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Coronapandemie: Rein virtuelle Medizinkongresse reichen auf Dauer nicht

Lenzen-Schulte, Martina

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Im Pandemiejahr 2020 sind zahlreiche Medizinkongresse ausgefallen oder in letzter Minute in eine rein virtuelle Veranstaltung umgewandelt worden. Die abgelaufene Saison lehrt, dass dies manche Vorteile bietet, dass viele Ärzte es aber auch vermissen, sich real mit Kollegen auszutauschen.

Foto: ©Michael Lindner/aey congresse, Berlin
Foto: ©Michael Lindner/aey congresse, Berlin

Die Coronapandemie hat der Ärzteschaft nicht nur in ihrer Funktion als medizinische Versorger im Jahr 2020 viel abverlangt. Auch der professionelle und wissenschaftliche Austausch hat extrem dadurch gelitten, dass die Mehrzahl der Kongresse nur als virtuelle Veranstaltung stattfinden konnte, manche zum Hybrid umfunktioniert wurden und etliche ganz ausgefallen sind (Grafik).

Bereits früh im Jahr hätte man – erstmals – während eines Kongresses auf zwei Nobelpreisträger treffen können: Die „Geburtshilfe im Dialog“ hatte es geschafft, den Virologen Harald zur Hausen (Nobelpreis 2008) und die weltbekannte Kulthebamme Ann Mary Gaskin (Alternativnobelpreis 2011) als Redner zu gewinnen. Aber diese Veranstaltung war eine der ersten, die im Februar komplett ausfiel. So ging es weiter. Die m:con (mannheim:congress GmbH) als wichtiger Kongressveranstalter hatte für 2020 insgesamt 26 medizinische Tagungen und Kongresse geplant (33 waren es 2019 mit 54 000 Teilnehmern). Doch 2020 fanden nur 2 in Präsenz statt, 6 online (davon 3 mit reduziertem Programm) und 18 fielen komplett aus.

Schicksal von 1 105 internationalen Med.-Kongressen 2020
Grafik
Schicksal von 1 105 internationalen Med.-Kongressen 2020

„Schlicht nicht dasselbe“

Hofften alle noch während der Entspannung im Sommer auf ein Wiederanlaufen der Tagungen, so haben inzwischen viele resigniert. Schon früh kündigte die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) an, ihren Kongress – mit durchschnittlich 8 000 Besuchern einer der größten Medizinkongresse in Deutschland – nur noch virtuell stattfinden lassen zu wollen (1).

Es geht jedoch längst nicht nur um die großen Formate und Highlights, sondern um essenzielle Kommunikationsdefizite der ärztlichen Profession, die virtuell nicht beliebig ersetzbar sind. „Es ist schlicht nicht dasselbe“ – so oder so ähnlich drücken es zahlreiche Ärzte im Gespräch aus, wenn es um virtuelle Kongresse geht, auf denen man die Veranstaltungen von zu Hause aus streamen kann. Sie fällen damit ein Urteil, das umso öfter klagend wiederholt wird, je länger die Pandemie währt. Die Ärzte vermissen es zunehmend, mit jenen, die man kennt, einmal wieder vertrauensvoll auf den Fluren oder beim Kaffee aktuelle Probleme diskutieren zu können. Sie vermissen es genauso, im Verlauf einer lebhaften Diskussion nach einem Vortrag zu neuen wissenschaftlichen Lösungsansätzen angeregt zu werden. Teilnehmer laufender Multicenterstudien nutzten die Kongresse häufig, um aktuell anstehende Fragen zu klären – auch das fällt aus.

Der Austausch wird vermisst

Die Erfahrenen haben kaum mehr Gelegenheit, sich wie gewohnt über den Nachwuchs ein Urteil zu bilden, die aufstrebenden Jüngeren keine, ihre Ergebnisse adäquat zu präsentieren und im Anschluss im persönlichen Gespräch neue Optionen auszuloten. Die Praktiker vermissen es, auf Fortbildungen mit erfahrenen Kollegen Tipps und Tricks auszutauschen, und die Niedergelassenen, mit den Klinikern über die Verbesserung der Kommunikation zwischen ambulant und stationär zu debattieren. Kurz – vieles bleibt auf der Strecke. Man destilliert aus den Gesprächen mit Kollegen aller Couleur, dass erst der Parforceritt der Veranstalter, die oft in letzter Minute aus einem angekündigten Kongress einen virtuellen machen müssen, den Teilnehmern klar werden ließ, was diese Treffen auszeichnet.

Zwar hat sich nach gewissen Anlaufschwierigkeiten die digitale Kommunikation über Videoplattformen auch technisch immer mehr perfektioniert. So mancher Arbeitsraum war zunächst nicht ausgeleuchtet, eine Couch zu tief oder der Referent sprach aus der Froschperspektive. Dadurch hatten Sitzungen nicht wie sonst ein einheitliches Format für jeden Redner. Hier kann man von den großen internationalen Kongressen lernen, die dafür durchgängig gestylte Hintergründe schaffen. Aber man lernt dazu: „Inzwischen bieten wir selbstverständlich auch Referentencoaching an“, erklärt Bastian Fiedler, Geschäftsführer der m:con.

Während das Streamen, das personalisierte Anmelden oder die transparente Trennung von Sponsoren und Ausstellerplattformen eher technische Herausforderungen darstellen, ist bei der Entwicklung neuer Pausenformate eher Kreativität gefragt. „Kongresspausen zur Erholung und Vernetzung spielen eine große Rolle“, hält Fiedler fest. Für entspannte und interaktive Pausengestaltung probiert man kulturelle Formate, aber auch Gamifacation-Lösungen aus.

Ein lehrreiches Gegenbeispiel war der Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN), der im Oktober 2020 in Berlin als Hybridkongress stattfand. Es nahmen kumulativ über 4 Tage hinweg 1 278 Ärztinnen, Ärzte und Industriemitarbeiter/-innen teil. Vorstand und Kongresspräsidenten hatten sich bewusst für diese Option entschieden. „Wir waren der Meinung, dass eine Präsenzveranstaltung einerseits sehr wichtig, andererseits mit einem konsequenten Hygienekonzept auch machbar ist“, so einer der beiden Kongresspräsidenten, Prof. Dr. med. Kai-Uwe Eckardt, Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Nephrologie und Intensivmedizin der Charité in Berlin.

Poster- und Personenabstand

Die rechtliche Grundlage für die Durchführung der Veranstaltung bildete die SARS-CoV-2-Infektionsschutzverordnung des Landes Berlin. Zu dem Hygienekonzept gehörte die Gewährleistung von ständiger Frischluftzufuhr und eine fast verdoppelte Flächenanmietung. Dies ermöglichte in jedem der insgesamt 10 für Vorträge genutzten Räume eine Bestuhlung mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern, auf Tische wurde verzichtet. Der Zugang zu jeder der insgesamt 118 Sitzungen wurde elektronisch kontrolliert, um die Maximalbelegung einzuhalten und bei Bedarf eine qualifizierte Nachverfolgung sicherzustellen. Für die Präsentation von 284 Postern war eine zusätzliche Halle von 4 600 qm2 angemietet worden, die eine Aufstellung im Abstand von mindestens 1,50 Meter ermöglichte. Auf moderierte Posterführungen wurde verzichtet.

Für den gesamten Kongressbereich wurden mit Hilfe eines Wegeplans Ein- und Ausgänge getrennt und Gegenverkehr vermieden. Im Kongressbereich und dem Foyer des angrenzenden Hotels galt prinzipiell eine Maskenpflicht, und Mund-Nasen-Masken wurden den Teilnehmern bei Bedarf mit den Kongressunterlagen ausgehändigt, mehrfache Wechselmöglichkeiten inklusive. Am Sitzplatz war zwar grundsätzlich gestattet, die Mund-Nasen-Maske abzunehmen, die meisten behielten sie indes auf. Redner und Moderatoren waren in ausreichendem Abstand platziert und konnten dadurch ihre Masken ebenfalls abnehmen. Die Stehpulte der Redner und die Tastaturen der dort installierten Laptops wurden nach jedem Vortrag einer Wischdesinfektion unterzogen und die Schaumstoffüberzieher der Mikrofone ausgetauscht. Grundsätzlich galten die allgemeinen AHA-Regeln auch im Bereich der Industrieausstellung, bei der die Industriepartner ihre Präsenz in unterschiedlicher Art und Weise, je nach firmeninterner Übereinkunft angepasst haben. Das Cateringkonzept folgte ebenfalls den aktualisierten Vorgaben.

Im Rahmen eines aufwendigen, ergänzenden Digitalkonzeptes wurden alle Vorträge mit der Präsenta-tion der Vortragsfolien und einer Rednerkamera „gestreamt“. „Dieses Digitalkonzept erlaubte es auch zahlreichen Rednern, insbesondere aus dem Ausland, die aufgrund der Pandemie nicht anreisen konnten, aktiv teilzunehmen“, ergänzt der Berliner Nephrologe und betont: „Wie denken, dass so das Beste beider Kongresswelten – der digitalen und der realen – genutzt werden kann.“ Die Zahl der angemeldeten Teilnehmer vor Ort war mit 1 278 geringer als bei früheren Kongressen. Dies konnte aber mit den Teilnehmern, die den Kongress aus der Ferne verfolgt haben, fast ausgeglichen werden, die Gesamtteilnehmerzahl lag bei 1 779.

Wer Kongresse umwandeln will, muss frühzeitig über Hybridkonzepte diskutieren. „Wer versucht, in kürzester Zeit von Präsenz- auf Digitallösungen umzustellen, wird an den komplexen Anforderungen scheitern“, prophezeit Eckardt. Doppelgleisige Veranstaltungen erfahren großen Zuspruch. Für die einen wird das Bedürfnis befriedigt, sich vor Ort auszutauschen. Andere bezeugen in ihren Rückmeldungen, dass der verminderte Reiseaufwand im Sinne der Zeitersparnis und auch der geringeren Klimabelastung hochwillkommen sei.

Neue Fortbildungsformate

Wenn ohnehin schon gestreamt wird, besteht zudem die Möglichkeit, die Formate für eine gewisse Dauer zur Verfügung zu stellen, um sie „on demand“ nutzen zu können. Prof. Dr. med. Martin Grond, Ärztlicher Direktor und Chefarzt der Klinik für Neurologie am Kreisklinikum Siegen, sieht hierin vor allem eine Chance für neue Fortbildungsformate. „Man kann sich gut vorstellen, dass dann mehrere in einer Abteilung eine Sitzung zusammen anschauen und das dann diskutieren“, erklärt der Neurologe. Allerdings gelte es, von Anfang an dem Ansinnen mancher Geschäftsführer zu wehren, die Fortbildungszeiten, die den Mitarbeitern zustünden, zu verkürzen. „Dass Assistenzärzte sich nach dem Dienst in den Kongress einloggen, statt dafür freigestellt zu werden wie früher auch, darf gar nicht erst einreißen“, warnt der Chefarzt. Zudem müsste künftig, wenn weniger Mitarbeiter den Kongress real besuchen sollten, sichergestellt sein, dass alle Ebenen – vom jungen Assistenzarzt über die Oberärzte bis zum Chefarzt – gleiche Chancen hierfür erhielten. „Die Kongresse sind nicht zuletzt für die jungen Mediziner wichtig“, betonte Grond.

Auf der anderen Seite gelte es, die Vorteile zu nutzen, die sich etwa für Eltern ergäben, die so an Fortbildungen teilnehmen könnten, ohne die Familie allein lassen zu müssen. Des Weiteren ermöglicht die Aufzeichnung aller Kongressinhalte – die dann auch konsequent vorgenommen werden sollte –, dass man alles später nachhören kann, auch Sitzungen, die man wegen interessanter Parallelveranstaltungen früher nicht real besuchen konnte.

Das würden nicht zuletzt die Fachjournalisten begrüßen. Soll künftig eine breite Berichterstattung erhalten bleiben, müssen auch deren Bedürfnisse berücksichtigt werden. Offenbar lässt sich hier noch viel von den Auslandskongressen lernen, die die Sitzungen – etwa bei ASCO oder ESMO – durch einordnende Einspieler starten. Mitunter gab es für die Presse hierzulande nicht einmal eine Möglichkeit, sich kostenlos einzuwählen, oder man musste dies für jede Sitzung erneut einzeln tun.

Zu bedenken sind schließlich die Frageformate. Während der Journalist in einer Präsenzveranstaltung notfalls einen Redner nach dem Vortrag noch abfangen und ansprechen kann, ist er digital darauf angewiesen, dass man seine Fragen aus dem Chatroom auch weitergibt. Es habe sich gezeigt, so das Feedback einiger Fachjournalisten, dass manche unliebsamen Fragen nicht durchgelassen worden sind. Woran sich ablesen lässt, dass neue Formate auch neue Schwierigkeiten mit sich bringen können. Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit0621
oder über QR-Code.

Im Pandemiejahr 2020 sind zahlreiche Medizinkongresse ausgefallen oder in letzter Minute in eine rein virtuelle Veranstaltung umgewandelt worden. Die abgelaufene Saison lehrt, dass dies manche Vorteile bietet, dass viele Ärzte es aber auch vermissen, sich real mit Kollegen auszutauschen.

Zoom-Boom-Chirurgie im Zeitalter der Videokonferenzen

Die Corona-Pandemie hat den Anteil von virtuellen Meetings und Kongressen exponentiell ansteigen lassen. Dies habe, so vermuten Dermatologen vom Massachusetts General Hospital in Boston, keinen unerheblichen Einfluss auf die Selbstwahrnehmung derer, die regelmäßig daran teilnehmen (2). Während der Konferenzen sehen sich die Menschen ständig selbst, dies ist bei normalen Meetings nicht der Fall.

Foto: MyriamB/stock.adobe.com
Foto: MyriamB/stock.adobe.com

Dabei erscheint man verzerrt. Webcams produzieren ein runderes Gesicht, eine breitere Nase und weiter auseinanderstehende Augen. Ähnlich wie Selfies könnte dies eine gesteigerte selbstkritische Wahrnehmung triggern. Im Jahr 2019 haben 72 % der US-amerikanischen Plastischen Gesichtschirurgen angegeben, dass Patienten mit dem Ziel zu ihnen kamen, ihre Selfies optimieren zu wollen.

Dr. Benjamin Marcus von der University of Wisconsin in Madison, schreibt, dass nun auch die jüngste Pandemie die Frequenz, mit der wir mit unserem eigenen Bild konfrontiert sind, in radikaler Weise verändert habe (3). Man weiß aus zahlreichen Studien, dass virtuelle Medien einen Einfluss auf die Zufriedenheit mit dem Ausehen und Essstörungen haben (4). Dies umso eher, je mehr ein Vergleich mit anderen möglich ist. Plastische Chirurgen auf der ganzen Welt berichten derzeit über einen Nachfrageboom – „Zoom-Boom“ – nach Gesichtskorrekturen, der mit den Lock-Down-Zeiten zusammenfiel. Das führte in Großbritannien zu einer 70 %igen Steigerung der Anmeldungen für Gesichtskorrekturen. mls

1.
DGIM Pressemeldung November 2020 https://kongress.dgim.de/.
2.
Rice SM, Graber E, Kourosh AS: A Pandemic of Dysmorphia: „Zooming“ into the Perception of Our Appearance. Facial Plast Surg Aesthet Med. 2020 Nov/Dec; 22 (6): 401–2 CrossRef MEDLINE
3.
Marcus B. From the Time of Narcissus We Have Been Beguiled by Our Own Reflection. Facial Plast Surg Aesthet Med. 2020 Nov/Dec; 22 (6): 402–3 CrossRef MEDLINE
4.
Barnier EM, Collison J. Experimental induction of self-focused attention via mirror gazing: Effects on body image, appraisals, body-focused shame, and self-esteem. Body Image. 2019 Sep; 30: 150–8 CrossRef MEDLINE
5.
Meeson S: Why plastic surgery demand is booming amid lockdown. https://www.bbc.com/worklife/article/20200909-why-plastic-surgery-demand-is-booming-amid-lockdown.
Schicksal von 1 105 internationalen Med.-Kongressen 2020
Grafik
Schicksal von 1 105 internationalen Med.-Kongressen 2020
1.DGIM Pressemeldung November 2020 https://kongress.dgim.de/.
2.Rice SM, Graber E, Kourosh AS: A Pandemic of Dysmorphia: „Zooming“ into the Perception of Our Appearance. Facial Plast Surg Aesthet Med. 2020 Nov/Dec; 22 (6): 401–2 CrossRef MEDLINE
3.Marcus B. From the Time of Narcissus We Have Been Beguiled by Our Own Reflection. Facial Plast Surg Aesthet Med. 2020 Nov/Dec; 22 (6): 402–3 CrossRef MEDLINE
4.Barnier EM, Collison J. Experimental induction of self-focused attention via mirror gazing: Effects on body image, appraisals, body-focused shame, and self-esteem. Body Image. 2019 Sep; 30: 150–8 CrossRef MEDLINE
5.Meeson S: Why plastic surgery demand is booming amid lockdown. https://www.bbc.com/worklife/article/20200909-why-plastic-surgery-demand-is-booming-amid-lockdown.

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