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Ärzteschaft

Deutliche Kritik am Referentenentwurf zur Reform der Psychotherapeuten­ausbildung

Dienstag, 8. Januar 2019

/dpa

Berlin – Der Spitzenverband ZNS lehnt den vom Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) vorgelegten Referentenentwurf zur Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung ab. Der Entwurf „ignoriert massiv die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte seit der Psychiatrie­reform“, heißt es in einer Pressemitteilung des Spitzenverbands ZNS, der sich aus psychiatrischen und neurologischen Berufsverbänden zusammensetzt. Zudem werde die Behandlungssicherheit psychisch kranker Menschen schlechter gestellt als die somatisch Kranker, sollte das Gesetz in Kraft treten.

Ähnlich äußert sich die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) in einer Pressemitteilung. Sie fordert „eine komplette Neuausrichtung“ des Gesetzes. „Der vorliegende Entwurf versucht, die Diagnostik, Behandlung und Erforschung psychischer Erkrankungen in wesentlichen Teilen völlig von der Medizin zu trennen. Ihm liegt die falsche Annahme zugrunde, dass Psychotherapie isoliert ohne eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung in Psychologie oder Medizin als reine Technik erlernt und ausgeübt werden kann“, schreibt die Fachgesellschaft.

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Es dürfen keine getrennte Versorgungsbereiche entstehen

Auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK), die zu dem Entwurf noch ausführlich Stellung beziehen wird, und Deutsche Ärztetage hatten in der Vergangenheit wiederholt Kritik an den Plänen des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums geübt. Die BÄK sieht zwar grundsätzlich die Notwendigkeit, die Ausbildung der Psychologischen Psycho­therapeuten und der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten zu reformieren. Aus ihrer Sicht darf die Ausbildungsreform aber nicht dazu führen, dass voneinander getrennte Versorgungsbereiche entstehen oder die Versorgung von Menschen mit psychischen und psychosomatischen Erkrankungen aus dem medizinischen Versorgungssystem ausgegliedert werden. Vielmehr gelte es, im Interesse der Patienten vorrangig die Kooperation sowie die Vernetzung der jeweils spezifischen Expertise der verschiedenen Berufsgruppen weiter voranzubringen, so die BÄK.

Unter anderem hatte die Ärzteschaft eine Reduktion der Berufsbezeichnung der Psychologischen Psychotherapeuten sowie der Kinder- und Jugendlichen­psychotherapeuten auf „Psychotherapeut“ nachdrücklich zurückgewiesen. Diese Bezeichnung dürfe nicht für Psychologische Psychotherapeuten sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten reserviert werden, da Ärztinnen und Ärzte ebenfalls psychotherapeutisch tätig sein dürfen. 

Vielmehr sollten Patienten erkennen können, auf Basis welcher Grundqualifikation psychotherapeutische Verfahren angewandt werden, hieß es in einer Entschließung des letzten Deutschen Ärztetages. Das BMG hat sich hingegen nun doch für den Begriff „Psychotherapeut“ entschieden: „Die Tatsache, dass künftig das Psychologiestudium nicht mehr Voraussetzung für die Erteilung der Approbation ist, macht den Zusatz ‚psychologisch‘ nicht mehr passend“, heißt es in der Gesetzesbegründung. Ärztinnen und Ärzte, die überwiegend oder ausschließlich psychotherapeutisch arbeiten, dürfen aber neben der Bezeichnung Psychotherapeut den Zusatz „ärztlich“ führen.

Sichere Verordnung vom Psychopharmaka nur auf Grundlage eines Medizinstudiums

Strikt abgelehnt wird von der Ärzteschaft beispielsweise die Intention, Modell­ver­suchsstudiengänge zuzulassen, die die vorgesehene Ausbildung um den Erwerb von Kompetenzen erweitert, die zur Feststellung, Verordnung und Überprüfung pharma­kologischer Maßnahmen erforderlich sind. Aus Sicht der Ärzteschaft sei eine sichere Verordnung von Psychopharmaka nur auf der Grundlage eines Medizinstudiums möglich.

Zuletzt hatte die BÄK im März 2018 zu dem Arbeitsentwurf des Gesetzes Position bezogen. Eine ausführliche Stellungnahme zu dem nun vorgelegten Refe­rentenentwurf, in der unter anderem auch auf offene Fragen der Weiterbildung sowie die Implikationen für die ärztliche Weiterbildung, auf die wissenschaftliche Bewertung psychotherapeutischer Verfahren als wichtigen Baustein der Qualitätssicherung psychotherapeutischer Versorgung im Interesse der Patientensicherheit und auf die Befugnisse von nicht-ärztlichen Psychotherapeuten eingegangen wird, ist nach Auskunft der BÄK in Arbeit.

Kernstück des Entwurfes für ein „Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz“ aus dem BMG vom 4. Januar ist ein fünfjähriges Hochschulstudium der Psychotherapie, „das gezielt auf die Ausübung der heilkundlichen Psychotherapie zugeschnitten ist“. Das Studium soll aus einem dreijährigen Bachelorstudium und einem darauf aufbauenden zweijährigen Masterstudiengang bestehen. Insgesamt sollen 9.000 Stunden hochschulische Lehre und berufspraktische Einsätze absolviert werden, die in der Approbationsordnung für Psychotherapeuten näher vorgegeben werden.

Neben der heilkundlichen Psychotherapie tragen Psychotherapeuten nach der Definition des BMG „durch Beratung, Prävention und Rehabilitation zur Erhaltung, Förderung und Wiederherstellung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung bei“.

Verfahrensbreite Ausbildung in heilkundlicher Psychotherapie

Damit wird künftig zugunsten eines Direktstudiums auf die postgraduale Ausbildungs­struktur für Psychologische und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten verzichtet und eine verfahrensbreite Ausbildung zur „Psychotherapeutin“ beziehungsweise „Psychotherapeuten“ eingeführt. Anschließend ist eine Weiterbildung vorgesehen, in der Schwerpunkte in der Behandlung von Erwachsenen beziehungsweise Kindern und Jugendlichen gesetzt werden und eine vertiefte Qualifizierung in einem wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren erworben wird. Diese Weiterbildung zum „Fachpsychotherapeuten“ ist Voraussetzung für die Eintragung in das Arztregister und für die Zulassung zur psychotherapeutischen Versorgung gesetzlich Krankenversicherter.

Approbation bereits nach dem Psychotherapiestudium möglich

Neu ist im Vergleich zur bisherigen postgradualen Struktur, dass die Approbation bereits nach dem Psychotherapiestudium erworben werden kann. Mit der Approbation wird es künftigen Psychotherapeuten erlaubt, „psychisch kranke Patienten psychotherapeutisch zu behandeln“, heißt es im Gesetzestext. Eine staatliche psychotherapeutische Prüfung vor der Erteilung der Approbation soll sicherstellen, dass das Ausbildungsziel erreicht wurde. Die Gesundheitsbehörden der Länder sollen im Übrigen auch an den Verfahren der Akkreditierung von Studiengängen „in verantwortlicher Funktion mitwirken“.

Nach Ansicht des BMG ist das neue System am besten geeignet, „um auf Dauer eine moderne und zukunftsfähige Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung zu gewährleisten“. Insbesondere durch die Einführung der Approbation nach dem Hochschulschulstudium werde sich die finanzielle Situation angehender Psychotherapeuten stark verbessern. Ihnen ist es dadurch möglich, die Weiterbildung im stationären Bereich in einem Angestelltenverhältnis mit entsprechender Vergütung zu absolvieren. Bisher haben Psychotherapeuten in Ausbildung ihr praktisches Jahr an psychiatrischen Kliniken aufgrund ihres Praktikantenstatus gar nicht oder nur gering vergütet bekommen.

Das Ministerium macht in dem Referentenentwurf explizit deutlich, dass die Neu­ordnung der psychotherapeutischen Ausbildung „nicht auf einen neuen psycho­therapeutischen Arztberuf abzielt“. Dies war im Vorfeld des Gesetzge­bungsverfahren von einigen ärztlichen Berufsverbänden befürchtet worden. „Vielmehr greift die Neuordnung nur das Aufgabenspektrum ab, das heute schon gelebte Praxis in der psychotherapeutischen Versorgung ist und entwickelt diese weiter“, heißt es in der Begründung. © PB/aerzteblatt.de

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