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Avatar #102832
am Samstag, 7. Januar 2012 um 20:19
geändert am 09.01.2012 20:24:06
geändert am 09.01.2012 20:54:03
geändert am 09.01.2012 21:05:31
geändert am 15.01.2012 09:07:49
geändert am 21.02.2012 16:43:44
geändert am 07.05.2012 02:32:07
geändert am 19.06.2012 04:31:33
geändert am 31.01.2017 15:03:40

Überbewertung vom Tschernobylthema: cui bono?

Dieser Text ist veröffentlicht worden:
Jargin SV (2012) Überbewertung der Tschernobylkonsequenzen: Mechanismen und Beweggründe. IPPNW-Forum 129: http://www.ippnw.de/index.php?id=644

Hier ist ein aktualisierter Text:

Die medizinischen Konsequenzen der Tschernobylkatastrophe wurden in vielen Veröffentlichungen überbewertet [1-7]. Dabei wurden die folgenden Mechanismen der Überbewertung diskutiert: eine Deutung spontaner Erkrankungen in ausgesetzten Bevölkerungsgruppen als strahlungsinduziert; Diskussion von Radioaktivität und Strahlendosen ohne die Werte mit dem natürlichen Strahlungshintergrund zu vergleichen, Schlussfolgerungen aus der Morbiditätserhöhung ohne statistisch korrekte Vergleiche mit Kontrollpopulationen. Insbesondere wurde die LNT-Hypothese (linear non threshold) als postulierter Dosis-Wirkungszusammenhang [8] in mehreren Artikeln für unbegründete Extrapolationen gebraucht, z.B. um die Inzidenz strahlungsinduzierter maligner Tumoren und anderer Erkrankungen zu prognostizieren [9,10]. Es muss an dieser Stelle darauf hingewiesen werden, dass die Gültigkeit der LNT für kleinere Dosen, insbesondere für diejenigen, die mit den Dosen von der natürlichen Strahlung vergleichbar sind, nie bewiesen wurde. Die LNT berücksichtigt nicht, dass die Schädigung und Reparatur der DNS permanente Vorgänge sind, die sich im dynamischen Gleichgewicht befinden. Ähnlich anderen Umweltfaktoren konnten die Lebewesen sich auch zur natürlichen Strahlung adaptieren, was mit der LNT nicht vereinbar wäre. In ferner Vergangenheit war der Strahlungshintergrund höher als heute; dementsprechend kann die Adaptation zu höheren Dosen einer chronischen Bestrahlung vorhanden sein [11-13].
In einigen Studien waren die hohen Inzidenzwerte vermeintlich strahlenbedingter Erkrankungen von einer nicht-zufälligen Auswahl der Fälle oder einer inadäquaten morphologischen Beurteilung mitverursacht [2-4]. Falsches Zitieren und Missdeutung statistischer Daten wurden in einigen Veröffentlichungen nachgewiesen [3,5]. Überbewertung der Tschernobylkonsequenzen kommt auch in Reviews zum Vorschein [9]. Wie es im Kommentar [3] besprochen wurde, zeigt der Bericht [9], dass die Tschernobylkonsequenzen nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion (SU), sondern auch außerhalb, überbewertet wurden. In der ehemaligen SU erleichterte die Überbewertung die Anfertigung zahlreicher Dissertationen, den Zugang zu Finanzmitteln und Hilfeleistungen, sowie die internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit. Später sind auch andere Motive in Erscheinung getreten: die Überbewertung hat die Entwicklung der Kernenergie in vielen Ländern verhindert, und auf diese Weise zur Preiserhöhung der fossilen Energieträger beigetragen. Für einen internen Beobachter ist es offensichtlich, dass hinter der Lawine teils russischsprachiger Veröffentlichungen (in den Literaturverzeichnissen von [9] aufgelistet), die die Folgen des Tschernobylunfalls überbewerteten, eine Direktive stand, was für die Sowjetwissenschaft nicht ungewöhnlich war. Die Forschungsthemen wurden oft den Forschern zugeteilt, während die "zu erwartenden" Ergebnisse von einem wissenschaftlichen Rat festgelegt und faktisch oft im Voraus vorgeschrieben wurden. Die gewünschten Forschungsergebnisse konnten von Vorgesetzten "empfohlen" werden, was von einem tief verankerten autoritären Führungsstil begünstigt wurde. In diesem Bereich scheint auch die Erklärung vom Paradox zu liegen: „Mutationen am Minisatelllitengenom nach Tschernobyl, aber nicht nach Hiroshima und Nagasaki“ [14]; kommentiert in [15]. Im Westen fanden sich als Motive der Tschernobylüberbewertung die anti-nuklearen Sentiments, die von der Grünen Bewegung im Einvernehmen mit den Interessen der Erdölförderer propagiert wurden. Der Aufruf, die noch am Netz verbliebenen Atomkraftwerke abzubauen [16], lockt in eine Falle. Das Verbot der Kernenergie in Europa bedeutet eine zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland. Solange das zum beiderseitigen Nutzen geschieht, ist das allerdings in Ordnung. Unseriöse pseudo-wissenschaftliche Aussagen dürfen jedoch nicht als Begründung für den Ausstieg aus der Atomkraft benutzt werden. Tschernobyl wurde ausgenutzt, um die globale Entwicklung der Kernenergie zu strangulieren [8], es war aber auch notwendig: die Kerntechnologien durften nicht in die von unstabilen Regimen regierten übervölkerten Länder verbreitert werden, wo Konflikte und Terrorismus nicht auszuschließen sind. Heute gibt es aber keine Alternative zur Kernenergie: die nichterneuerbaren fossilen Brennstoffe werden immer teurer werden, was übermäßiges Bevölkerungswachstum in den erdölfördernden Ländern und Armut anderswo zur Folge haben wird. Die Kernenergieproduktion wird vom vergleichsweise sehr wenig Ausstoß der Treibhausgasen begleitet [17]. Obwohl die globale Entwicklung der Kernenergie eine dringende Notwendigkeit ist, würde sie nur dann möglich sein, wenn die Sache von einer ermächtigten internationalen Exekutive geleitet wird [18]. Dann wird es auch möglich, die Kernkraftwerke an optimal geeigneten Plätzen zu bauen, ungeachtet der Staatsgrenzen, unter Berücksichtigung aller sozio-politischen, geographischen und geologischen Bedingungen, der Arbeitsqualität lokaler Arbeitskräfte usw. Auf diese Weise können Nuklearunfälle vorgebeugt werden.
Einen besonderen Kommentar erfordert der Schilddrüsenkrebs. Die erhöhte Inzidenz des Schilddrüsenkarzinoms bei Bestrahlten im Kindes- und Jugendalter ist nicht wegzudiskutieren [19]. Es gibt jedoch viele Hinweise, dass die Inzidenzerhöhung des Schilddrüsenkrebses weitgehend von anderen Faktoren verursacht wurde: Screening mit Entdeckung und Registrierung vernachlässigter, latenter und fraglicher Fälle, Hyperdiagnostik, Registrierung nicht-bestrahlter Patienten als Tschernobylopfer [1-7,17]. Die registrierte Inzidenz der Schilddrüsentumoren in Belarus und Ukraine vor dem Unfall war im Vergleich mit entwickelten Ländern sehr niedrig [6,7,20], was offenbar durch die Qualität der sowjetischen Gesundheitsversorgung zu erklären ist. Der Screening mit Anwendung von Ultraschallgeräten entdeckte nicht nur kleine Knoten sondern auch alte vernachlässigte Tumore, die auch von nicht-kontaminierten Gebieten gebracht wurden [21]. Die fortgeschrittenen Krebse wurden mitunter als aggressive strahleninduzierte Neubildungen, die sich nach einer kurzen Latenzzeit entwickelt hatten, fehlgedeutet [6,7]. Der Screening-Effekt ist von der Qualität der vorausgegangenen medizinischen Versorgung abhängig: je höher die Qualität, desto weniger nicht-diagnostizierter Fälle bleibt in der Bevölkerung, und desto geringer wird der Screening-Effekt. Dementsprechend wird die Abwesenheit einer signifikanten Inzidenzerhöhung des Schilddrüsenkrebses nach dem Fukushima-Unfall das hohe Niveau der medizinischen Versorgung in Japan insbesondere für Kinder belegen [22].
Der Autor dieses Berichtes reiste in die ehemals kontaminierten Territorien, befragte Pathologen und andere Ärzte, die sich an der Diagnostik nach dem Unfall beteiligten. Die meisten Fachleute stimmten zu, dass die Konsequenzen überbewertet wurden, und dass es oft irrational und auch interessengesteuert gearbeitet wurde. Die Radiophobie [23] hat ihrerseits zur Hyperdiagnostik beigetragen, was durch die folgenden Zitate aus der russischsprachigen Fachliteratur illustriert werden kann (wortwörtliche Übersetzung): "Praktisch alle Thyroidknoten unabhängig von deren Größe wurden um diese Zeit bei Kindern als potentiell maligne Tumoren betrachtet, die eine dringende Operation benötigen" oder "Aggressivität der Chirurgen hat zur Kürzung der Latenzzeit beigetragen" [24]. Der Jodmangel in kontaminierten Gebieten, der bekanntermaßen mit der Strumahäufung einhergeht, bietet eine zusätzliche Erklärung, warum so viele Schilddrüsenknoten beim Screening gefunden wurden. Einige dieser Knoten wurden als Karzinome fehlgedeutet. Die veraltete Laborausrüstung und Fachliteraturmangeln [25] in den neunziger Jahren und die dementsprechend niedrige Qualität der histologischen Schnitte beeinträchtigten die Zuverlässigkeit der histologischen Diagnostik, was unter den Bedingungen einer Radiophobie zu einer Hyperdiagnostik beigetragen hat. Zum Schluss muss auch erwähnt werden, dass die Überbewertung der Tschernobylkonsequenzen zu einer inadäquaten Einschätzung der Karzinogenität vom Radiojod beitragen kann, was ungünstige Folgen für die Forschung und Praxis haben würde.
Literatur
1. Jargin SV. Overestimation of Chernobyl consequences: biophysical aspects. Radiat Environ Biophys. 2009;48:341-4.
2. Jargin SV. Thyroid carcinoma in children and adolescents resulting from the Chernobyl accident: possible causes of the incidence increase overestimation. Cesk Patol. 2009;45(2):50-2.
3. Jargin SV. Overestimation of Chernobyl consequences: poorly substantiated information published. Radiat Environ Biophys. 2010;49:743-5.
4. Jargin SV. Validity of thyroid cancer incidence data following the Chernobyl accident. Health Phys. 2011;101(6):754-7.
5. Jargin SV. Unfounded statements tending to overestimate Chernobyl consequences. J Radiol Prot. 2013;33(4):881-4.
6. Jargin SV. Chernobyl-related cancer and precancerous lesions: Incidence increase vs. late diagnostics. Dose-Response 2014;12(3):404-14.
7. Jargin SV. Hypothesis: overestimation of Chernobyl consequences. J Environ Occup Sci. 2016;5(3):59-63. doi: 10.5455/jeos.20160812114809
8. Jaworowski Z. Observations on the Chernobyl Disaster and LNT. Dose Response 2010;8:148-71.
9. Yablokov AV, Nesterenko VB, Nesterenko AB. Chernobyl. Consequences of the catastrophe for people and the environment. Ann N Y Acad Sci. 2009; vol. 1181.
10. Bertell R. Behind the cover-up. Assessing conservatively the full Chernobyl death toll. Pacific Ecologist; Winter 2006.
11. Johansson L. Hormesis, an update of the present position. Eur J Nucl Med Mol Imaging. 2003;30(6):921-33.
12. Karam PA, Leslie SA. Calculations of background beta-gamma radiation dose through geologic time. Health Phys. 1999;77(6):662-7.
13. Jargin SV. Dose and dose-rate effectiveness of radiation: first objectivity then conclusions. J Environ Occup Sci. 2016;5(1):25-29.
14. Walter M. Strahlenschutz - Argumente gegen die von der ICRP (Internationale Kommission für Strahlenschutz) vorgesehenen Lockerungen der Regeln. Schweizerische Ärztezeitung 2005;86:1584-8.
15. Jargin SV. Some aspects of mutation research after a low-dose radiation exposure. Mutat Res. 2012;749(1-2):101-2.
16. Walter M. Die Schweiz und die Atomenergie – der verpasste Zeitplan für den Ausstieg aus der Atomkraft. Zeitschrift der IPPNW; aus dem ATOM-Energie-Newsletter Dezember 2016 https://www.ippnw.de/atomenergie/artikel/de/die-schweiz-und-die-atomenergie.html
17. Smith J, Beresford NA. Chernobyl - Catastrophe and Consequences. Berlin: Springer; 2005.
18. Jargin SV. Nuclear facilities and nuclear weapons as a guarantee of Peace. J Def Manag. 2016;6:146. doi:10.4172/2167-0374.1000146
19. Reiners C. Clinical experiences with radiation induced thyroid cancer after Chernobyl. Genes (Basel). 2011;2(2):374-83.
20. Demidchik YE, Saenko VA, Yamashita S. Childhood thyroid cancer in Belarus, Russia, and Ukraine after Chernobyl and at present.Arq Bras Endocrinol Metabol. 2007;51(5):748-62.
21. Jargin SV. Thyroid cancer after Chernobyl: mechanisms of overestimation. Radiat Environ Biophys. 2011;50(4):603-4.
22. Jargin SV. Consequences of the Fukushima nuclear accident with special reference to the perinatal mortality and abortion rate. J Environ Occup Sci. 2016; 5(4): 82-85 doi:10.5455/jeos.20161203085139
23. Pastel RH. Radiophobia: long-term psychological consequences of Chernobyl. Mil Med. 2002 Feb;167(2 Suppl):134-6.
24. Parshkov EM. Analysis of thyroid cancer morbidity. In: Lushnikov EF. Tsyb F, Yamashita S. Thyroid cancer in Russia after the Chernobyl. Moskau: Meditsina; 2006; S. 36-59.
25. Jargin SV. Eingeschränkter Zugang zur internationalen medizinischen Fachliteratur in der ehemaligen Sowjetunion. Wien Med Wochenschr. 2012;162(11-12):272-5.

Avatar #102832
am Samstag, 14. Januar 2012 um 11:32
geändert am 14.01.2012 14:39:28
geändert am 14.01.2012 14:43:59
geändert am 14.01.2012 22:48:20
geändert am 15.01.2012 09:33:33
geändert am 15.01.2012 10:23:04
geändert am 15.01.2012 12:54:22
geändert am 19.06.2012 04:57:48
geändert am 29.07.2012 08:45:13
geändert am 29.07.2012 09:18:52

Kernenergie in Europa

Die alternativen Energiequellen bieten heute keine Alternative http://en.wikipedia.org/wiki/File:World_energy_consumption_by_type_2006.png
insbesondere für Europa, wo große Wasserkraftwerke nur noch sehr begrenzt errichtbar sind. Das Verbot der Kernenergie in Europa bedeutet eine zunehmende wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland. Solange das zum beiderseitigen Nutzen geschieht, ist das völlig in Ordnung. Viele Leute in Russland sind jedoch der Meinung, dass ein West-Ost Gradient der Autorität und auch der Lebensqualität erhalten bleiben soll: im Westen muss es doch besser sein; sonst wird sich der Schwerpunkt immer weiter nach Osten verschieben, und das wollen wir nicht. Zum Schluss ist es zu empfehlen, die Kernenergie in Westeuropa zu entwickeln.
Avatar #90315
am Sonntag, 15. Januar 2012 um 22:07

sie lasen eine PR-einschaltung der atomindustrie

ganz "unabhängig"!
Avatar #102832
am Dienstag, 17. Januar 2012 um 08:52
geändert am 17.01.2012 10:43:27
geändert am 02.03.2012 07:59:31
geändert am 07.05.2012 02:34:45
geändert am 29.07.2012 08:43:04
geändert am 03.11.2013 02:08:48

Strahlenschutz-Standards

Mehr dazu:

Jargin S. Overestimation of Chernobyl consequences: cui bono? LAP Lambert Academic Publishing 2013 https://www.lap-publishing.com/catalog/details//store/gb/book/978-3-659-23854-3/overestimation-of-chernobyl-consequences:-cui-bono

Avatar #102832
am Dienstag, 22. Oktober 2013 um 15:38
geändert am 06.02.2014 15:57:07
geändert am 04.03.2014 23:19:13
geändert am 09.09.2014 21:23:31

Deutsch-russischer Handel mit medizinischen Geräten

Zusammenfassung

Hindernisse bezüglich der Einfuhr medizinischer Produkte nach Russland tragen zur Preiserhöhung auf dem Binnenmarkt bei, was ungünstige Folgen für die Patientenversorgung hat. Die Hürden auf dem Wege der Einfuhr medizinischer Fachliteratur haben zur Beibehaltung veralteter Behandlungsmethoden beigetragen. Maßnahmen zur Unterstützung der Binnenproduktion werden unter Umständen von einer voreingenommenen Charakterisierung inländischer Produkte in der Fachliteratur begleitet. Die Schlussfolgerung ist, dass für eine erfolgreiche internationale Kooperation im Interesse des Gesundheitswesens und der medizinischen Forschung gegenseitiges Vertrauen erforderlich ist.

Über die komplizierten Mechanismen der Registrierung, Zertifizierung und Verzollung der in die Russische Föderation (RF) zu importierenden medizinischen Produkte wurde bereits berichtet [1]. Medizinische Erzeugnisse, die auf dem Markt der RF verkauft werden sollen, müssen vom Gesundheitsministerium registriert sein. Dafür ist eine Reihe von Zertifikaten und Bescheinigungen in russischer Sprache oder in einer notariell beglaubigten Übersetzung erforderlich. Auch eine Apostille kann erforderlich sein, was zusätzliche Kosten bedeutet. Fertige Dokumente tragen manchmal mehr als zehn Unterschriften und Stempel auf beiden Seiten. Viele Unterlagen werden auch vom Zollamt verlangt. Die Prozeduren sind langwierig; unvorhergesehene Schwierigkeiten können auf jedem Schritt auftreten. Die medizinischen, hygienischen, toxikologischen, technischen und anderen Untersuchungen der Geräte und Materialien werden von wissenschaftlichen Instituten durchgeführt, die sich dafür reichlich bezahlen lassen. Eine klinische Testung wird für jedes Produkt in zwei Einrichtungen vorgenommen. Die Registrierungsprozedur ist aufwändig und dauert viele Monate. Verständlicherweise werden die zusätzlichen Kosten den Patienten in Form einer Preiserhöhung aufgebürdet. Das sogenannte „Wissenschaftliche Zentrum für die Expertise der Medizinprodukte“ berechnet allein für die Begutachtung von Unterlagen Tausende Euro per Produkt, zum Beispiel für ein Füllungsmaterial oder eine Reinigungspaste für die Zahnmedizin.

Nach der Registrierung eines Produktes sind die Hindernisse noch lange nicht überwunden. Eine Vorauszahlung seitens eines russischen Käufers ist nur dann möglich, wenn im voraus eine beträchtliche Summe in einer Bank deponiert wurde. Das Geld für die Ware darf nur dann überwiesen werden, wenn die Zollabfertigung abgeschlossen ist und die Zollpapiere einer Bank vorliegen. Auch der Vertrag muss der Bank vorgelegt werden; eine Rechnung reicht nicht aus. Der Vertrag in zwei Sprachen, zusammen mit anderen Unterlagen, muss notariell beglaubigt werden. Die beglaubigten Kopien werden vom Zollamt behalten, deswegen müssen sie immer wieder neu angefertigt und bezahlt werden. Die Unterlagen müssen von einer amtlich registrierten juristischen Person der RF eingereicht werden, was zur Proliferation der Vermittlungsfirmen geführt hat.

Zahlungen werden oft mit Verspätung geleistet, gelegentlich mit der Absicht, eine unerwünschte Lieferung (z.B. bei überfülltem Lager) aufzuschieben. Lizenzverträge werden gelegentlich nicht eingehalten, wobei die Waren ungeachtet eines Verbotes nach einem dritten Land exportiert bzw. re-exportiert werden, manchmal mit Hilfe von Offshore-Firmen. Es wurde zum Beispiel über die folgende Vorgehensweise berichtet: ein importiertes Erzeugnis oder dessen Komponente werden für defekt erklärt, entsprechende technische Unterlagen dem Hersteller als Beweis gesandt, und eine Entschädigung gefordert. Defekte Exemplare werden ausgesucht und als angebliche Stichproben als Grund für die Zurückweisung einer Warenpartie vorgewiesen [2]. Andererseits können Defekte tatsächlich entstehen, wenn Fertigungsvorgänge einem Lizenzvertrag zuwider geändert werden - um Kosten zu sparen oder im Rahmen der Forschung. Ausländische Unternehmen, die an Geschäftsbeziehungen mit zahlungskräftigen russischen Partnern interessiert sind, werden unter Umständen gezwungen, faule Kompromisse zu schließen.

Zusätzliche Schwierigkeiten werden von den komplizierten Prozeduren der Zollabfertigung verursacht. In einigen Fällen müssen Werkstücke, die z.B. nach Deutschland im Rahmen des sogenannten Regimes der befristeten Ausfuhr zur Verarbeitung gebracht worden sind, manchmal vor der Beendigung des technischen Vorganges dem russischen Zollamt vorgewiesen und dann zurück ins Werk transportiert werden. Die Zollbarrieren einerseits und die langsame russische Post andererseits machen es notwendig, sich immer wieder der Kurierpost zu bedienen, auch für den Versand der Werkstücke. Die Lagerung auf dem Zoll-Lager ist auch nicht billig, und die Lagerungsfrist wird manchmal verlängert, indem der Empfänger mit Verspätung über die Ankunft der Waren benachrichtigt wird. Die Verzollung wird mit der Zeit immer komplizierter. Jetzt fordert das Zollamt auch eine hygienische Testung. Neben dem Zeit- und Geldaufwand bedeutet das unter Umständen eine Verlängerung der bezahlten Lagerungsfrist auf dem Zoll-Lager. Der aufgeblasene Apparat des Zollamtes ist offensichtlich danach bestrebt, sein Fortbestehen zu rechtfertigen und die Einnahmen zu sichern.

Geschenke in direkter und indirekter Form werden sowohl angeboten als auch erwartet. Eine willkommene Geschenkart ist die Auslandsreise. Auch Beamte aus dem staatlichen Gesundheitswesen unternehmen mit ihren Familienmitgliedern Fernreisen auf Kosten von Herstellerfirmen, deren Erzeugnisse sie dann registrieren lassen oder ungeachtet höherer Preise käuflich erwerben. Im Gesundheitsministerium und beim Zollamt werden im Laufe der Registrierung und Verzollung Schmiergelder genommen [1]. Die entsprechenden Beweismaterialien wurden dem Gesundheitsminister zugesandt; soweit es uns bekannt ist, wurden aber danach keine Maßnahmen ergriffen. Im Gegenteil wurde die Verwaltung der Firma, wo der Berichterstatter tätig war, über seinen Brief an das Gesundheitsministerium informiert, was Mobbing und anschließend seine Entlassung zur Folge hatte. Dasselbe hat sich später in einer anderen Firma wiederholt, aus welcher der Informant über die vom Zollamt genommenen Schmiergelder berichtete. Die ausländischen Geschäftspartner werden über die Korruptionsvorgänge informiert, haben aber oft keine andere Wahl, als die entsprechenden Kosten mitzutragen. Auf diese Weise werden sie in die Korruptionsvorgänge verwickelt. Es muss hier darauf hingewiesen werden, dass viele russische Unternehmer die kritische Einstellung teilen, sie ziehen es aber vor, ihre Ansichten nicht zu äußern.

Binnenprodukte werden bekanntermaßen gefördert; bei Vorhandensein eines einheimischen Äquivalentes darf kein ausländisches Produkt registriert werden, obwohl die Qualität des letzteren höher sein kann. Es gibt auch viele andere Hindernisse auf dem Wege der Einfuhr medizinischer Waren nach Russland. Ein ehemaliger hoher Zollbeamter, der zur Zeit bei einer Firma als Ko-Direktor für die Relation mit dem Zollamt tätig ist, sagte von der Tribüne während der Konferenz „Lokalisierung von Medizintechnik in Russland“, veranstaltet von der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau am 5. Dezember 2012, dass es für einen Exporteur nach Russland im Hinblick auf die Kompliziertheit der Zollabfertigung in jedem Fall ratsam sei, eine Vermittlerfirma zu engagieren. Es muss auch vermerkt werden, dass privat von den Ärzten bestellte Fachbücher auch verzollt werden, was nicht nur eine beträchtliche Zollgebühr, sondern auch einen Behördengang mit Schlangensitzen bedeutet, was für einen insbesondere an der Peripherie residierenden Arzt zum Problem werden kann. Auf diese Weise werden die vielbeschäftigten Ärzte zum Engagieren eines Maklers gezwungen.

Die Vermittlerfirmen bieten ihren Beistand in Sachen Registrierung, Zertifizierung und Verzollung der importierten Waren. Zahlreiche Makler und Vermittlerfirmen profitieren von den künstlichen Hindernissen für die Einfuhr medizinischer Waren. Zugegebenermaßen sind protektionistische Maßnahmen im internationalen Handel keine Seltenheit. Wenn aber Protektionismus mit Korruption gekoppelt wird, lässt er sich vom Standpunkt der medizinischen Ethik kaum rechtfertigen. Die vielfachen Hindernisse und der überflüssige Aufwand haben überhöhte Preise auf dem Binnenmarkt und eine begrenzte Verfügbarkeit der medizinischen Leistungen und Arzneimittel für die Patienten zur Folge. Der Protektionismus wird unter Umständen von Druck auf die Wissenschaftler begleitet, damit die letzteren bestimmte Produkte in der Fachliteratur bevorzugt darstellen. Eine irreführende Werbung für medizinische Produkte und Leistungen ist weitverbreitet und wird weitgehend als Norm betrachtet. Viele Ärzte kooperieren mit den pharmazeutischen und Vermittlerfirmen und manipulieren ihre Patienten dazu, bestimmte Arzneimittel und Leistungen zu erwerben, was den medizinischen Indikationen nicht immer optimal entspricht. Während der oben erwähnten Tagung hat ein anderer Sprecher die Frage „Warum kann die Registrierung und Verzollung medizinischer Produkte im Interesse der Patienten nicht vereinfacht werden?“ folgendermaßen beantwortet: „Dann wird der einheimische Hersteller keine Chance haben.“ Die Korruption wurde während dieser Tagung und des vor kurzem stattgefundenen 2. Russischen medizinischen Investitionsforums (Moskau, 10. Dezember 2013) fast als eine Normalerscheinung diskutiert.

Es gibt allerdings auch die Kehrseite der Medaille. Die Betrügerei ist global verbreitet, wobei sich Kunstfertigkeiten auch im Bereich der Anpassung an die Regeln und Gesetze weiterentwickeln, so dass es nicht immer einfach ist, betrügerische Absichten zu beweisen. Es gibt eine Dichotomie intellektueller Bemühungen: einige Experten vervollkommnen ihre fachliche Qualifikation im Interesse des Gesundheitswesens und der medizinischen Forschung, während die anderen ihre betrügerischen Fertigkeiten verbessern. Unter solchen Bedingungen sollten die Gesellschaft und ihre Institutionen über die entsprechenden Mittel verfügen, um die gesellschaftlichen Interessen auch dann zu beschützen, wenn die Betrüger formell im Rahmen des Gesetzes handeln. Jedenfalls wäre gegenseitiges Vertrauen für eine erfolgreiche internationale Kooperation im Interesse des Gesundheitswesens und der medizinischen Forschung unentbehrlich.

Schlussfolgerungen

Die Hindernisse auf dem Wege der Einfuhr medizinischer Produkte nach Russland, die unzureichende Zugänglichkeit der internationalen Fachliteratur und die teilweise Isolierung des russischen Gesundheitswesens vom Rest der Welt haben zur Persistenz veralteter Einstellungen und Behandlungsmethoden in der alltäglichen Praxis beigetragen [3]. Zugegebenermaßen haben einige Institutionen einen Online-Zugang zu bestimmter Fachliteratur, doch die meisten praktizierenden Ärzte und auch Patienten besitzen einen solchen nicht und werden unter Umständen leicht zu Opfern unredlicher Werbung. Maßnahmen zur Unterstützung der Binnenproduktion werden von einer voreingenommenen Charakterisierung inländischer Produkte in der Fachliteratur begleitet. Die Schlussfolgerung ist, dass für eine erfolgreiche internationale Kooperation im Interesse des Gesundheitswesens und der medizinischen Forschung gegenseitiges Vertrauen erforderlich ist.

Literatur

1. Jargin SV. Barriers to the importation of medical products to Russia: in search of solutions. Healthcare in Low-Resource Settings, 2013;1:e13
http://www.pagepressjournals.org/index.php/hls/article/view/728

2. Jargin SV. Use of mathematical statistics for quality control of surface lapping and detection of fraud: a case study. Journal of Tribology and Surface Engineering 2012;3(1-2):109-17.

3. Jargin SV. Eingeschränkter Zugang zur internationalen medizinischen Fachliteratur in der ehemaligen Sowjetunion. Wien Med Wochenschr. 2012;162(11-12):272-5.

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