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MEDIZINREPORT: Studien im Fokus

Frühgeborenenretinopathie: Ab einem Gestationsalter von mindestens 27 Wochen sinkt das Risiko

Dtsch Arztebl 2020; 117(1-2): A-31 / B-29 / C-29

Gerste, Ronald D.

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Foto: mauritius images
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Die Mehrzahl der früh geborenen Kinder mit einem erhöhten Risiko für eine Frühgeborenenretinopathie (Retinopathia praematurorum; ROP) bekommen diese potenziell visusbedrohende Erkrankung der Netzhaut nicht.

Da das individuelle Risiko schwer einzuschätzen ist, werden in den meisten Industrienationen die möglicherweise gefährdeten Kinder regelmäßiges Screening-Untersuchungen unterzogen. Dies sind typischerweise Fundusuntersuchungen in 1- bis 2-wöchigem Abstand bis zur Reifung der Netzhautgefäße, die etwa ab einem Gestationsalter von der 40. postmenstrualen Woche eintritt.

Angesichts der sehr niedrigen Spezifität dieses Vorgehens wäre es wünschenswert, wenn Faktoren identifiziert werden könnten, die für ein so geringes ROP-Risiko sprechen, dass den betreffenden Kindern die Untersuchung erspart werden kann.

Eine amerikanische Autorengruppe hat in einer sekundären Post-hoc-Analyse der klinischen Verlaufsdaten von 1 257 Frühgeborenen nach solchen Faktoren gesucht. Die Kinder waren zwischen der 22. und der 35. Gestationswoche geboren worden und hatten ein Geburtsgewicht von weniger als 1 251 Gramm.

Die Hälfte der Kohorte war vor der 27. Gestationswoche auf die Welt gekommen, 34 % hatten ein Geburtsgewicht von ≤ 750 g. Insgesamt wurden an diesem Kollektiv mehr als 4 100 Untersuchungen auf ROP vorgenommen. Bei Entlassung aus der Klinik hatten 59 % der zwischen Gestationswoche 27 und 33 geborenen Kinder keine Frühgeborenenretinopathie, während bei den vor der 27. Woche geborenen Kindern nur 15 % ohne die Netzhautveränderung waren. Die Autoren errechneten für dieses etwas reifere Geburtsalter eine Odds Ratio (OR), keine ROP zu entwickeln, von 4,0 (95-%-Konfidenz-Intervall [95-%-KI] [1,5;10,8]).

Als ein weiterer Faktor, der mit einem geringeren Risiko der ROP assoziiert war, wurde ein Geburtsgewicht > 750 g identifiziert. Die OR lag bei 4,1 [1,6; 10,3].

Fazit: „Eine mögliche Grenze für die späte ROP-Entwicklung lag bei dem hier untersuchten Kollektiv bei einem Geburtsgewicht von mehr als 750 g und einem Gestationsalter von 27 Wochen bei Geburt“, erklärt Priv.-Doz. Dr. med. Ulrich Schaudig, Chefarzt der Augenklinik an der Asklepios-Klinik Hamburg-Barmbek.

„Wenn sich bei diesen Kindern bis zum errechneten Geburtstermin keine Retinopathie entwickelt hatte, war das Risiko so gering, dass ein weiteres Screening nicht notwendig erschien. Trotz Einschränkungen durch das Studiendesign und einer nur begrenzten Übertragbarkeit der Daten auf andere Länder lässt die Studie doch den Schluss zu, dass sich Kriterien errechnen lassen, auf deren Basis sich entscheiden lässt, ob weitere Screeninguntersuchungen notwendig sind oder nicht.“

Dr. med. Ronald D. Gerste

Wade KC, Ying GS, Baumritter A, et al.: Factors in premature infants associated with low risk of developing retinopathy of prematurity. JAMA Ophthalmol 2019; 137: 160–6.

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