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Ausland

Warnungen vor Folgen für Gesundheits­versorgung wegen ungeregelten Brexits

Mittwoch, 16. Januar 2019

London: Premierministerin Theresa May spricht im britischen Unterhaus, nachdem sie die Abstimmung über ihren Brexit-Plan verloren hat. /dpa

Frankfurt am Main/Berlin/Bonn – Nachdem sich gestern das britische Unterhaus gegen das ausgehandelte Brexit-Abkommen mit der Europäischen Union (EU) ausgesprochen hat, warnen heute Pharmaverbände im Fall eines ungeordneten Brexits vor Engpässen in der Arzneimittelversorgung.

Ohne Übergangsphase oder Regelungen für die komplexen Lieferketten für Arznei­mittel könne die Versorgung in Großbritannien und der übrigen EU „empfindlich“ gestört werden, mahnte der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) in Berlin. Großbritannien und die EU müssten dringend Maßnahmen ergreifen, damit gerade schwer kranke Patienten weiter ihre Medikamente erhielten. Fast jedes vierte Arzneimittel für die EU werde in Großbritannien freigegeben und dort in den Verkehr gebracht, so der BAH.

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„Medikamente, die für ganz Europa in Großbritannien zugelassen wurden, dürfen von jetzt auf gleich nicht mehr in Europa vertrieben werden“, warnte der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI). Im Falle eines Brexits ohne Abkommen werde Großbritannien im Handel zum Drittstaat, inklusive damit verbundener Zölle und anderer Beschränkungen, sagte Vorstandschef Martin Zentgraf.

Jährlich werden dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa) zufolge eine Milliarde Arzneimittelpackungen zwischen Großbritannien und der übrigen EU gehandelt. Von möglichen Arzneimittelengpässen wäre aus vfa-Sicht aber in erster Linie Großbritannien betroffen. Das Land könne einen „Stresstest für das Gesundheitssystem“ wesentlich schwerer wegstecken als die EU, sagte vfa-Hauptgeschäfts­führerin Birgit Fischer. Pharmaunternehmen hätten zwar ihre Arzneimittelvorräte auf der Insel erhöht. Ob das aber für einen Brexit ohne Deal genüge, sei ungewiss.

Handel bereits eingebrochen

Der Handel der deutschen Chemie- und Pharmabranche mit Großbritannien ist bereits eingebrochen. 2018 sank das Handelsvolumen mit dem Vereinigten Königreich um fast zehn Prozent auf 16 Milliarden Euro, zeigen Zahlen des Branchenverbands VCI. 2017 wurden noch Chemieprodukte und Arzneimittel im Wert von 17,7 Milliarden Euro zwischen Deutschland und Großbritannien ausgetauscht.

Der Einbruch im Handel hänge stark mit Arzneimitteln zusammen, erklärte der VCI. Möglicherweise hätten deutsche Pharmaunternehmen weniger Medikamente von der Insel importiert und stattdessen zur Sicherheit Verträge mit anderen Zulieferern in Europa als Ersatz für britische Produkte abgeschlossen. Bei den Pharmaexporten nach Großbritannien wiederum habe sich der Rückgang seit 2016 fortgesetzt.

Die Sorgen der Pharmabranche sind auch deshalb groß, weil die EU-Aufsicht und -Prüfung von Medikamenten bisher in London verankert war. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) siedelt wegen des Brexits derzeit nach Amsterdam über. Der Umzug mit 850 Mitarbeitern begann jüngst.

Die Bundesregierung hat der Warnung vor einer Arzneimittelknappheit bei einem ungeordneten Brexit widersprochen. „Wir rechnen nicht mit Engpässen“, versicherte eine Sprecherin des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums heute. Voraussetzung sei allerdings, dass die betroffenen Pharmaunternehmen ihrer Verantwortung bei der Zulassung von Arzneimitteln nachkämen.

Der CDU-Europaabgeordnete und gesundheitspolitische Sprecher der größten Fraktion im Europäischen Parlament (EVP-Christdemokraten), Peter Liese, warnte heute mit eindringlichen Worten vor den Konsequenzen eines harten Brexits im Gesundheits­wesen. „Ein harter Brexit hätte im Gesundheitswesen, vor allen Dingen in Großbritannien, katastrophale Folgen“, sagte er. Es sei leider zu befürchten, dass Patienten wegen mangelnder medizinischer Versorgung sterben müssten.

„Viele Ärzte und Pflegekräfte vom Kontinent arbeiten in Großbritannien. Bei einem harten Brexit nehme ich an, dass viele von ihnen in ihre Heimatländer zurückkehren“, erklärte Liese. Dadurch werde die medizinische Versorgung in Großbritannien, die ohnehin schon schlecht sei, nochmal dramatisch verschlechtert.

„Besonders schlimm werden die Auswirkungen eines harten Brexits für Patienten sein, die zum Beispiel an Krebs leiden und die auf eine Behandlung mit radioaktiven Isotopen angewiesen sind“, prognostiziert Liese. Viele dieser Isotope würden auf dem Kontinent hergestellt, und wenn Großbritannien aus der EU aussteige, würden sie auch aus dem EURATOM-Vertrag aussteigen. „Eine Herstellung dieser Isotope innerhalb kurzer Zeit ist in Großbritannien aus technischen und Sicherheitsgründen nicht möglich“, erklärte Liese. Die Befürworter eines harten Brexits spielten damit „mit dem Leben von Menschen“.

Schlappe für May

Großbritannien will die EU am 29. März verlassen. Dabei wird ein ungeregelter Brexit nach dem historischen Votum im britischen Unterhaus immer wahrscheinlicher. Die Abgeordneten des britschen Unterhauses hatten das von EU und Premierministerin Theresa May ausgehandelte Brexit-Abkommen gestern Abend mit überwältigender Mehrheit abgeschmettert. Mit 432 zu 202 Stimmen votierten die Abgeordneten gegen den Deal. Für die 62-jährige May ist das die wohl größte Niederlage in ihrer politischen Karriere. Die oppositionelle Labour-Partei stellte sofort nach der Abstimmung einen Misstrauensantrag gegen die Regierung. May bot an, sich diesem schon heute zu stellen.

Nachverhandlungen und entscheidende Zugeständnisse an Großbritannien hatte die EU zuletzt immer wieder ausgeschlossen. Nach dem Scheitern des Brexit-Deals sehen Abgeordnete des EU-Parlaments daher nun auch London am Zug, um einen ungere­gelten Austritt Großbritanniens aus der EU zu verhindern. Der Ball liege beim britischen Parlament, sagte der Unions-Spitzenkandidat für die Europawahl, Manfred Weber (CSU), heute im EU-Parlament. Die Abgeordneten müssten endlich sagen, was sie wollten. Die EU-Seite brauche klare Orientierungslinien.

Das Brexit-Abkommen war am 25. November von den Staats- und Regierungschefs der übrigen 27 EU-Staaten gebilligt worden. Zuvor hatten die Unterhändler 17 Monate lang an dem Deal gearbeitet. © dpa/may/aerzteblatt.de

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