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Ärzteschaft

Bundesweite Proteste für ein faires Praktisches Jahr

Mittwoch, 16. Januar 2019

/dpa

Berlin – Medizinstudierende in ganz Deutschland gehen auf die Barrikaden und fordern bessere Arbeits- und Studienbedingungen im letzten Jahr des Medizinstudiums, dem Praktischen Jahr (PJ). Mit Informationsveranstaltungen, Podiums­diskussionen und Demonstrationen will die Bundesvertretung der Medizin­studierenden in Deutschland (bvmd) am heutigen gemeinsamen Aktionstag die Öffentlichkeit auf ungleiche Ausbildungs­bedingungen und Vergütung an den einzelnen Standorten der Hochschulmedizin aufmerksam machen.

„Wir fordern faire Bedingungen im Praktischen Jahr des Medizinstudiums“, ist ein Slogan, der bundesweit auf vielen Plakaten zu lesen ist. Zudem ist er Inhalt einer Petition, die seit Anfang Dezember von knapp 42.000 Unterstützern unterzeichnet wurde.

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„Das letzte Jahr des Medizinstudiums erfährt in unserer ganzen Ausbildung am wenigsten Aufmerksamkeit“, sagte Jana Aulenkamp, ehemalige bvmd-Präsidentin und PJ-Studentin, dem Deutschen Ärzteblatt am Rande einer Demonstration in Berlin. „Eine Struktur in der Ausbildung, faire Arbeitsunfähigkeitsregelungen oder eine Vergütung sind selten ausreichend vorhanden“, kritisiert sie.

Teilweise kämen Kommilitoninnen und Kommilitonen krank zur Arbeit, weil sie Angst hätten, dass sie ihr PJ verlängern müssen, wenn sie nochmals erkranken. „Das gefährdet die Gesundheit der Patienten und die eigene Gesundheit. Es herrscht ein System, das krankmacht“, mahnt Aulenkamp. „Egal ob Pflege, Ärztinnen und Ärzte oder andere Heilberufler: Ausbildung braucht einen höheren Stellenwert in unserem Gesundheitssystem und muss als ein integraler Bestandteil betrachtet werden.“

Rückendeckung aus der Ärzteschaft

Unterstützung erhielten die demonstrierenden Medizinstudierenden in Berlin vor Ort auch vom Präsidenten der Berliner Ärztekammer, Günther Jonitz. „Unbezahlte Arbeit ist Ausbeutung und unbezahlte akademische Arbeit ist ein Ausverkauf der akademischen Lehre“, sagte er am Rande der Demonstration vor der Berliner Charité dem Deutschen Ärzteblatt. Es sei unverständlich, warum Referendare im pädagogischen und juristischen Bereich ein Gehalt bekämen, nicht jedoch Medizinstudierende im PJ. „Das ist eine Ungleichbehandlung des ärztlichen Berufs“, betonte Jonitz.  

Bundesweit fordern die Medizinstudierenden die Kliniken auf, ihnen im PJ eine Aufwandsentschädigung in der Höhe des BAföG-Höchstsatzes zu zahlen, inklusive Krankenkassen- und Pflegeversicherungs­beitrag. Die bvmd verweist dabei auf eine eigene Erhebung aus dem Jahr 2015, der zufolge 40 Prozent der Medizinstudierenden auf ihr Sparbuch zurückgreifen müssen oder auf Nebenjobs (28 Prozent) angewiesen sind, die nach einer 40-Stunden-Woche im Krankenhaus nicht von allen zu leisten sind.

Zudem fordern die Studierenden mindestens vier Stunden Lehrveranstaltungen und mindestens acht Stunden Selbststudium pro Woche, einen persönlichen Zugang zum Patientenverwaltungssystem in der Klinik sowie Arbeits­kleidung und Aufbewahrungs­möglichkeiten für Kleidung und persönliche Gegenstände in der Klinik.

Für bessere Rahmenbedingungen für das PJ setzt sich auch die Bundes­ärzte­kammer ein. „Wir unterstützen die Forderungen der PJ-Studierenden nach vernünftigen Arbeitszeiten, einer angemessenen Vergütung und guten Lernbedingungen im Praktischen Jahr“, sagte Bundes­ärzte­kammer-Präsident Frank Ulrich Montgomery anlässlich des Aktionstages an den Medizinischen Fakultäten. Viel zu oft würden PJ-Studierende für bloße Routinetätigkeiten, Botengänge und Dokumentationen herangezogen.

Angesichts der angespannten Personalsituation auf den Stationen bleibe zu wenig Zeit für den eigentlichen Zweck des PJ, die Wissensvermittlung. Montgomery bekräftigte zudem die Forderung des letzten Deutschen Ärztetages, die Qualität des Praktischen Jahres durch eine hochwertige praktische Lehre mittels zusätzlichem für die Lehre freigestelltem ärztlichen Personal zu verbessern. „Einsparungen bei der Qualität der ärztlichen Ausbildung gehen immer auch auf Kosten der Patientensicherheit. Diesen Zusammenhang sollten Politik und Krankenhausträger bedenken – und endlich handeln“, betonte er. 

Auch der Marburger Bund unterstützt die studentischen Forderungen. „Der heutige Aktionstag der Fachschaften an den medizinischen Fakultäten sendet das richtige Signal: Die Bedingungen im PJ müssen dringend verbessert werden“, meint Victor Banas, Vorsitzender des Sprecherrats der Medizinstudierenden im Marburger Bund. Die Medizinstudierenden bräuchten mehr Studienzeit, feste Ansprechpartner, klar definierte Aufgaben und feste Anwesenheitszeiten. Einige wenige Krankenhäuser leisteten Pionierarbeit, aber überall müsse „Schluss sein mit der Ausnutzung der PJler als billige Hilfskräfte im klinischen Alltag“.

Erst im vergangenen Jahr hatte der Marburger Bund bei einer Befragung unter rund 1.300 Medizinstudierenden im Praktischen Jahr herausgefunden, dass die Ausbildung im PJ vor allem von mangelnder Betreuung und Anleitung geprägt ist. Vielfach sei den angehenden Ärzte die Rolle des Lückenbüßers zugedacht, der überall dort zur Stelle ist, wo im Krankenhaus Personal gebraucht wird.

Fast zwei Drittel der Medizinstudierenden (63 Prozent) verbrachten der Umfrage zufolge im Rahmen des ersten PJ-Tertials 40 bis 50 Stunden pro Woche im Krankenhaus, acht Prozent sogar 50 bis 60 Stunden. Ein Fünftel (21 Prozent) musste auch regelmäßig Zusatzdienste außerhalb der täglichen Anwesenheitszeit leisten.

Von der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen hieß es, angehende Ärzte seien die Zukunft und keine kostenlosen Stationshilfen. „Eine hochwertige medizinische Versorgung der Bevölkerung steht und fällt mit der Qualität der ärztlichen Ausbildung“, betonte Ärztekammerpräsident Edgar Pinkowski. Als unverzichtbare Schnittstelle zwischen theoretischem Studium und praktischer ärztlicher Tätigkeit solle das PJ der Wissensvermittlung dienen und den ärztlichen Nachwuchs auf die verantwortungsvolle Tätigkeit in der Patientenversorgung vorbereiten. © ER/aerzteblatt.de

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