DÄ plusForenAkupunktur: Spekulative Lehrinhalte?Schön, dass sich die DÄGfA auch mal in die Diskussion einschaltet.

Akupunktur: Spekulative Lehrinhalte?

Akupunktur: Spekulative Lehrinhalte?

Der „Vater der westlichen Akupunktur“ ein Scharlatan? Der Franzose George Soulié de Morant hat vermutlich nie in China eine Nadel gestochen oder eine eine Nadelung gesehen. Von rationalen Lehrinhalten kann so keine Rede sein. Die Einführung der „Zusatzbezeichnung Akupunktur“ war voreilig. Sie zementierte spekulative Lehrinhalte, die vielfach dem Aberglauben näher sind als der Wissenschaft.

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am Dienstag, 10. August 2010 um 22:58

Absurditäten im DÄ-Sommerloch – Kommentar zu Hanjo Lehmanns Artikel im Deutschen Ärzteblatt „Akupun



T. Ots

Absurditäten im DÄ-Sommerloch

– Kommentar zu Hanjo Lehmanns Artikel im Deutschen Ärzteblatt „Akupunktur
im Westen: Am Anfang war ein Scharlatan.“

Lieber Hanjo,
ich möchte in meiner Antwort auf Deinen Artikel an den letzten Absatz
anknüpfen. Du schreibst:

„Der Franzose George Soulié de Morant gilt als Vater der westlichen Akupunktur.
Er behauptete, Akupunktur in China gelernt zu haben. Aber alle Indizien deuten
darauf hin, dass er in China nie eine Nadel gestochen, vermutlich nie eine
Nadelung gesehen hat. Seine Akupunktur war im Wesentlichen ein
Fantasieprodukt. An den Folgen dieses Betrugs leidet die TCM bis heute. Von
rationalen Lehrinhalten kann nach wie vor keine Rede sein. Die Einführung der
„Zusatzbezeichnung Akupunktur“ war voreilig. Sie zementierte spekulative
Lehrinhalte, die vielfach dem Aberglauben näher sind als der Wissenschaft.“ [1]

Ich bin froh, dass es solche Leute wie Dich gibt. Du bist ja so eine Art Detektiv
der Medizingeschichte. Und was Du schreibst, ist immer interessant, weil Du Dir
die Zeit nimmst, Dingen, die Dir aufgestoßen sind, auf den Grund zu gehen. Was
Du da über SdM schreibst, ist tatsächlich erschreckend. Vorausgesetzt, dass die
von Dir zusammengetragenen Indizien stimmen, wäre allerdings der Begriff
„Hochstapler“ treffender als der des Scharlatans.
Ich habe SdM nie gelesen. Ich schätze, kaum einer der westlichen Akupunkteure
kennt ihn. Ich habe zwischen 1978 und 1985 – mit Unterbrechungen –
chinesische Medizin in Beijing und Nanjing studiert – auf chinesisch. Als ich 1985
Bekanntschaft mit der DÄGfA machte und Jahre später auch Dozent wurde, fand
ich tatsächlich einige Lehrmeinungen, die ich aus China so nicht kannte, allen
voran die Tonisierungs- und Sedierungspunkte. Aber diese Unterschiede hielten
sich in Grenzen. Insgesamt war die Lehrmeinung der DÄGfA relativ identisch mit
dem, was mir meine chinesischen LehrerInnen erzählt hatten. 1987
veröffentlichte ich mein kritisches Buch zur chinesischen Medizin, das ich
bewusst „Medizin und Heilung in China“ [2] nannte, um klar zu machen, dass
auch in China Medizin nicht identisch mit Heilung ist, dass es immer diskrete bis
sehr starke Unterschiede zwischen theoretischen Lehrmeinungen und
tatsächlicher Praxis gibt. Ich hatte schon in Beijing und Nanjing feststellen
müssen: je mehr Lehrer ich kennen lernte, desto mehr Lehrmeinungen, aber
auch Pragmasien, traten mir entgegen. Du warst damals noch einer der
„gläubigen Anhänger der reinen TCM-Lehre“ und hast mich ob meiner Kritik in
einem privaten Gespräch ziemlich scharf angegriffen, halt wie es so Deine
unnachahmbare Art ist. Ich veröffentlichte auch einen Artikel in der
ethnomedizinischen Zeitschrift Curare, den ich „Aneignung durch Umdeutung“
[3] nannte, und beschrieb in zehn Thesen den gewöhnlichen Prozess der
Adaptation und Akkulturation einer fremden Lehre im eigenen Kulturraum.

Der vergängliche Einfluss der Paten

Ich konnte auch feststellen, dass die DÄGfA kein Monolith war (und ist). Sie ist –
wie andere Akupunkturgesellschaften auch – ein lebendiger Organismus, geprägt
von gesellschaftlichen Einflüssen und Erfahrungen und Ideen bestimmter
Menschen. Hier eine geradlinige Kausalkette zwischen dem „Schwindler“ SdM
und den heutigen Akupunkturgesellschaften zu konstruieren, ist absurd. SdM
war so etwas wie der Pate der französischen Akupunktur. Aber sehr schnell
erkannten auch seine Schüler, dass da Vieles nicht stimmte. Und so kam es
eben auch dazu, das sein prominentester Schüler Roger de la Fuye ihn bei
Gericht wegen „unerlaubter Medizinausübung“ anzeigte. [4] Ein gewaltiger
Schritt, ein „ akademischer Vatermord“, wie Du es selbst benennst. Und
trotzdem, so glaubst Du, habe man fröhlich an all den von SdM vertretenen
Theoremen festgehalten? Die ersten deutschen und österreichischen
Akupunkteure lernten von den Franzosen. 1951 wurde die Deutsche
Gesellschaft für Akupunktur, der Vorläufer der DÄGfA, gegründet, 1952 erschien
die erste Ausgabe der DZA. Bis heute ist nicht ein einziger Artikel von SdM in der
DZA erschienen. Großer Einfluss?
Noch ein Grund, der gegen eine geradlinige Gedankenübertragung zwischen SdM
und den heutigen deutschen Akupunkturgesellschaften spricht. Die Aussagen
von SdM waren ja so rudimentär und inkonsistent, dass sie nicht als Leittheorie
taugten. Die deutsche Gründer-Generation in der Akupunktur – und das zeigt
fast jeder Artikel der DZA in den fünfziger und sechziger Jahren – suchte
fieberhaft nach Erklärungsmodellen. Auf SdM wurde in keinem mir bekannten
Artikel rekurriert. 1956 veröffentlichte Erich Siefvater, auch einer der Großen der
ersten Tage, die 2. Auflage seines Buches „Akupunktur als Neuraltherapie“. Wie
definierte er damals die Akupunktur? „Während im ersten Abschnitt die
altchinesische Akupunkturlehre geschildert wird, werden im zweiten Teil die
Akupunkturpunkte einer naturwissenschaftlichen Kritik unterzogen. Im dritten
Teil wird eine Synthese von Segmenttherapie, Akupunktur- sowie
Reizkörpertherapie entwickelt. Aus letzterer ergibt sich aus physiologischen
Erkenntnissen, unter Beachtung des Schmerzproblems, daß die Akupunktur sich
im Prinzip den modernen Hautreiztherapien angleicht.“ [5] Großer Einfluss von
SdM?

Der gewundene Prozess der Erkenntnis

Die Akupunktur Ära France - Allemagne endete etwa Ende der 50-er Jahre. Da
hatte man sich weitgehend freigeschwommen, hatte aus den eigenen
Erfahrungen geschöpft, neue Theoreme entwickelt, andere Quellen eröffnet, so
wie Heribert Schmidt, der in Japan ausgebildet worden war. 1957 traten bereits
die ersten Pekinger Akupunktur-Professoren auf dem 9. Internationalen
Kongress der Akupunktur in Wien auf. Und dann kam die Zeit, wo man nicht nur
von, sondern wieder in China lernte, allen voran durch Georg König und Ingrid
Wancura. Aber die Geschichte lehrt uns auch, dass Einiges immer haften bleibt.
Die deutschen Akupunkturgesellschaften sprechen von der Milz-Leitbahn, die
österreichischen nach SdM vom Milz-Pankreas-Meridian. Aber zeige mir, wer hier
nicht verstanden hat, dass es sich bei der Milz – oder auch Milz-Pankreas – um
eine Metapher handelt, während der Magen als Organ gemeint ist, wenn wir vom
Magen reden.

Es ist ein Kennzeichen einer Erfahrungsheilkunde, dass „Auseinandersetzung der
Linien“ stattfinden, dass Altes durch Neues abgelöst wird, dass aber auch Teile
des Alten weiter bestehen. In einer demokratischen Akupunkturgesellschaft
kann niemand, nicht einmal der Vorstand, eine bestimmte Linie, einen
bestimmten Denkstil, beschließen. Für manche wird zu wenig (meine Position),
für manche wird zu viel gestritten bzw. um Erkenntnis gerungen. Man darf auch
nicht vergessen, dass der Weg der Erkenntnis kein geradliniger ist. Es gibt so
etwas wie eine Beharrungstendenz: Auf einer Dozentenversammlung der DÄGfA
wurde Anfang der 90-er Jahre beschlossen, die Puls-Tastung nicht mehr zu
lehren, zu evident waren ihre Widersprüchlichkeiten und die damit verbundnen
diagnostischen Unsicherheiten. Aber die Pulstastung hat sich dann doch wieder
punktuell in Teile des Curriculums eingeschlichen.
Ich gehörte und gehöre zu denen, die immer wieder fordern, in den Aussagen
der TCM zwischen biologischer Realität und Metapher, zwischen proto-
wissenschaftlicher, aber heute überholter Aussage zu unterscheiden, frei nach
dem Motto: Erklärungsmodelle, die zu Zeiten großer anatomischer und
physiologischer Unkenntnis aufgestellt wurden, und die teils aus sozialen und
philosophischen Modellen abgeleitet wurden, haben eine geringe
Wahrscheinlichkeit, der Realität zu entsprechen. Und ich gehöre zu denen, die
glauben, dass wir bald die Chance haben, die Akupunktur auch sprachlich zu
„entrümpeln“, die Akupunktur vom Kopf auf die Füße zu stellen. Viele Theorien
haben dennoch geholfen, den medizinischen Prozess voranzutreiben: der
vorläufig gültige Irrtum. Die Kunst in diesem Prozess besteht darin, festzustellen,
wann bestimmte Theorien zu einem Hindernis der weiteren Entwicklung werden.
Zum Beispiel dann, wenn bessere Erklärungsmodelle vorliegen. Als Beispiel sei
die aktuelle Diskussion um die Segment-Anatomie [6] angeführt. Ich weiß aber
auch, dass dieser Prozess der Modernisierung in der chinesischen Arzneitherapie
weitaus schwieriger ist als in der Akupunktur.

Guter Detektiv – lausiger Historiker

Dieser Prozess der kontinuierlichen Diskussion wurde in gewisser Weise –
zumindest auf der legalistischen Ebene – durch die Zusatzbezeichnung
Akupunktur 2003 behindert. Genau hier versagt aber Deine Analyse. Die
Zusatzbezeichnung Akupunktur zu erlangen, war der verständliche Wunsch der
Akupunkturgesellschaften. Millionen von Menschen ließen sich inzwischen mit
Akupunktur behandeln, die Akupunktur fand in immer mehr universitären
Einrichtungen Anwendungen, die in den Fachgesellschaften organisierten
deutschen Akupunkteure stellten die meisten anderen Fachverbände
zahlenmäßig in den Schatten (geschätzte 30.000 – 40.000 ärztliche
Akupunkteure). Die Zusatzbezeichnung wurde vom Deutschen Ärztetag
entschieden. Doch dann kam die Ernüchterung. Als es darum ging, das
Curriculum zu erstellen, witterte die Ärztekammer ihre Chance, die
Ausbildungshoheit der Akupunkturgesellschaften zu brechen und auch die
Lehrinhalte an sich zu reißen. Es ging um Macht, um Kontrolle von
Außenseitern, auch um Egoismen und nicht zuletzt um Teilhabe am
Ausbildungskuchen: einige LÄKs bauten eigene Akupunkturkurse auf. Wir hatten
seit 1995 eine sehr kritische Vollausbildung mit 350 Stunden initiiert, besaßen
einen enormen Erfahrungspool. Doch das minutiös ausgearbeitete
"Musterkursbuch Akupunktur" entstand eben nicht in aufrichtiger
Zusammenarbeit der Ärztekammern mit den Akupunkturgesellschaften. Unsere
Expertise wurde nicht gesucht: Einige wenige Beauftragte der Ärztekammern –
allen voran aus der LÄK Nord-Rhein – setzten sich mit einigen wenigen
selbsternannten Kennern der TCM zusammen und schrieben viele alte Klamotten
hinein, die die DÄGfA inzwischen abgelehnt hatte oder nur noch als historisch
wichtig deklarierte. Wer hat hier also wen „über den Tisch gezogen“, wie Du im
besten Boulevard-Stil schreibst?
Weiterhin: Solche Musterbücher (wie auch Repetitorien) gehen
notwendigerweise immer über die kritische Realität hinaus, weil sich kein Autor
dem Vorwurf aussetzen will, etwas nicht zu wissen oder vergessen zu haben –
man denke nur an die unsägliche und nicht auszurottende Mär von den sog.
verbotenen Punkten in der Schwangerschaft. Die Realität bildet sich besser ab in
der praktischen Arbeit bzw. in Monographien, vor allem denen, die sich einer
integrativen Medizin verschrieben haben. [7, 8]
Im "Musterkursbuch Akupunktur" offenbarte sich erstmals die medizinpolitische
Ohnmacht der großen Akupunkturgesellschaften. Für die DÄGfA und auch für die
DGfAN, die ja durch ihren Anteil an Neuraltherapie sehr stark Segment-
anatomisch ausgerichtet war, stellten diese inhaltlichen Festschreibungen einen
Rückschritt dar. Lizensierung hat immer einen doppelten Charakter: Einerseits
gibt sie legale Sicherheit, andererseits unterwirft sich der inhaltliche Prozess
äußeren Kontrollinstanzen. Auf Deiner homepage, auf der Du
Hintegrundmaterialien anbietest, liest sich dieser Prozess aber ganz anders:

„46 Jahre, von 1929 bis 1975, lernte man von Soulié de Morant und dessen
Nachfolgern. Danach, seit 1975 das erste chinesische Akupunkturbuch auf
englisch erschien, von den Chinesen. Scheinbar eine logische, kontinuierliche
Abfolge. Rationale, jahrzehntelang überprüfte Lehrinhalte. So jedenfalls
behaupteten es die deutschen Akupunkturgesellschaften, die ansonsten immer
zerstritten waren. Tatsächlich gelang es ihnen damit, die gesamte deutsche
Ärzteschaft über den Tisch zu ziehen. Sie setzten durch, dass der 106. Deutsche
Ärztetag am 22. Mai 2003 die "Zusatzbezeichnung Akupunktur" etablierte.
Seitdem dürfen sie, die Akupunkturgesellschaften, bestimmen, was die Ärzte
lernen müssen, um die Akupunktur auf ihr Praxisschild schreiben zu dürfen.
Seitdem gibt es bei der Bundesärztekammer ein "Musterkursbuch Akupunktur",
das die wichtigsten Lehrinhalte zusammenfasst – angeblich ein solides,
überprüftes Curriculum. In Wahrheit ein Konglomerat von absurden Begriffen,
konfusen Erklärungen, falschen Bewertungen sowie von Konzepten, die dem
Aberglauben vielfach näherstehen als dem Geist aufgeklärter Wissenschaft. Ein
Schandfleck der rationalen Medizin. Eine Blamage. Eine Kapitulation der
deutschen Ärzteschaft vor einer geschickten Lobby von Bluffern, die das Wort
"Ganzheitlichkeit" vor sich hertragen wie des Kaisers Schneider die Seide der
neuen Kleider... Dass die Akupunkturgesellschaften durch einen Bluff die
"Zusatzbezeichnung" erschleichen konnten, ist allerdings weder ein Wunder
noch in der Akupunkturgeschichte einmalig. Denn auch der Anfang von dem,
was 2003 seinen vorläufigen Abschluss fand, war nichts als ein riesengroßer
Bluff. Soulié de Morant, der 1929 alles angefangen hatte, war ein Scharlatan.“
[9]

Die deutschen Akupunkturgesellschaften hätten die arme deutsche Ärzteschaft
„über den Tisch gezogen“, sie und ihre Führer seien „ geschickte Bluffer “, eben
genau wie ihr großer Ziehvater Soulié de Morant, von dem sie alle abstammen.
So also schließt sich der Kreis: Das ist starker Tobak und ziemlicher Blödsinn
zugleich, der die gesellschaftlichen Realitäten auf den Kopf stellt. Hier war nicht
historische Sorgfalt der Ziehvater Deiner Gedanken, sondern Deine etwas
unkontrollierte Wut auf die Akupunkturgesellschaften, mit denen Du ja als
Einzelperson seit Jahren in Fehde stehst: Theo allein gegen den Rest der Welt.
Das war nicht nur spitzfederig geschrieben, sondern auch mit Schaum vor dem
Mund – aber leider mit Tomaten vor den Augen.

Wo findet der wahre Dialog statt?

Auf Deiner homepage führst Du eine Reihe von Theoremen der TCM auf, die
verändert gehören (das ist der bessere Teil der homepage). Im Kapitel „Was
taugt die Akupunktur?“ steht allerhand Richtiges drin. Du schreibst: „Es ist an
der Zeit, endlich die gesamten Lehrinhalte der TCM einer gründlichen
Überprüfung zu unterziehen – im Westen wie in China.“ [10] Gut so, aber Du
musst Dir gefallen lassen, dass ich Dir sage: Was Du da an dem theoretischen
Überbau der TCM kritisierst, fällt gegenüber dem, was seit Jahren in der DÄGfA
diskutiert wird, zurück.
1999 habe ich für Dein Buch „Akupunkturpraxis“ einige Sätze zum Geleit
geschrieben und der Hoffnung Ausdruck gegeben, dass Dein Buch „Grundlagen
bieten und Anstoß geben werde zur Überprüfung der Validität und Reliabilität
vieler uns `liebgewonnener´ Einstellungen und Ansichten in der Akupunktur“.
[11] Es blieb aber weitgehend wirkungslos. Warum? Weil es von einem
Außenseiter kam, der nicht in der Diskussion verankert war. Wenn Du
mitdiskutierst, wirst Du sehen, wie schwer es ist, neue Erkenntnisse in die Köpfe
der Menschen zu bringen. Man kann ihnen natürlich Dummheit vorwerfen, aber
die Aufgabe des Historikers wäre es zu verstehen, warum bestimmte
Hoffnungen, Träume, ja Illusionen in ein fremdes Medizinsystem transportiert
werden, warum es so schwer ist, sie zum Loslassen tradierter, in sich
geschlossener, Sicherheit vorgaukelnder, vorübergehend hilfreicher, aber
inzwischen überholter Theoriesysteme zu bewegen. [2, 3] Vielleicht hilft es ja
auch, wenn Du Dich an Deine eigenen „ganzheitlichen“ Vorstellungen von der
TCM vor 25 Jahren erinnerst?

Deine Attacke im Deutschen Ärzteblatt und Deine homepage ächzen unter
ätzendem, sarkastischem Spott, wahrscheinlich mit großen Lustgewinn für Dich
verbunden. Ob er zu etwas führt? Eher fraglich. Zu dem Zeitpunkt, wo die
Pharma-Industrie-gestützte machtführende Ärzteschaft den Akupunkteuren
auch finanziell an den Kragen will (siehe das Editorial DZA 1/2010 und auch
dieser Ausgabe [12, 13]), die Akupunkturgesellschaften generell und damit die
Methode Akupunktur aus purem Unwissen heraus (oder doch gezielt?) im
Deutschen Ärzteblatt anzuschwärzen und nicht den Dialog zu suchen – das ist
historisch blind (oder doch boshaft?). Da wird man dann leicht zu einem Quisling.
Die Möglichkeit zum Dialog steht Dir offen, z.B. hier in der DZA. Hör auf zu
schimpfen, arbeite mit, reiche ein Manuskript ein, diskutiere mit den richtigen
Leuten. Aber wisse: Einen so redundanten und Boulevard-mäßig geschriebenen,
tendenziösen Artikel voller Illogismen wie Deiner im Deutschen Ärzteblatt wirst
Du bei uns nicht durchbekommen. Wir haben ein funktionierendes Review-
System! Aber wisse auch: Wir stehen in der über 50-jährigen Tradition eines
Dialogforums: Der Gründer der DÄGfA und der erste Chefredakteur der DZA,
Gerhard Bachmann, war es, der dem jungen französischen Arzt Paul Nogier, der
seine Entdeckungen zur Ohr-Kauterisation zu ersten Ansätzen einer Ohr-
Akupunktur weiter entwickelt hatte, 1957 die Gelegenheit bot, den allerersten
Artikel hierzu in der DZA zu veröffentlichen. [14] Dies war Nogier in Frankreich
verweigert worden, auch seitens der Übermacht von de la Fuye in der
Akupunktur. Und nur wenig später gab Bachmann de la Fuye Gelegenheit, gegen
diesen „Unsinn“ in der DZA aufzutreten. [15, 16) Die LeserInnen sollten
entscheiden. Haben sie. Schon zwei Jahre später erschienen in der DZA erste
Fallberichte eines deutschen Arztes zu fünf PatientInnen mit Asthma, die er
mittels Ohrakupunktur behandelt hatte. [17) Die Geschichte hat auch
entschieden. Wer kennt heute noch SdM und RdlF?

Literatur:
1. Lehmann H. Akupunktur im Westen: Am Anfang war ein Scharlatan. Dtsch
Arztebl 2010; 107(30): A 1454–7
2. Ots T. Medizin und Heilung in China – Annäherungen an die traditionelle
chinesische Medizin. Berlin: Reimer, 1987 (3. veränderte Aufl. 1999)
3. Ots T. Aneignung durch Umdeutung – Zur Rezeption der traditionellen
chinesischen Medizin in Deutschland. Curare 1987; 10:169-195
4. http://www.tcm.de/html/aktuell__george_soulie_de_mora.html: Indizien und
ein Urteil
5. Stiefvater EW. Akupunktur als Neuraltherapie. 2. Aufl. Ulm: Karl F. Haug,
1957
6. Wancura-Kampik I. Segment-Anatomie. München: Elsevier, 2008
7. Bäcker, M. / Hammes, MG, eds. Akupunktur in der Schmerztherapie.
München: Elsevier, 2008
8. Bachmann J. Chinesische Medizin in der Orthopädie. München: Elsevier, 2008
9. http://www.tcm.de/html/aktuell__george_soulie_de_mora.html: Erst
Cholera, dann „funktionelle Störungen“
10. http://www.tcm.de/html/aktuell__george_soulie_de_mora.html: Was taugt
die Akupunktur?
11. Lehmann HJ. Akupunkturpraxis – Chinesische Standardtherapie mit
Relevanzkarten. München: Urban & Fischer, 1999
12. Irnich D. Akupunktur in Deutschland: Geld oder Liebe? Dt Ztschr f Akup.
2010;53,1:4-5
13. Stör W. Dt Ztschr f Akup. 2010;53,3:4-5 (in press)
14. Nogier R. Dt Ztschr f Akup. 1957;6,3-4:25-33; 1957;6,5-6:58-63;
1957;6,7-8:87-93
15. Fuye R de la. Nehmt Euch in acht vor phantastischen Akupunkteuren. Dt
Ztschr f Akup. 1958;7,1-2:22-23
16. ders. Abdruck in: Dt Ztschr f Akup. 2008;51,1:86
17. Gerdts KE. Ohr-Akupunktur bei Asthma. Dt Ztschr f Akup. 1959;8,9-10:95-
97

Dr. med. Dr. phil. Thomas Ots
Chefredakteur
Deutsche Zeitschrift für Akupunktur
St. Peter Hauptstr. 31 f
A-8042 Graz
ots@daegfa.de


Avatar #87250
am Mittwoch, 11. August 2010 um 11:39
geändert am 11.08.2010 12:18:42

Schön, dass sich die DÄGfA auch mal in die Diskussion einschaltet.



T. Ots

Dr. med. Dr. phil. Thomas Ots
Chefredakteur
Deutsche Zeitschrift für Akupunktur
St. Peter Hauptstr. 31 f
A-8042 Graz
ots@daegfa.de


Denn die Diskussion trifftet doch enorm ab. Es entstand der Eindruck, dass es bei der Akupunktur nur um Abzocke geht, aber nicht um einen medizinische Behandlung. Ich habe selbst beide Diplome der DÄGfA gemacht und viele Kontakte geknüpft. Leider ist offenbar nicht immer klar was Akupunktur sein soll. Da ich hier in Schweden angekommen bin, wo Akupunktur von Krankengymnasten gemacht wird und bitte nur die "europäische Akupunktur " ( weiss der Teufel was das nun sein soll), sehe ich die hier angewandte Akupunktur ehr als eine Mischung zwischen Segmenttherapie und einer sehr kastrierten chinesischen Akupunktur. Leider sind die Resulate entsprechend schlecht. Liegt allerdings nicht an der Akupunktur sondern dem katastrophalen Defizit der Akupunkteure oder diejenigen, die sich dafür halten. Wer meint dass eine Nagelmatraze genau das gleiche bringt wie eine Akupunktur hat halt von der Materie keine Ahnung. Er gleicht einem Neandertaler den man vor einen Computer setzt. Letztlich haben die grössten Kritiker der Akupunktur NICHT mit ihr gearbeitet. Sie haben eine vorhergefasste Meinung, dass das nicht wirken kann und argumentieren damit. Sicher es gibt keine wissenschaftlichen Studien, die ihren Nutzen belegen, aber es gibt keine wissenschaftliche Studie, die die Appendektomie verifiziert hat. Noch gibt es einen wissenschaftliche Studie zur Arbeitsttherapie oder Krankengymnastik. Hier verlassen wir uns alleine auf unser Vorurteil: Krankengymnastik ist gut.
Avatar #104081
am Sonntag, 15. August 2010 um 19:24
geändert am 15.08.2010 19:30:37

TCM verliert in China an Bedeutung.

weiters wäre interessant zu klären, warum denn in der westlichen welt, wo unsere westliche medizin dominiert, die lebenserwartung um so vieles höher ist als in den ländern mit traditionellen wunderheilkunden wie ayurveda in indien oder TCM in china.

und man könnte zur abwechslung mal damit beginnen zu erforschen, wie denn eigentlich diese wunderheilkunden funktionieren.
Die Lebenserwartung in China hat mit TCM vermutlich wenig zu tun. TCM ist nicht die chinesische Medizin. Medizin in China orientiert sich im Wesentlichen an westlichen Standards. Das Land hat andere Gesundheitsproblem. HIV wurde dort lange totgeschwiegen, was die Epidemie befördert hat, Hepatitis Übertragungen im großen Stil an Blutspender durch verdreckte Nadeln, Korruption, Armut, schlechte Versicherungssysteme, daran und an Ähnlichem kranken und sterben die Chinesen oft zu früh.

Die Forschung zum Placeboeffekt ist in den letzten Jahren weite Wege mit großen Resultaten gegangen. Placebowirkungen gibt es allerdings auch, wenn man wirksame Behandlungen einsetzt- zusätzlich. Placebowirkung und Akupunkturwirkung dürften nach der Studienlage weitgehend identisch sein. So manche Operation und so manches noch vermarktete Arzneimittel schneiden in Placebo kontrollierten Doppelblindstudien auch nicht besser ab als Akupunktur. Es ist sehr nützlich, wenn sich dies in Placebo kontrollierten Doppelblindstudien erweist, wird doch üblicherweise nach und nach das Mittelchen oder der Eingriff der nicht besser ist als Placebo verschwinden. Häufig wird ganz einfach der Spontanverlauf als Besserung fehlinterpretiert.

Placebowirkung + Zuwendung ist das Geheimnis der Akupunktur. Ob die Nadel nun eine sadomasochistische Kollusion zwischen Arzt und Patient darstellt oder dazu dient die therapeutische Distanz besser einhalten zu können ist aus meiner Sicht offen. Zuwendung, Zuhören, Empathie, sollte Ärzten allerdings auch ohne Nadeln in ihre Patienten zu stecken möglich sein.

Es ist wenig einsichtig, warum nicht eine Krankengymnastin Aktupunktur machen sollte. Das Wissen, wo man der Gefährlichkeit wegen nicht stechen sollte und der Umgang mit Hygiene, sterilen Nadeln, dürfte eine Krankengymnastin, einen Krankenpfleger, Heilpraktiker etc. leicht zu erlernen sein. Die Lokalisationsmethoden, die das reproduzierbare Auffinden von Akupunkturpunkten ermöglichen sollen, sind weder historisch noch praktisch betrachtet klar definiert, und es gibt hier bis heute keine Standardisierung. (Siehe Der Schmerz 4 · 2009, 341).
Avatar #544862
am Dienstag, 16. Oktober 2012 um 22:12

Soulié de Morants

Von Heribert Schmidt weiß ich als einer seiner langjährigen Schüler, dass für ihn nicht Soulié de Morants massgeblich für seine Ausbildung war.
Vielmehr unterzog er sich einer 3 jährigen Ausbildung in Japan bei japanischen Meistern.
Er war ein Meister in seinem Fach, was ich in vielen Seminaren und am eigenen Leib erfahren habe.
Avatar #660870
am Dienstag, 15. Januar 2013 um 13:55

Akupunktur

Wirklich sehr interessante Beiträge zu diesem Thema, in das ich mich derzeit einarbeitet. Ich wollte mich hiermit nur herzlichst für die tiefgehenden Informationen bedanken!

Mit freundlichen Grüßen

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