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Frühintervention bei Kindern mit erhöhtem Autismusrisiko: Kein direkter Effekt auf das Verhalten Einjähriger erkennbar

Dtsch Arztebl 2020; 117(1-2): A-30 / B-28 / C-28

Voll, Barbara

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Foto: Elisanth/ iStock
Foto: Elisanth/ iStock

Kleinkinder mit erhöhtem Risiko für eine Autismus-Spektrum-Störung (ASD) können frühzeitig durch spezifische Interventionen behandelt werden. Ob diese schon bei etwa einjährigen Kindern einen Effekt haben, ist in einer australischen Studie untersucht worden.

Eingeschlossen wurden 104 Kinder im Alter zwischen 9 und 14 Monaten mit mindestens 3 Verhaltensdefiziten, die auf eine ASD hindeuten: Es fehlten das gezielte Zeigen auf Personen oder Gegenstände, das Aufnehmen von Blickkontakt und Reaktionen auf den eigenen Namen. Getestet wurde dies mithilfe der Social Attention and Communication Surveillance-Revised (SACS-R) 12-Month Checklist. Die Kinder wurden randomisiert und entweder der Interventionsgruppe zugeteilt oder der Kontrollgruppe mit üblicher Betreuung.

Die Interventionsgruppe wurde mit dem Programm „iBASIS-VIPP“ behandelt, dem „Video Interaction for promoting Positive Parenting“-Programm (VIPP). „iBASIS“ ist eine Adaptation des Protokolls speziell für Kleinkinder. Dieses Programm schult die Eltern darin, Kommunikation und Verhaltensweisen ihres Kindes richtig zu deuten. Dies geschieht durch die Videoaufzeichnung und Analyse von alltäglichen Interaktionen zwischen Bezugsperson und Kind. Die Hypothese war, dass sich dadurch in 5–6 Monaten die Autismus-symptome reduzieren ließen.

Das Outcome der Kinder wurde gemessen mit der Autism Observation Scale for Infants (AOSI), welche frühe Verhaltensweisen erfasst, die mit ASD verbunden sind. Weiterhin wurde die Qualität von Interaktionen zwischen Eltern und Kind mit dem Manchester Assessment of Caregiver-Infant Interaction (MACI) erfasst. Die Analyse des AOSI-Scores nach 6 Monaten zeigte keinen signifikanten Behandlungseffekt, ebenso ergaben 3 von 4 MACI-Skalen keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Insgesamt ließ sich kein signifikanter Behandlungseffekt auf die Frühsymptome von ASD, auf die Qualität der Eltern-Kind-Interaktionen sowie auf die kindliche Entwicklung nachweisen.

Fazit: „Das auf den ersten Blick enttäuschende Ergebnis bedeutet keineswegs, dass frühe Interventionen wirkungslos sind“, kommentieren Prof. Dr. med. Inge Kamp-Becker und Dr. med. Anika Langmann, Universität Marburg. „In dieser Studie wurde ein Verfahren verwendet, das auf die Anleitung der Eltern im Umgang mit ihren Kindern fokussierte und als Zielgrößen das Bewusstsein der Eltern für kindliche Kommunikationssignale und die Verbesserung der elterlichen Responsivität untersuchte. Die Behandlung der ASD im frühkindlichen Bereich sollte jedoch auch ein Training des Kindes in gemeinsamer Aufmerksamkeit, Imitation, funktionellem und Symbolspiel enthalten. Denn mit einer frühen, kindzentrierten Behandlung lassen sich nach Studienlage durchaus positive Veränderungen erzielen.“

ASD gelten als genetisch bedingte Entwicklungsstörungen des Zentralnervensystems, deren Behandlung einen umfassenden Ansatz erfordern. In Deutschland seien die Frühfördermaßnahmen bei sehr jungen Kinder mit Verdacht auf ASD eher unspezifisch und regional sehr unterschiedlich, so die Expertinnen. Aktuell würden jedoch S3-Leitlinien mit wirksamen Therapieverfahren bei ASD im Kleinkind-alter entwickelt. Dr. med. Barbara Voll

Whitehouse AJO, Varcin KJ, Alvares GA, et al.: Pre-emptive intervention versus treatment as usual for infants showing early behavioural risk signs of autism spectrum disorder: a single-blind, randomised controlled trial. Lancet Child Adolesc 2019; 3: 605–15.

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