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Molekular­diagnostik: Sinnvoll nur für jeden zehnten Krebspatienten

Mittwoch, 16. Januar 2019

/kentoh, stock.adobe.com

Berlin – Molekulargenetische Untersuchungstechniken kommen immer häufiger bei Krebspatienten zum Einsatz. Bei mehr als 40 Wirkstoffen sind diagnostische Vortests bereits verpflichtend. Viele weitere prädiktive molekulare Marker korrelieren mit klinischen Verläufen und zeigen – meist in retrospektiven Studien – prognostische Relevanz.

Angesichts der Vielfalt der Möglichkeiten hat die Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie (DGHO) in Kooperation mit weiteren wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften gestern in Berlin ein Positionspapier vorgestellt, das Indikationen und Qualitätssicherung der Molekulardiagnostik bei Krebs definiert.

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Molekulargenetische Techniken haben sich in den letzten Jahren rasant entwickelt von konventionellen Polymerasekettenreaktionen (PCR) oder Fluoreszenz-In-Situ-Hybridisierung (FISH)  zum Next Generation Sequencing (NGS) mit Analyse des gesamten Exoms (Whole-Exome, WES), des gesamten Genoms (WGS) und des Transkriptoms (RNA-seq). Das verantwortliche Labor entscheidet, ob beispielsweise eine Einzel-PCR, FISH, eine Panel-Sequenzierung, Expressionsanalyse oder eine andere Methode zum Einsatz kommt.

Quelle: Positionspaper 2019

Die Erwartungen sind hoch, manchmal auch zu hoch. Ein Zahlenbeispiel: Würde man unselektiv bei jedem Krebs­patienten eine molekulare Tumor­diagnostik durchführen, würden Patho­logen etwa bei jedem vierten eine sinnvolle molekulare Abberation finden, erklärte der DGHO-Vorsitzende Carsten Bokemeyer vom Uniklinium Hamburg-Eppendorf. Bei der Hälfte dieser Patienten gebe es ein entsprechendes Medikament, das widerum aber nur bei etwa jedem zweiten wirken würde. „Es gibt also eine kleine Gruppe von Krebspatienten – 5 bis 10 % – bei denen aus einer Molekulardiagnostik eine Therapie folgt, die einen dramatischen klinischen Vorteil erzielen kann“, so der Facharzt für Hämatologie und Internistische Onkologie.

Als Indikation für eine Molekulardiagnostik benannten die Vertreter der Fachgesell­schaften unter anderem junge Patienten, solche, die in einem guten Allgemeinzustand sind oder wenn Standardtherapien ausgeschöpft sind. Des weiteren eignen sich Patienten mit Tumorarten, bei denen viele relevante genetische Aberrationen bekannt sind, wie etwa das Bronchialkarzinom oder Tumoren mit unbekanntem Primärtumor. Am Ende der Diagnostik steht immer die interdisziplinäre Diskussion im Tumorboard, um eine Therapieempfehlung für den Patienten zu empfehlen.

Bildergalerie

Die Chancen von Genexpressionsanalysen verdeutlichte erst kürzlich die TAILORx-Studie. Diese Phase-3-Studie zeigte, dass ein 21-Gentest (Oncotype) vorhersagen kann, welche Mammakarzinompatientinnen keine Chemotherapie benötigen. Frauen mit einem frühen hormonrezeptorpositiven (HR+) Her2-negativen (Her2-) Mammakarzinom ohne Lymphknotenbefall können bei intermediärem Rückfallrisiko komplett auf Zytostatika verzichten, ohne dass sich das Langzeitrisiko für Rezidive erhöht.

In den vergangenen 10 Jahren hat sich die Zahl etablierter Biomarker mehr als verdreifacht, weitere sind in der Entwicklung (Übersicht siehe Bildergalerie). Studiendaten konnten zudem erst letzte Woche bestätigen, dass eine hohe Mutationslast mit höheren Remissionsraten und längerem progressionsfreien Überleben korreliert bei einer Immuntherapie mit Checkpointinhibitoren.

Immuntherapie: Mutationslast sagt Therapieerfolg voraus

New York – Patienten mit metastasierenden Tumorleiden profitieren nicht alle gleichermaßen von einer Krebstherapie mit Checkpoint-Inhibitoren (ICI). Ausschlaggebend für das klinische Ansprechen auf die nebenwirkungsreiche und zudem kostspielige Immuntherapie könnte die Mutationslast sein. Zu diesem Ergebnis kommen Ärzte und Wissenschaftler am Memorial Sloan Kettering Cancer Center in New York (...)

Kommerzielle Anbieter werben für ihre Gentests

Besonders kritisch sehen die Autoren des Positionspapiers kommerzielle Angebote für Molekulardiagnostik, die nicht den vorgeschlagenen Qualitätskriterien entsprechen (Seite 6 im Positionspapier). Hierzu zählen die Fachgesellschaften etwa die externe Validierung der Analysequalität durch Teilnahme an Qualitätskontrollen in Form von Ringversuchen und eine Zertifizierung der Labore.

Hinter der „hochaggressiven Bewerbung“ einiger kommerzieller Anbieter sowohl bei Ärzten als auch bei Endverbrauchern stünden meist monetäre Interessen, berichtete Diane Lüftner, Vorstandsmitglied der DGHO. In seiner Präsentation zeigte Wilko Weichert vom Institut für Allgemeine Pathologie und Pathologische Anatomie der Technischen Universität München Logos von diversen US-Unternehmen: CARIS Life sciences, myriad, enomic health guardant health und Foundation medicine. Das größte Problem kommerzieller Anbieter sieht das Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Pathologie beim Verlust klinischer Daten an die Industrie.

Die Qualität prädiktiver Molekulartests müsse zudem hinterfragt werden, wenn wie im Beispiel von Foundation medicine ein Pharmaunternehmen wie Roche eine Mehrheitsbeteiligung am Unternehmen halte. Ein Schwarz-Weiß-Bild will Bernhard Wörmann, medizinischer Leiter der DGHO, aber nicht zeichnen: „Auch in der TAILORx-Studie kam ein kommerzieller Test zum Einsatz, bei dem es sich zurzeit wohl um den evidenzbasiert, besten Test handelt.“

Proteomik und Epigenetik

Die Autoren des Positionspapiers machten aber auch deutlich, dass der derzeitige Genomiktrend schon in 10 Jahren hinter neuen Analysetechniken in den Hintergrund rücken könnte. „Proteinanalysen und epigenetische Tests werden viel übernehmen, sobald die Technik dies ermöglicht“, ist sich der Pathologe Weichert sicher. Die Genomik habe jedoch den entscheidenden Vorteil, dass sie über einen längeren Zeitraum stabile Ergebnisse liefere, während die Proteomik vorübergehende Zustände zeige, ergänzte Bokemeyer. © gie/aerzteblatt.de

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