MedizinMedizinreportEpidemiologie im Fokus: Expertenkrise in der Pandemie
Medizinreport

MEDIZINREPORT

Epidemiologie im Fokus: Expertenkrise in der Pandemie

Lenzen-Schulte, Martina

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS

Je länger die Coronapandemie währt, desto mehr zeigt sich, wie viel Spekulation auch hinter manchem Urteil der Fachleute steckte. Besonders jene Experten, die vor allem schlechte Nachrichten und Untergangsstimmung verbreiteten, haben offenbar alte Epidemiologenfehler wiederholt.

Foto: Angelina Bambina/stock.adobe.com
Foto: Angelina Bambina/stock.adobe.com

Parallel zur Hoffnung auf ein Ende der Coronakrise – Lockerungen werden damit zunehmend gleichgesetzt – startet die Aufarbeitung. War der Lockdown so notwendig, was hat er gebracht, haben wir die Vulnerablen von Anfang an genug geschützt, hätten wir es besser machen können? Das „wir“ meint hier meist Experten, deren Eignung gerade im Rückblick zunehmend kritisiert wird.

Von Anfang an wurden insbesondere die Epidemiologen unter die Lupe genommen. Galten sie doch als Gewährsleute in Sachen Pandemie. So sehr, dass mit dem Synonym für Expertentum auch jene betitelt wurden, die keine Epidemiologen waren. Jedoch: Diese Zunft gab sich zuletzt zerknirscht und bot allfälliger Kritik eine Steilvorlage.

Wo Epidemiologen irrten

Es klang wie eine Entschuldigung und war wohl auch als eine solche gedacht, als Eleanor Murray, Epidemiologin an der School of Public Health der Boston University, eine Art mea culpa für ihren Berufsstand verfasste. Dieses Schuldeingeständnis erfuhr weite Verbreitung (1). Die Headline lautete: „Ich bin Epidemiologin. In diesen Punkten lag ich bei COVID falsch.“

Zu ihren Fehlern zählt sie, sich zu lange auf symptombasierte Tests verlassen zu haben, womit man bis zu 30 % der Infektionen übersehen habe, sowie der Einsatz von flawed tests, von unzuverlässigen Testmethoden. Ferner habe sie zunächst nicht viel vom Tragen des Mund-Nasen-Schutzes gehalten – Studien zur Prophylaxe bei der Grippe hätten Masken wenig Benefit zugesprochen. Aufgrund der Erfahrungen mit SARS 2003 hätte man die Transmission über Oberflächen weit überschätzt. Die Pandemie, so resümiert Murray, hat die Epidemiologen ins Rampenlicht katapultiert: „Und unsere härtesten Kritiker unterstellen uns, dass wir die Aufmerksamkeit genießen und daher die Pandemie vermissen werden.“

Vor allem in der Königsdisziplin der Epidemiologe – Ursprung und Ausbreitung der Infektion zu identifizieren – konnte man nicht punkten. Im Gegenteil rückte dies die Epidemiologie zuletzt eher ins Zwielicht, diesmal ins politische. So ist die vielfach akzeptierte, aber auch hinterfragte Ursprungstheorie – jene der Übertragung vom Tier, wahrscheinlich von der Fledermaus – auch das Resultat politischen Drucks seitens der chinesischen Regierung; dass bei der WHO ein solcher ausgeübt wurde, bestätigt beispielsweise Peter Embarek, Leiter eines Teams der Welt­gesund­heits­organi­sation, das vor Ort, in Wuhan, Aufklärung betreiben sollte (2).

Ursprünge der Epidemiologie

Keime und Kontakte: Die Pumpe in London war eine der Hauptquellen der Cholera, aber auch der Ursprung der Epidemiologie. Foto: C BY-SA 2.0
Keime und Kontakte: Die Pumpe in London war eine der Hauptquellen der Cholera, aber auch der Ursprung der Epidemiologie. Foto: C BY-SA 2.0

Die Forderung, jetzt rigoros nachzuforschen und sich von Einflussnahme frei zu machen, haben natürlich auch prominente Epidemiologen unterzeichnet. Ob dies das ramponierte Image aufbessert, ist fraglich (3). Wie weit der Schatten fällt, lässt der aktuelle Kleinkrieg deutscher Wissenschaftsjournalisten erkennen. An der Frage, ob man in Sachen Berichterstattung über den Virusursprung sozusagen im Schlepptau der Experten versagt habe, scheiden sich die Geister (4).

Verglichen mit der aktuellen Situation hatte es da einer der Pioniere der Epidemiologie sehr viel leichter. Er wurde zum Helden seiner Zeit – auch dank einer Pandemie. „Als Geburtsstunde der Epidemiologie gilt weithin die fast detektivische Nachforschung von John Snow in London im Jahr 1854“, sagt der Medizinhistoriker Dr. med. Ronald D. Gerste, der sich in seinem jüngsten Buch über das goldene Jahrhundert der Medizin auch mit den Ursprüngen der Epidemiologie befasst hat (5). „Es war die dritte Cholerapandemie im 19. Jahrhundert und in der Hauptstadt des weltumspannenden Empire war der Stadtteil Soho besonders schwer heimgesucht. Snow ging von Tür zu Tür und zeichnete für jeden Todesfall einen kleinen Balken auf seinem Stadtplan ein – die berühmte Ghost Map“, erklärt Gerste. Im Zentrum befand sich eine Pumpe in der Broad Street. „Von hier holten sich viele der Choleraopfer ihr – wie Snow richtig vermutete – infiziertes Wasser“, erklärt der Historiker weiter. Snow konnte mit seiner Beweisführung die lokalen Behörden überzeugen: Man nahm symbolträchtig den Handgriff der Pumpe ab. Als Denkmal steht die Pumpe dort heute noch: für die Geburtsstunde der Epidemiologie.

Wichtig war das Kollegenurteil

Seinerzeit war – wer würde das denken – der Einfluss der Politik geringer: „Snow musste seine Hypothese weniger gegenüber der Staatsmacht verteidigen, war doch das viktorianische Britannien eine Hochburg der Meinungsfreiheit im Vergleich zum modernen China“, so Gerste. Er musste vielmehr den Medizinerkollegen Rede und Antwort stehen, Autoritäten, die immer noch der Miasmentheorie anhingen.

Der Blick in die Geschichte lehrt auch, dass der Schritt von der reinen Dokumentation eines Infektionsgeschehens zur Formulierung von Vorhersagen Fallstricke birgt: Snow hielt die Pandemie von 1854 zu Unrecht für den schlimmsten Cholerazug zu seinen Lebzeiten. Schon damals lag ein Epidemiologe falsch.

Die teilweise gravierenden Fehlprognosen sind auch heute der valideste Angriffspunkt für Kritiker des Faches. Dabei kristallisieren sich Grundmuster heraus: Die Irrtümer liegen praktisch immer aufseiten der (zu) hohen Zahlen, die Epidemiologen gehen offenbar bevorzugt Szenarien in die Falle, die sich an doomsday-Visionen orientieren (6).

So wurde für den Bundesstaat Tennessee ein Modell erarbeitet, das für April 2020 von 15 500 hospitalisierten Patienten, 2 500 belegten Intensivbetten und knapp 2 000 im Einsatz befindlichen Beatmungsgeräten ausging. Kurz darauf musste die Prognose drastisch, nämlich um eine Zehnerpotenz, heruntergefahren werden: auf 1 232 hospitalisierte Patienten, 245 Intensivbetten und 208 Ventilatoren (6).

In dieser Größenordnung lag auch eine Projektion der Federal Emergency Management Agency daneben: Bis Ende Mai 2020 erwartete man einen Anstieg der Todeszahlen um 70 % auf 3 000 täglich, stattdessen waren es 731 und ein Rückgang um 60 %. Für den Bundesstaat Georgia sagte eine Prognose für April 2020 insgesamt 23 000 Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19 aus – es waren stattdessen 896. Im gleichen Monat wurde für New York ein Bedarf von 40 000 Intensivbetten mit Beatmungsgeräten vorhergesagt. Belegt waren indes rund 4 900, was den Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, zu dem frustrierten Ausruf veranlasste (6): „Hier ist mein Projektionsmodell, hier ist das nächste Projektionsmodell. Sie sind alle falsch! Sie sind alle falsch!“

Was dabei prägnant zutage tritt, ist die Aufmerksamkeit, die Epidemiologen mit Projektionen hoher Infizierten- und Todeszahlen bei den Medien generieren: Interview bei CNN hier, Artikel in der New York Times dort. Ein Wiedererkennen deutscher Verhältnisse vor dem Hintergrund düsterer Prognosen fällt nicht schwer.

Prognosen und Antizipation

Fehler in der epidemiologischen Vorhersage sind indes altbekannt. Modelle zur Schweinegrippe sagten zwischen 3 100 und 65 000 Todesfälle im UK voraus, es blieb aber bei 457. Prognosen für die bovine spongiforme Enzephalopathie BSE erwarteten bis zu 150 000 Tote im Vereinigten Königreich. Die tatsächliche Zahl lag um Größenordnungen darunter.

Schwer tut man sich jedoch nicht nur im Berechnen von Prognosen, sondern auch in der Antizipation der Folgen von epidemiologischen Prognosen. Fehleinschätzungen nützen, wenn eine Weltuntergangsvorhersage Menschen dazu bringt, ihre persönliche Hygiene zu verbessern – auch wenn sie übertrieben ist. Aber bei einer Pandemie kann die globale Unterstützung falscher Vorhersagen das Leben von Milliarden Menschen auch dramatisch negativ beeinflussen.

Die Skepsis und Enttäuschung, die aus der Wahrnehmung negativer Folgen erwächst, prägt nun auch die Aufarbeitung dessen, was der Lockdown, aber auch andere Maßnahmen geleistet haben. Je nach zeitlichem Abstand zum Geschehen werden die Bewertungen schwanken, auch das lehrt die Medizingeschichte die Epidemiologen: Vom Helden zum Prügelknaben und zurück ist es mitunter nicht weit. Der berühmte Ignaz Semmelweiß ist an dem Unverständnis seiner Umgebung verzweifelt, landete in der Psychiatrie – aber auch in der Hall of Fame der Epidemiologen, gilt er doch mit seiner Händewasch-Interventionsstudie als einer der Väter der evidenzbasierten Medizin.

Dr. med. Martina Lenzen-Schulte

Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/lit2621
oder über QR-Code.

1.
Murray E: I’m an epidemiologist. Here’s what I got wrong about covid. Washington Post, 20. April 2021. https://www.washingtonpost.com/outlook/2021/04/20/epidemiology-covid-self-criticism/.
2.
WHO: Alle Thesen zum Coronavirus-Ursprung werden verfolgt. Deutsches Ärzteblatt vom 30. März 2021. https://www.aerzteblatt.de/n122559/
3.
Bloom JD, Chan YA, Bari RS, et al.: Investigate the origins of COVID-19. Science 2021; 372 (6543): 694.
4.
Reisin A: Die blinden Flecke des Wissenschaftsjournalismus. Übermedien. https://uebermedien.de/60528/die-blinden-flecke-des-wissenschaftsjournalismus/.
5.
Gerste RD: Die Heilung der Welt. Die Goldene Zeit der Medizin 1840 – 1914. Klett-Cotta, Stuttgart 2021.
6.
Ioannidis JPA, Cripps S, Tanner MA: Forecasting for COVID-19 has failed. Int J Forecast 2020 Aug 25. doi: 10.1016/j.ijforecast.2020.08.004 CrossRef MEDLINE PubMed Central
1.Murray E: I’m an epidemiologist. Here’s what I got wrong about covid. Washington Post, 20. April 2021. https://www.washingtonpost.com/outlook/2021/04/20/epidemiology-covid-self-criticism/.
2.WHO: Alle Thesen zum Coronavirus-Ursprung werden verfolgt. Deutsches Ärzteblatt vom 30. März 2021. https://www.aerzteblatt.de/n122559/
3.Bloom JD, Chan YA, Bari RS, et al.: Investigate the origins of COVID-19. Science 2021; 372 (6543): 694.
4.Reisin A: Die blinden Flecke des Wissenschaftsjournalismus. Übermedien. https://uebermedien.de/60528/die-blinden-flecke-des-wissenschaftsjournalismus/.
5.Gerste RD: Die Heilung der Welt. Die Goldene Zeit der Medizin 1840 – 1914. Klett-Cotta, Stuttgart 2021.
6.Ioannidis JPA, Cripps S, Tanner MA: Forecasting for COVID-19 has failed. Int J Forecast 2020 Aug 25. doi: 10.1016/j.ijforecast.2020.08.004 CrossRef MEDLINE PubMed Central

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.
Avatar #890127
Rolf Blaga
am Samstag, 10. Juli 2021, 18:20

Prognosen bestätigen sich erst im Nachhinein

Die Frage, ob Epidemilogen "gravierenden Fehlprognosen“ abgegeben haben, kann immer nur im Nachhinein entschieden werden. Bei Covid-19 kann man wohl schon jetzt sagen, dass allein die bisherige Anzahl der Toten und der bekannten Langzeitfolgen alle Warnungen als berechtigt erscheinen lassen. Weltweit starben bisher über 4 Mio. Menschen (Juni21).
Natürlich macht es Angst, wenn Epidemilogen hohe Infektionszahlen und eine Übersterblichkeit prognostizieren. Es stimmt, dass die daraus folgenden Sicherheitsmaßnahmen schwere soziale, ökonomische und psychologische Folgen haben können. Deshalb sollten Prognosen nur extrem vorsichtig abgegeben („im allerschlimmsten Fall“) und möglichst von anderen Wissenschaftler-Teams bestätigt werden.
Der Hinweis im Artikel, dass "die Epidemiologen mit Projektionen hoher Infizierten- und Todeszahlen bei den Medien“ große Aufmerksamkeit erzielten, ist richtig, aber wenig verwunderlich. Problematisch ist, dass die Autorin diesen Epidemilogen unterstellt, sie würden das machen, um mediale Aufmerksamkeit zu erlangen – also aus Geltungssucht. Sie spricht ihnen ab, dass sie damit verantwortungsvoll Politik und die Bevölkerung auf eine mögliche Bedrohung aufmerksam machen wollen. Darf man das so von „den“ Epidemilogen behaupten, also von allen, die Voraussagen veröffentlichen? Sie greift sich einzelne, im Nachhinein zu hohe Prognosen aus US-Bundesstaaten heraus. Sie erwähnt aber nicht, dass es in den gesamten USA schon jetzt über 600.000 Corona-Tote (Juni 2021) gibt. Ihren Hinweis, es falle ihr nicht schwer, "deutsche Verhältnisse vor dem Hintergrund düsterer Prognosen“ wiederzuerkennen, belegt sie nicht. So klingt das eher verschwörerisch.
Sollen zukünftig überhaupt keine Prognosen veröffentlicht werden? Gibt es seriösere Methoden, als die bisher angewandten? Wie macht man dann der Öffentlichkeit den Ernst der Lage klar?
Themen:

Zum Artikel

Fachgebiete