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Medizin

Pro und Contra: Sind Low-Carb-Diäten zur Therapie von Übergewicht und Diabetes geeignet?

Montag, 21. Januar 2019

Berlin – Die Diskussion über den gesundheitlichen Benefit von Low-Carb-Diäten ist erneut entflammt. Grund dafür ist vor allem eine neue Metaanalyse in Nutrition Reviews, die die mittel- bis langfristigen Änderungen des LDL-Cholesterins unter einer Fett- oder Kohlenhydratrestriktion über einen Zeitraum von mindestens 6 Monaten bis zu 2 Jahren beobachtet. Es wurden 8 kontrollierte randomisierte Studien zur kohlenhydratreduzierten Diät und zur fettarmen Diät mit insgesamt etwa 1.600 Teilnehmern ausgewertet. Sehr klare Vorteile sehen die Studienautoren bei der Low-Carb-Diät. Doch diese Ergebnisse überzeugen nicht jeden Ernährungswissenschaftler. Sie halten einen Anstieg des LDL-Cholesterins, der sich in anderen Studien zeigte, für gesundheitsgefährdend (Circulation Research 2019).

Stephan Jacob: Am Ende zählt die Reduktion aller kardiometabolischen Risikofaktoren, das heißt die „Gefäßlast“ (vascular burden).

Die Ergebnisse dieser Metaanalyse zeigen nach 6, 12 und 24 Monaten nur marginale Änderungen des LDL, jedoch eine Verbesserung von HDL und Triglyceriden sowie der small dense LDL. Dass lässt wegen des besseren Gesamt-Lipidprofils eher günstige Effekte auf das kardiovaskuläre Risiko erwarten.

Betrachtet man Qualität und  Dimension der Lipid­veränderungen, so ergeben sich interessante Parallelen zu den SGLT2-Hemmern: Auch sie erhöhen das LDL leicht, ebenso das  HDL – und sie reduzieren die Triglyceride (BMC Endocrine Disorders 2014). Das wurde sehr kritisch und lange von Kardiologen diskutiert, denn man erwartete eher negative Effekte von der Erhöhung des LDL-Cholesterins. Die Verbesserungen von Blutdruck, Gewicht, Insulinresistenz, Hyperinsulinämie und der Glykämie wurden in den Diskussionen häufig ausgeblendet. Aber: Interventionsstudien mit SGT2-Hemmern (EMPAREG, CANVAS und DECLARE) haben die Prognose eindeutig verbessert. Hier zeigt sich, dass die Verschlechterung eines Laborwertes allein nicht entscheidend ist. Am Ende zählt die Reduktion aller kardiometabolischen Risikofaktoren, das heißt die Gefäßlast (vascular burden).

Insgesamt bessert sich unter Low-Carb-Diäten zusätzlich zur Gewichtsreduktion die Insulinsensitivität, die Hyperinsulinämie, der Blutdruck, die Entzündungsparameter und die atherogenen Lipide (small dense LDL) – alles bekannte vaskuläre Risikofaktoren. Vermutlich wird eine Kohlenhydratreduktion bei Patienten mit metabolischem Syndrom und Typ-2-Diabetes noch deutlichere Effekte haben, da insbesondere für den Glukosestoffwechsel weniger Insulin benötigt wird. Leider wird es zu diesen Ernährungsinterventionen keine kardiovaskuläre Endpunktstudie geben. So lassen sich nur Analogieschlüsse wie die aus den SGLT2-Hemmer-Studien ziehen. Die sprechen für Low-Carb.

Stefan Lorkowski: Eine (sehr) kohlenhydratarme Kost birgt das Risiko einer Erhöhung des LDL-Cholesterols, wenn der größere Fettanteil mit einem erhöhten Verzehr langkettiger gesättigter Fettsäuren einhergeht.

Viele Wege führen nach Rom – und es spricht viel dafür, dass der Kohlenhydratanteil in der Nahrung stark variieren kann, solange die Qualität der Kohlenhydrate ausreichend hoch ist. Diese „Flexibilität“ verwundert aus evolutionsbiologischer Sicht nicht, musste die Ernährung doch zunächst nur den Bedarf an Energie und unentbehr­lichen Nährstoffen decken, um Überleben und Fort­pflanzung zu sichern. Erst angesichts der gestiegenen Lebenserwartung zeigt sich der Zusatznutzen in der langfristig positiven Wirkung einer vollwertigen Ernährung.

Diese kann (i) fettmoderat und kohlenhydratbetont, (ii) fettarm und kohlenhydratreich, aber auch (iii) kohlenhydratarm sein, sofern man sich ausreichend mit Ballaststoffen und unentbehrlichen Nährstoffen versorgt, nicht zu viel gesättigte Fettsäuren und Transfettsäuren zuführt, wenig raffinierte Stärke und zugesetzten Zucker verzehrt, dazu Protein aus bevorzugt pflanzlichen Quellen statt aus Fleisch(waren) isst und den Energiebedarf beachtet.

Auch Ernährungsformen wie eine (sehr) fettarme oder eine (sehr) kohlenhydratarme Kost sind demnach möglich; letztere birgt jedoch das Risiko einer Erhöhung des LDL-Cholesterols, wenn der größere Fettanteil mit einem erhöhten Verzehr langkettiger gesättigter Fettsäuren einhergeht. Dieser Effekt gesättigter Fette ist durch zahlreiche Studien mit überzeugender Evidenz belegt (BMJ 2018, Ann Nutr Metab 2015) und wurde auch in einigen der in der Metaanalyse einbezogenen Interventionsstudien adressiert, in denen der Anteil der gesättigten Fette in der kohlenhydratreduzierten Kost vergleichbar zu dem in der fettarmen oder nur etwas höher war. Ein Anstieg des LDL-Cholesterols war also gar nicht zu erwarten.

Es ist zwar attraktiv, aber naiv zu glauben, dass allein eine Änderung der Relation von Kohlenhydraten und Fetten ausreicht. Es kommt vielmehr auf deren ernährungs­physiologische Qualität und vor allem die Energiebilanz an. © gie/mls/aerzteblatt.de

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Nicolai Worm
am Montag, 21. Januar 2019, 20:03

Undifferenzierte Aussagen zum LDL-Cholesterin unter Low-Carb

Was Prof. Lorkowski nicht erwähnt: Ein LDL-Anstieg ist typischerweise, wenn überhaupt, nur anfangs zu beobachten. Außerdem wird dabei die LDL-Qualität günstig beeinflusst, indem der Anteil der kleinen dichten LDL-Partikel abnimmt. Gleichzeitig sinken die trigylceridreichen Lipoproteine und das HDL-Cholesterin steigt.

Eine aktuelle Meta-Analyse, die nach Interventionsdauer differenziert kommt zu einem ganz anderen Ergebnis, als Lorkowski es vermittelt https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/?term=Gjuladin-Hellon :
“The very-low-carbohydrate subgroup with < 10% CHO and the moderate carbohydrate subgroup (MLCD) with 35%–45% CHO TEI did not cause any difference of LDL-C compared with the low-fat diet regardless of duration of intervention. Both carbohydrate restricted interventions, the VLCD and the MLCD, resulted in an overall nonsignificant mean change of LDL-C compared with the LFD intervention... The more favorable changes in several lipid parameters (HDL-C and TG) and nonsignificant changes of LDL-C in both the VLCD and MLCD subgroup analysis, despite the slight global increase in LDL-C, support the view that CHO restriction, especially the VLCD, is more effective in improving the investigated CVD risk markers.“

Zudem ist der Effekt der gesättigten Fettsäuren bei negativer Energiebilanz (typisch für eine Low-Carb „Diät“ auch anders zu bewerten, als bei ausgeglichener oder positiver Energiebilanz. Dazu ist soeben ein Nachanalyse einer eng kontrollierten Interventionsstudie erschienen: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30649213 „Those on a low-carbohydrate weight-loss diet who increase their percentage intake of dietary saturated fat may improve their overall lipid profile provided they focus on a high-quality diet and lower their intakes of both calories and refined carbohydrates.”
LNS

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