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Medizin

Frühgeburten: Familienzimmer senken das Sepsisrisiko

Mittwoch, 9. Januar 2019

Tobilander, stockadobecom

Amsterdam – Viele neonatologische Zentren haben Familienzimmer für Frühgeborene eingerichtet, um die Bindung der Mutter in einer für die Hirnentwicklung wichtigen Phase des Kindes zu stärken. Eine günstige Auswirkung auf die neurologische Entwicklung konnte laut einer systematischen Übersicht und Metaanalyse in Lancet Child & Adolescent Health (2019; doi: 10.1016/S2352-4642(18)30375-4) bisher aber nicht nachgewiesen werden. Eine höhere Stillquote und eine niedrigere Sepsisrate würden allerdings den medizinischen Nutzen der familienzentrierten Versorgung von Frühgeborenen bestätigen. 

Frühgeborene wurden lange Zeit auf offenen Stationen in größeren Räumen mit zahlreichen Inkubatoren betreut. Dies erleichterte zwar die medizinische Versorgung der Säuglinge durch das Fachpersonal. Ein enger körperlicher Kontakt zur Mutter war allerdings nicht möglich. Ein lange ignorierter Nachteil war eine niedrige Stillquote. Heute wird auch befürchtet, das die Hirnentwicklung der Säuglinge Schaden nehmen könnte, wenn die Mütter von den Frühgeborenen getrennt sind. 

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Viele Kliniken haben in den letzten Jahren darauf reagiert. Im Rahmen eines „entwick­lungs­fördernden familienzentrierten individuellen Betreuungskonzepts“ wurden in den neonatologischen Abteilungen Einzelzimmer eingerichtet, in denen die Mütter die Tage und Wochen bis zur Entlassung bei ihren Kindern verbringen können. 

Die medizinische Evidenz dieser Maßnahmen war bisher gering. Ein Team um Sophie van der Schoor von OLVG, einem Lehrkrankenhaus der Freien Universität Amsterdam, fand bei ihren Recherchen nur eine einzige randomisierte klinische Studie, die den möglichen Nutzen von Einzelzimmern untersucht hat. Die Stockholm Neonatal Family Centered Care Study hatte auf 2 Stationen 366 Frühgeborene auf eine Betreuung im Einzelzimmer oder in größeren Sälen randomisiert. Ergebnis: Die Kinder konnten zwar früher nach Hause entlassen werden, ein Rückgang der Morbidität (mit Ausnahme einer verminderten Rate der bronchopulmonalen Dysplasie) konnte jedoch nicht nach­gewiesen werden (Pediatrics 2010; 125: e278-85).

Die niederländischen Pädiater stießen bei ihren Recherchen auf 12 weitere Studien (alle nicht randomisiert), die sie jetzt zusammen mit der schwedischen Studie ausgewertet haben. Ihr primäres Interesse galt erneut der langfristigen neurologischen Entwicklung der Säuglinge, die in 5 Publikationen untersucht worden war. Obwohl alle Studien nur extreme Frühgeborene (Geburt in der 28. Woche oder früher) mit einem sehr niedrigen Geburtsgewicht (im Mittel unter 1.000 Gramm) eingeschlossen hatten, war kein Vorteil der familienzentrierten Betreuungskonzepte auf die kognitive Entwicklung nachweisbar, die mit der Bayley Scales of Infant and Toddler Development (BSID)-III im Alter von 18 bis 24 Monaten untersucht worden war. Auch die in der Stockholmer Studie beschriebene Verkürzung der Liegezeiten im Krankenhaus war in der Gesamtschau aller Studien nicht mehr nachweisbar.

Bei der Inzidenz der Sepsis, einem der sekundären Endpunkte, war indes ein Vorteil erkennbar. Die Blutstrominfektionen, die ein häufiges Problem auf neonatologischen Intensivstationen sind, traten zu 37 % seltener auf, wenn die Säuglinge zusammen mit der Mutter in einzelnen Zimmern betreut wurden. Van der Schoor ermittelte eine Risk Ratio von 0,63, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,05 bis 0,78 signifikant war. Der absolute Unterschied in der Sepsisrate war mit 1,95 gegenüber 2,92 auf 1.000 Behandlungstage jedoch gering. Den Grund für die protektive Wirkung konnte die Studie nicht ermitteln. Van der Schoor vermutet, dass die hygienischen Verhältnisse, etwa die Händedesinfektion bei Betreten des Einzelzimmers, besser sind. 

In Bezug auf die Wachstumsraten, die bronchopulmonale Dysplasie, die Frühgebore­nen-Retinopathie, intraventrikuläre Blutungen oder die Sterblichkeit war in der Metaanalyse kein Vorteil für die Einzelzimmerbetreuung nachweisbar. 

Ein eindeutiger Vorteil ist die höhere Stillquote. Die Chance, dass die Mutter ihren Säugling bei der Entlassung voll stillt, war nach einer Betreuung im Einzelzimmer signifikant höher (Risk Ratio 1,31; 1,07-1,61). Bei einer Beschränkung der Metaanalyse auf qualitativ hochwertige Studien (niedriges oder moderates Risiko von Verzerrungen) betrug die Risk Ratio sogar 2,74 (1,04-7,21). Im Einzelzimmer gelingt es den Müttern demnach fast 3-mal häufiger, ihre Säuglinge erfolgreich zu stillen. 

Dass die Metaanalyse keine weiteren Vorteile nachweisen kann, muss nicht heißen, dass es sie nicht gibt. Die Kinder wurden in den Studien nur bis zum Alter von 2 Jahren nachbeobachtet. In diesem Alter ist es jedoch erst begrenzt möglich, die neurologische Entwicklung zu beurteilen. Auch schwere neurokognitive Defizite machen sich bei vielen Kindern erst später bemerkbar, gibt van der Schoor zu bedenken. © rme/aerzteblatt.de

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