nicht infrage.

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch, dass die Länder, die der Marburger Bund als bevorzugte Auswanderungsziele deutscher Kollegen nennt, meines Wissen gar keine niedergelassenen Fachärzte haben: Skandinavien, Niederlande, GB.
Das heißt für mich: Wenn ich dort als FA arbeiten möchte, muss ich nicht wie in Deutschland vorher viel Geld - vielleicht sogar geliehenes Geld - ausgeben, um überhaupt in meinem Beruf arbeiten zu dürfen. Ob auch das einige Kollegen zum Auswandern motiviert?
Wenn der MB skandinavische Verhältnisse will, dann müsste er eine Lohnkürzung fordern. Also dummes Geschwätz einer Ärzteorganisation, die schlecht recherchiert. Abfeieren von ûberstunden: klar, da müsste er es so verhandeln.
Generell kann es sich lohnen nach Skandinanvien auszuwandern. Manche Dinge sind wirklich besser und es kommt auf die Lebens und Partnersituation an. Ausserdem sollte man auch mit den Leuten und Klima klar kommen. Wer die Sonne liebt, sollte lieber nach Spanien auswandern und wer Römische Kulturstätten besuchen will, sollte auch lieber nicht nach Schweden oder Norwegen auswandern.
Ob alle Arbeitsbedingungen in Skandinavien wesentlich besser sind, kann ich nicht bestätigen. Es ist von der einzelnen Stelle abhängig, wo du landest. Und so ist es in Deutschland auch!!! Wer etwas anderes erzählt hat entweder überhaupt keine Ahnung oder bekommt Geld dafür dass er Kollegen nach Schweden holt. Ich muss sagen, dass ich nun sehr viel Glück mit meiner jetzigen Stelle habe. Super Kollegen, tolles Betriebsklima und eine tolle erfahrene Chefin. Ich habe aber auch andere Zeiten gehabt.
D hat seine Vorteile. Aber wie schon zu anderen Beiträgen geschreiben: Wer ehrlich bleiben will, sollte von einer Niederlassung abstand nehmen und die derzeitige Diskussion um die Vergütung spricht Bände. Also: Lieber das Geld für eine Niederlassung in einem Puff verjuxen. Grins.Dann hat man was davon und wenn es nur Syphilis, Tripper und HIV ist. Aber besser als den Ärger als Vertragsarzt.
Ich würde in D mír ein Biotop als angestellter Arzt suchen. Das ist viel besser.

Generell denke ich, dass man Deutschland nicht schlecht reden sollte, aber sich der negativen Dinge bewusst sein sollte. Jeder muss für sich seine Entscheidung treffen. Das Grass ist woanders immer grüner. Das ist eine alte Geschichte. Einen allgemeingültigen Ratschlag kann man nicht geben.
Avatar #90315
am Dienstag, 3. März 2009 um 18:06

naja

also im allgemeinen sind die arbeitsbedingungen in skandinavien schon besser, alles andere lasse man in dieser diskussion einmal ausgeklammert (wetter, kultur etc).

man hat weitaus weniger stress, ein recht auf pausen und freizeit und verdient in stundenlohn gerechnet auch besser. ich finde das steht mal ausser zweifel.

klar kann man überall pech und glück haben, oder mit dem chef nicht zurechtkommen, aber im allgemeinen jammert man in skandinavien auf einem GAAAANZ anderen niveau :-)
Avatar #87778
am Dienstag, 3. März 2009 um 19:29

@ Konny: ohne Kredit ??

Gibt es wirklich Ärzte, die es schaffen, sich ohne eine Finanzierung durch die Bank niederzulassen ? Vielleicht noch möglich für Psychiater, aber sonst...?

Mich würde einmal interessieren, wie lange im Schnitt an Praxiskrediten abgezahlt wird.

Ach ja, ein befreundeter Orthopäde hat mehrere Finanzierungsangebote für Praxen bei verschiedenen Banken eingeholt, letztlich fand sich keine Bank, die zu einer Finanzierung bereit war....das war 2008. Ich glaube nicht, daß die Banken damals was von den RLV für 2009 etc. wußten. Jetzt ist er froh, daß es damals nicht klappte :-).

Avatar #87388
am Dienstag, 3. März 2009 um 19:54

Schweden

Ich bin immer noch auf der Suche nach einer Erklärung dafür, dass einerseits so viele Kollegen an den Bereitschaftsdiensten festhalten und opt opt-Vereinbarungen treffen und andererseits die Landesärztekammer Hamburg die Vermittlung von Kollegen nach Schweden unterstützt mit der Begründung, in skandinavischen Ländern lockten attraktive Arbeitsbedingungen:

Der Grund ist wohl ziemlich profan: Die Schweden werden dafür bezahlt haben :-)

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