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Politik

Vertragsärzte warnen vor Ende von Hausbesuchen

Montag, 7. Januar 2019

/dpa

Berlin – Die Vertragsärzte dringen auf spürbar mehr Geld für Hausbesuche, um das Angebot wirtschaftlich aufrechterhalten zu können. „Wenn wir die Vergütung für Hausbesuche nicht deutlich anheben, werden sie perspektivisch nicht mehr stattfinden können“, sagte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen. „Das Versorgungsproblem zeichnet sich schon am Horizont ab.“ Bisher habe in Verhandlungen mit dem Spitzenverband der Gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rungen (GKV) keine Verbesserung erreicht werden können. „Da bleiben wir dran.“

Hausbesuche würden derzeit mit etwa 23 Euro vergütet, erläuterte der KBV-Chef. „Plus Fahrpauschale reden wir von einer Größenordnung von 25 Euro.“ Mit An- und Abfahrt und Parkplatzsuche sei dafür in einer Stadt wie Berlin schnell eine Stunde vorbei. „Wenn der Klempner kommt, nimmt er schon teilweise 45 Euro für die Anfahrt. Da hat er die Tasche noch nicht mal ausgepackt.“

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Der GKV-Spitzenverband erklärte, mit den 23 Euro habe die KBV leider nur den Zuschlag für einen Hausbesuch genannt, die Vergütung der eigentlichen ärztlichen Leistung aber vergessen. Hinzu kämen noch die normale Versichertenpauschale und beispielsweise extra Geld für ein Arzt-Patienten-Gespräch, sagte Sprecher Florian Lanz. Damit bekomme ein Arzt für einen Hausbesuch am Tag 86 Euro, nach 19 Uhr wären es 112 Euro, nachts 131 Euro. Dazu komme eine Wegepauschale. Da Ärzte in der Regel pro Stunde mehrere Hausbesuche machten, läge ein fiktives Stundenhonorar noch höher.

Die 86 Euro beziehen sich nach GKV-Angaben auf den ersten Besuch eines Arztes bei einem Patienten über 75 Jahre im Quartal, bei dem es auch ein Arzt-Patienten-Gespräch gibt. 79 Prozent der normalen Hausbesuche führen demnach zu Patienten über 75 Jahre.

Kassenärzte-Chef Gassen sagte, problematisch sei, dass ein Arzt in der Zeit von Hausbesuchen seine Praxis zumachen müsse. „Er ist ja unterwegs. Aber die Kosten laufen weiter.“ Viele machten Hausbesuche deswegen am Mittwochnachmittag oder abends. Leidtragende der Situation seien „die Kollegen, die ihre Patienten nicht im Stich lassen wollen – und die Patienten, die keine Ärzte mehr finden, die wirtschaftlich darstellbar Hausbesuche machen“. Um eine „unsanfte Landung“ zu vermeiden, gelte es, zügig etwas zu tun.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Hausbesuche deutlich gesunken. Gab es 2009 noch 30,3 Millionen Hausarztvisiten bei Patienten und 2010 rund 27 Millionen, waren es 2016 nur 25,2 Millionen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Linken-Anfrage von Juni 2018 hervor. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #88255
doc.nemo
am Mittwoch, 9. Januar 2019, 08:30

Cui bono?

Für wen führt der GKV-Spitzenverband eigentlich diese Rechentricks auf? Sicher nicht für die Kassenärzte, denn die durchschauen die Zahlenspielereien auf Anhieb. Für die politischen Entscheidungsträger etwa? Kaum, denn für die gibt es altbewährte Lobbytechniken, und die spielen sich meist konspirativ ab, z. B. auf einem „Arbeitsessen“ im Luxusfresstempel oder einem „informellen Frühstück“ beim schicken Italiener. Bleibt eigentlich nur noch der Versuch der Stimmungsmache beim Patienten, der die Abrechnungstücken nicht kennt und der den Eindruck haben muss (und soll), sein Hausarzt „verdiene“ mit jedem Hausbesuch 131 Euro, was ja wohl mehr als genug sei. Oder täusche ich mich da?
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 9. Januar 2019, 00:40

"SpiBu"-Funktionäre verstehen von Hausbesuchen

in etwa so viel wie Milchkühe vom Rennradfahren! Dafür verstehen sie etwas von demagogischer öffentlicher Irreführung.

Wenn der Spitzenverband Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen der GKV erklärt, 23 € sei nur der Zuschlag für einen Hausbesuch zusätzlich zur Vergütung der eigentlichen ärztlichen Leistung: Die normale Versichertenpauschale und extra Geld für ein Arzt-Patienten-Gespräch (O-Ton SpiBu Sprecher Florian Lanz) kämen noch hinzu, haben er und seine Leute noch nie im Leben einen Hausbesuch gemacht, geschweige denn jemals einen abgerechnet.

Denn oft mehrfach notwendige Quartals-Hausbesuche bei dann weiter schwindenden Praxis-Umsätzen erfolgen zusätzlich zur pauschalierten Rundum-Betreuung über 90 Quartals Tage à 24 Stunden. Und es sind chronisch Kranke, Multimorbide, Teilhabe-, Mobilitäts-, Aktivitäts- und/oder Mental-eingeschränkte, oft komplett bettlägerige, hilfsbedürftige Patientinnen und Patienten.

Für einen Hausbesuch "am Tag 86 Euro, nach 19 Uhr 112 Euro, nachts 131 Euro" bekämen Vertragsärzte nur, wenn es ansonsten kerngesunde Patienten wären, die den Hausarzt außerhalb von einmaligen Hausbesuchsleistungen im Quartal nicht ein einziges Mal in der Praxis in Anspruch nähmen. Und für die Mini-Wegepauschalen müssen Ärzte immerhin ja auch noch ein eigenes, vorfinanziertes Auto mitbringen.

Wenn Hausbesuche besser vergütet werden sollen, wie KBV-Chef Dr. Andreas Gassen fordert, müssen sie aus der Budgetierung und aus der gedeckelten Gesamtvergütung heraus genommen werden. Sonst würden verbesserte Hausbesuchsvergütungen von uns Ärzten weiter selbst quer subventioniert und damit von uns allen selbst bezahlt werden. Von daher fehlt eine taktische Forderung des Kollegen Andreas Gassen. Derzeit werden übrigens viele Hausbesuchsleistungen durch Honorarbegrenzungs-Maßnahmen und Budgetierung der einzelnen KVen von vorne herein gar nicht mehr finanziert.

GKV-Spitzenverband, Politik, Medien und Öffentlichkeit müssen endlich erkennen, dass es so nicht weitergeht.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

Vgl.:
Immer weniger Hausbesuche werden von immer weniger Haus- und Familienärzten gestemmt!
1/3 der Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte machen die Hausbesuchs-Arbeiten für 2/3 aller Vertragsärzte mit! Hausbesuche lasten auf den Schultern von nur 50.826 Vertragsärzten. Während laut KBV und Bundesarztregister die Zahl der ambulant tätigen Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte im Jahre 2017 bei 154.369 Ärztinnen und Ärzten lag. 24,6 Millionen Hausbesuche im Jahr 2017 entsprachen im Schnitt 484 Besuchen pro Arzt. 2009 wurden noch 30,3 Millionen Hausbesuche bundesweit durchgeführt.
http://news.doccheck.com/de/blog/post/5393-was-machen-sie-eigentlich-an-ihrem-freien-mittwochnachmittag-herr-doktor/
Avatar #651910
thyriris
am Montag, 7. Januar 2019, 21:06

Fallpauschale und Arzt-Patient-Gesprächs-Pauschale...

... die Fallpauschale wird bekanntlicherweise quartalsweise berechnet, kann also keinesfalls bei jedem Hausbesuch abgerechnet werden - also höchstens anteilig. Die Gesprächspauschale wird häufig gestrichen, insbesondere, wenn sie mehrmals im Quartal abzurechnen wäre. Die hier angesetzten Zahlen der GKV sind Mondzahlen und haben mit der hausärztlichen (Abrechnungs-) Realität nichts zu tun.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 7. Januar 2019, 20:34

Hausarztlastige Hausbesuche

Kollege Gassen übersieht: Hausbesuche sind Hausarzt-"lastig" und entlasten Fachärzte! Vertragsärztliche Hausbesuche in Deutschland sind zu 1/3 aktiv und zu 2/3 passiv!
Immer weniger der insgesamt in der Akut- und Notfallmedizin viel stärker als Fachärzte belasteten Haus- und Familienärzte machen immer häufiger die dringend notwendigen Hausbesuche, um die ambulante Versorgung in Praxis und zentralem vertragsärztlichen Notdienst (ZND) überhaupt sicherzustellen. Immer weniger in Praxis und MVZ angestellte Kolleginnen und Kollegen, egal ob Haus- oder Fachärzte, wollen überhaupt noch Hausbesuche machen.

Damit wollen die fach- und spezialärztlichen Kolleginnen und Kollegen am liebsten ohne jegliche Hausbesuchs-Verpflichtungen in den Feierabend gehen: Und delegieren die ungeliebte Hausbesuchs-Tätigkeit an die eh' schon stärker belasteten Haus- und Familienärzte.

Bei unseren zahnärztlichen Kolleginnen und Kollegen gibt es bis heute übrigens gar keine geregelte Versorgung durch Hausbesuche für bettlägerige und immobile Patienten, wenn man von wenigen Privatinitiativen absieht (einen dieser Zahnärzte kenne ich übrigens persönlich).

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: 24,6 Millionen Hausbesuche im Jahr 2017 entsprachen im Schnitt 484 Besuchen pro Arzt. Das ging aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken zu Regressforderungen der KVen anlässlich von Hausbesuchen hervor. Nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) wurden im Jahr 2009 noch 30,3 Millionen Hausarztbesuche bundesweit durchgeführt.

Ein schlichter Dreisatz bringt es an den Tag: Wenn bei 24,6 Millionen Hausbesuchen im Jahr 2017 im Schnitt pro Arzt 484 Besuche absolviert wurden, ruhte diese Hausbesuchs-Last auf den Schultern von nur 50.826 Vertragsärzten!
Laut KBV und Bundesarzt-Register lag die Zahl der ambulant tätigen Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte im Jahre 2017 zum Stichtag jedoch bei 154.369 Ärztinnen und Ärzten.
http://www.bundesaerztekammer.de/ueber-uns/aerztestatistik/aerztestatistik-2017/ambulant-taetige-aerzte/
Die Zahl der selbstständig freiberuflich Niedergelassenen, also ohne angestellte Kollegen/-innen, lag zum 31.12.2017 bei 118.356.
http://www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/pdf-Ordner/Statistik2017/Stat17Tab08.pdf

Nur zum Vergleich: Ohne die 120.865 nicht ärztlich Tätigen waren im Jahre 2017 im Bundesgebiet 385.149 Ärztinnen und Ärzte ärztlich tätig.

Im Klartext: Weniger als ein Drittel (50.826) aller ambulant tätigen Vertrags-Ärztinnen und -Ärzte (154.369) machten im Jahre 2017 noch die zur Sicherstellung der ambulanten ärztlichen Versorgung notwendigen Hausbesuche.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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