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Medizin

Häufige Mutation erhöht Anfälligkeit auf Tuberkulose

Freitag, 4. Januar 2019

Mycobacterium tuberculosis (orange) in einem Sputum-Abstrich /dpa

New York – Einer von 600 Menschen europäischer Herkunft hat eine genetisch bedingte erhöhte Anfälligkeit auf eine Tuberkulose. Ein Defekt im TYK2-Gen verhindert bei diesen Menschen, dass das Immunsystem die Mykobakterien in Schach halten kann, wie eine Studie in Science Immunology (2018; 3: eaau6759 und eaau8714) zeigt. Der Gendefekt könnte so häufig sein, weil er Menschen vor einer Autoimmunerkrankung schützt.

Etwa jeder fünfte Mensch ist weltweit mit Mycobacterium tuberculosis infiziert. Nur bei etwa 10 % dieser Menschen kommt es im Verlauf des Lebens zum Ausbruch der Erkrankung. Bei den anderen gelingt es dem Immunsystem, eine Vermehrung des Tuberkuloseerregers zu verhindern. Ein wichtiges Instrument ist dabei das Interferon Gamma, das von T-Helferzellen gebildet wird. 

Die Produktion von Interferon Gamma wird durch die Interleukine 12 und 23 stimuliert. Die Signale der beiden Interleukine werden in den T-Helferzellen durch die Tyrosin-Kinase 2 (TYK2) weitergeleitet. Diese Weiterleitung kann durch Mutationen im TYK2-Gen gestört sein, die die Aktivität des Enzyms Tyrosin-Kinase2 vermindert.

Stéphanie Boisson-Dupuis von der Rockefeller University in New York und Mitarbeiter haben jetzt herausgefunden, dass eine bestimmte Mutation, die Genvariante rs34536443 (P1104A), bei Menschen europäischer Herkunft weit verbreitet ist. Jeder 600. ist homozygot auf das Merkmal P1104A. Die Prävalenz beträgt damit 1,7/1.000. Die Zahl der Heterozygoten beträgt sogar 42/1.000 oder 4,2 %.

In anderen Erdteilen ist die Homozygotie auf P1104A mit einer Prävalenz von 1/1.000 bis 1/10.000 deutlich seltener. In Ostasien tritt sie nur vereinzelt auf. 

Menschen, die homozygot auf die Genvariante P1104A sind, haben ein erhöhtes Risiko, nach dem Kontakt mit Mykobakterien an einer Tuberkulose zu erkranken. Auch die Anfälligkeit auf Candida-Infektionen ist erhöht.

Die Homozygotie auf P1104A ist häufiger als die Mukoviszidose (0,4/1.000) und der Alpha-1-Antitrypsin-Mangel (0,4/1.000) und fast so häufig wie die Hämochromatose (3/1.000).

Die hohe Prävalenz der Homozygotie auf P1104A ist möglicherweise kein Zufall. Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen mit Homozygotie auf P1104A vor einer Autoimmunerkrankung geschützt sind (PLoS ONE 2015; 10: e0122271): Die gleiche Immunreaktion, die zur Abwehr von Mykobakterien benötigt wird, ist nämlich am Angriff auf körpereigene Strukturen beteiligt, die das Kennzeichen von Autoimmunerkrankungen sind. (Dies erklärt nebenbei, warum Biologika, die die Autoimmunreaktion gezielt blockieren, das Risiko einer Tuberkulose erhöhen können.)

In Europa und Nordamerika erkranken jedoch nur wenige Menschen mit Homozygotie auf P1104A an einer Tuberkulose, weil die Erkrankung selten geworden und die Gefahr einer Ansteckung deshalb gering ist. 

Dies war in früheren Jahrhunderten anders. Die Tuberkulose war in Europa weit verbreitet. Nach Berechnungen von Boisson-Dupuis waren 9 % der Bevölkerung heterozygot auf P1104A (gegenüber heute 4,2 %). Die Forscherin vermutet eine negative Selektion. Menschen mit den Merkmal P1104A hatten ein erhöhtes Erkrankungsrisiko und starben häufig, bevor sie ihre Gene an die nächste Generation weitergeben konnten. © rme/aerzteblatt.de

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