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Ärzteschaft

Fachgesellschaften sehen Qualität der Medizin durch Öko­nomi­sierung bedroht

Mittwoch, 5. Dezember 2018

/thodonal, stockadobecom

Berlin – Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) sieht die Qualität in der Medizin durch die zunehmende Öko­nomi­sierung bedroht. Um dem einen Riegel vorzuschieben, mahnt sie verschiedene Ansatzpunkte an, die in einer aktuellen Stellungnahme zu „Medizin und Ökonomie“ zusammengefasst wurden. Der Fokus liegt laut AWMF vornehmlich im ersten Schritt auf dem Krankenhaussektor. Man sei sich aber bewusst, dass Lösungen über alle Sektorengrenzen hinweg notwendig seien.

Weil zeitlicher Aufwand für die Kommunikation mit Patienten derzeit kaum im System der diagnosebezogenen Fallpauschalen (DRG) berücksichtigt werden, muss dieser aus Sicht der AWMF angepasst werden. „Künftig müssen zeitliche Aufwände für das Arzt-Patienten-Gespräch, aber auch die Abstimmung mit anderen Fachkollegen in die Berechnung deutlich mehr einfließen“, forderte AWMF-Präsident Rolf Kreienberg. Dies werde immer wichtiger, da Patienten zunehmend mehrfach und chronisch erkrankt seien und eine ganzheitliche Betreuung durch verschiedene Experten benötigten.

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Als wichtigen Punkt nennt die AWMF beispielsweise auch, die Entscheidungs­befugnisse der Ärzte und Pflegekräfte im Krankenhaus auszuweiten. So sei eine gemeinsame Krankenhaus­führung notwendig, in der Ärzte und Pflegende mit kaufmännischen Direktoren auf Augenhöhe Entscheidungen treffen, so die AWMF.

Nicht nur die Zahlen sehen

Basis dafür sollte ein Wertemanagement im Krankenhaus sein, das nicht nur an betriebswirtschaftlichen Zielen ausgerichtet sei, sondern medizinische Überlegungen und Patientenorientierung integriere. „Notwendig sind dafür auch Arbeitsbedingungen, die eine qualitativ hochwertige Versorgung gewährleisten“, betonte Manfred Gogol, AWMF-Präsidiumsmitglied.

Ursache für die teils schwierige Arbeitssituation in den Kliniken ist aus Sicht der AWMF nicht zuletzt der betriebswirtschaftliche Erfolgsdruck und die dadurch bedingte Mengenausweitung der vergangenen Jahre. Trotz kürzerer Liegezeiten der Patienten sei die Zahl der Krankenhausbetten nur geringfügig gesunken, die Zahl der Behandlungsfälle hingegen deutlich gestiegen.

„Die Zahl der Krankenhausbetten in Deutschland liegt weit über dem Durchschnitt in anderen EU-Ländern oder der OECD – ebenso die Anzahl der Behandlungsfälle“, so Kreienberg. Diese seien jedoch sehr unterschiedlich auf die verschiedenen Fächer verteilt. Eine hohe Bettendichte in einem Fach sei ein Treiber dafür, dass jedes einzelne Krankenhaus immer mehr Fälle durchschleuse.

Außerdem gehe diese Entwicklung zulasten der Qualität. „Kleinere Krankenhäuser führen Eingriffe durch, für die sie weder ausgestattet sind noch die notwendige Erfahrung haben“, warnte Kreienberg.

Die AWMF fordert daher von der Politik auf Bundes- und Landesebene, die Aktivitäten der Fachgesellschaften zur qualifizierten Zentrenbildung zu unterstützen. Durch diese Spezialisierung in meist interdisziplinären, sektorenübergreifenden Teams ließe sich bei zahlreichen Krankheitsbildern die Versorgungsqualität nachweislich steigern, so die AWMF. © may/EB/aerzteblatt.de

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Aulenkamp_Jana
am Mittwoch, 5. Dezember 2018, 18:37

Ärzteschaft muss zusammenstehen

Das aktuelle DRG-System muss dringend überarbeitet werden! Dem möchte ich zustimmen.

Die Auswirkungen der aktuellen stationären Vergütung sind vielfältig und leider noch nicht ausreichend untersucht. Daher fällt es auch schwer evidenzbasierte Lösungen zu fördern.

Aktuell fühlen sich Patienten und Patientinnen im Krankenhaus oft als Ware. Durch das DRG-System, welches auf Masse und eine „Stück“-Anzahl ausgerichtet ist, fühlen Sie sich nicht mehr als Mensch wahrgenommen. Manch ein BWLer sieht die Lösung der Missachtung der Patientenbedürfnisse so, dass wir Ärztinnen und Ärzte die Patienten mehr als Kunden sehen sollen und sie so behandeln. Eine Entwicklung, die in meinen Augen grundsätzlich falsch ist! Ärztinnen und Ärzte und gerade die junge Generation, die sich um den Patientenkontakt kümmert, hat eine so hohe Arbeitsbelastung bei der sie in kürzester Zeit die Patienten „durchschleusen“ müssen. Die Zeit für die Behandlung und die sprechende Medizin ist auf ein Minimum reduziert. Das ist eine unbefriedigende Situation für beide Seiten.

Medizin braucht Spielraum für Individualität ohne dabei unwirtschaftlich zu sein. Wenn wir Zeit für uns selber, unsere Arbeitskollegen, auch Berufsgruppen-übergreifend und für die Patienten haben, erst dann können wir auf die Individuen eingehen und eine Spitzenmedizin möglich machen.
In der Geriatrie wurde schon anerkannt, dass wir diese Entwicklungen für eine effiziente Versorgung benötigen. Die Finanzierung wird über die Abrechnung der Komplexbehandlungen anders möglich gemacht. In allen Fachbereichen muss überprüft werden, wie die DRGs angepasst werden müssen, denn der Status Quo verhindert momentan mitunter eine interprofessionelle und flexible Arbeitskultur.

Die Entwicklung heutzutage geht jedoch dahin, dass nur noch der einfache „Kunde/Patient“ ohne individuelle Thematiken in das Schema passt. An einen Wandel in der Arbeitskultur ist kaum zu denken. Vor allem nicht, wenn sich die Mitarbeiter im Krankenhaus für ihre Arbeit aufopfern.

Die DRGs müssen überarbeitet werden. Operationen sind durchaus über gewisse Prozessmerkmale abzubilden. Aber das ist nicht alles in der Medizin! Sprechende Medizin, Stationsarbeit, Therapieeinheiten und konservative Behandlung müssen anders z.B. mehr über einen zeitlichen Ansatz verrechnet werden. Ein Ansatz über mehrere Faktoren ist in meinen Augen denkbar.

Wir brauchen mehr Ärztinnen und Ärzte, Politikerinnen und Politiker sowie weitere Akteure, die sich für diese Entwicklungen geschlossen einsetzten! Für mich ist klar, unter diesen Bedingungen möchte ich keine Ärztin werden. So kann ich weder meinen persönlichen Ansprüchen noch den Ansprüchen der Patientinnen und Patienten gerecht werden.

Danke an die AWMF für diesen wichtigen Beitrag.

Jana Aulenkamp
Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland e.V. 2018
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