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MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Malignome bei HIV-Infizierten: Krebssterblichkeit teilweise erhöht, auch bei Berücksichtigung der Therapieregime

Dtsch Arztebl 2019; 116(41): A-1841 / B-1519 / C-1488

Siegmund-Schultze, Nicola

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Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com
Foto: Sebastian Kaulitzki/stock.adobe.com

In westlichen Ländern nimmt der Altersdurchschnitt der mit HIV lebenden Menschen rasch zu. So hat sich in Deutschland die Gesamtzahl der über 40-jährigen HIV-Infizierten seit Beginn der 90er-Jahre circa verfünffacht (1). Durch die demografischen Veränderungen in der Population der HIV-infizierten Menschen werden Tumorerkrankungen häufiger. In einer großen Registerstudie aus den USA ist der Verlauf von Malignomen zwischen HIV-Infizierten und Nicht-Infizierten verglichen worden (2).

Datenbasis für die Untersuchung war das Register der US-amerikanischen Versicherung Medicare. Die Studienpopulation umfasste 308 268 Patienten ≥ 65 Jahre mit nicht fortgeschrittenen Malignomen, darunter waren 288 Patienten HIV-infiziert. Diese Patienten hatten kolorektale Karzinome, Prostata-, Lungen- oder Brustkrebs. Die Tumoren waren zwischen 1996 und 2012 diagnostiziert worden, und die Teilnehmer mussten die Krebsdiagnose ≥ 1 Jahr überlebt haben.

HIV-infizierte Krebspatienten hatten eine deutlich erhöhte Gesamtsterblichkeit im Vergleich zu nicht-infizierten Tumorkranken. Für das nicht-kleinzellige Bronchialkarzinom (NSCLC) war die Sterblichkeitsrate um 17 % erhöht, bei Mammakarzinom um 50 %, bei Prostatakrebs um 58 % und bei kolorektalen Karzinomen um 73 %. Selbst wenn Unterschiede in den Erstlinientherapien berücksichtigt wurden, blieb eine Differenz in der Krebssterblichkeit zwischen HIV-infizierten und Nicht-Infizierten. Die therapie-adjustierte Hazard Ratio für die Mortalität am Mammakarzinom betrug 1,85, für kolorektale Tumoren 1,68, beim Prostatakrebs 1,65 und beim NSCLC 1,04.

Fazit: Bei Krebspatienten, die mit HIV infiziert sind, verlaufen Tumorerkrankungen wie Prostata- oder Mammakarzinom im Durchschnitt ungünstiger als in der nicht-infizierten Allgemeinbevölkerung. Als Ursache für die erhöhte Krebssterblichkeit von HIV-Infizierten vermuten die Autoren, dass das Immunsystem bei HIV-Infektion weniger in der Lage sei, trotz adäquater Krebstherapie an der Kontrolle des Tumorwachstums mitzuwirken.

Prof. Dr. med. Christian Hoffmann vom ICH in Hamburg erläutert, dass die Ergebnisse sich vermutlich nicht direkt auf Patienten in Europa übertragen ließen. „Aus europäischen Studien gibt es Hinweise, dass das Outcome von Krebspatienten mit HIV ähnlich ist wie Therapieergebnisse von Nicht-HIV-Infizierten“, so Hoffmann, der sich dabei auf eine Registeranalyse aus Frankreich bezieht (3). In dieser Analyse waren die 5-Jahres-Überlebensraten von HIV-Infizierten mit soliden Tumoren ähnlich wie bei der nicht-infizierten Allgemeinbevölkerung, bei hämatologischen Malignomen allerdings war das 5-Jahres-Überleben erniedrigt. „Die Analyse dieser großen Kohorte von Medicare-Versicherten in den USA können viele Faktoren beeinflusst haben, die nicht berücksichtigt wurden“, so Hoffmann. Dazu gehörten zum Beispiel Rauchen, Drogenkonsum, weitere Komorbiditäten oder die Adhärenz. Die Autoren der US-Studie (2) regen an, die Bedeutung des Immunstatus für das Therapieergebnis bei der Konstellation „HIV plus Malignom“ intensiver zu untersuchen und die Frage, ob sich Krebstherapien unter diesem Aspekt optimieren ließen.

Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

  1. Epidemiologisches Bulletin 47/2018; Robert Koch-Institut Berlin.
  2. Coghill AE, Suneja G, Rositch AF, et al.: HIV Infection, Cancer Treatment Regimens, and Cancer Outcomes Among Elderly Adults in the United States. JAMA Oncol 2019; doi: 10.1001/jamaoncol. 2019. 1742.
  3. Hleyhel M, et al.: Trends in survival after cancer diagnosis among HIV-infected individuals between 1992 and 2009. Results from the FHDH-ANRS CO4 cohort. Int. J. Cancer 2015; 137: 2443–53.

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