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Medizin

Karpaltunnelsyndrom war Initialsymptom eines Tollwutfalls

Freitag, 18. Januar 2019

/jarun011, stockadobecom

Richmond/Virginia – Wenn eine Infektion mit dem Rabiesvirus zu neurologischen Symptomen geführt hat, kommt jede Hilfe zu spät. Eine US-Amerikanerin, die sich bei einer Yogafreizeit in Indien infiziert hatte, starb 2 Wochen nachdem sie wegen Schmerzen und Taubheit im rechten Arm eine Klinik aufgesucht hatte. Das Krankenhaus war zunächst von einem Karpaltunnelsyndrom ausgegangen, wie in Morbidity and Mortality Weekly Report (MMWR 2019; 67: 1410-1414) berichtet wird.

Die 65-jährige Frau hatte vom Januar bis Anfang April 2017 eine Yogafortbildung in einer ländlichen Region in Nordindien besucht. Andere Teilnehmer des Kurses erinnerten sich später, dass die Frau einmal von einem kleinen Hund gebissen worden war. Die Frau hatte die Wunde mit Wasser gereinigt, aber keinen Arzt aufgesucht. Sie wusste vermutlich nicht, dass die Tollwut in Indien weit verbreitet ist. Ein Drittel aller weltweiten Todesfälle, die die Welt­gesund­heits­organi­sation auf 59.000 im Jahr schätzt, ereignen sich in Indien, wobei die Gefahr auf dem Land größer ist als in der Stadt und Hunde die häufigsten Überträger sind.

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6 Wochen nach dem Biss bemerkte die Frau Anfang Mai Schmerzen und Parästhesien im Arm. Sie ahnte am 3. Mai nicht, das sie innerhalb von 3 Wochen an einer Tollwut sterben wird. Auch die Ärzte, die sie am 6. Mai untersuchten, schöpften keinerlei Verdacht. Sie entließen die Frau nach der Verdachtsdiagnose eines Karpaltunnel­syndroms mit einem Rezept für ein NSAID und Hydrocodon.

Schon am nächsten Tag (7. Mai) verschlechterte sich der Zustand der Patientin rapide. Sie litt jetzt unter Atemnot, Angstzuständen, Schlaflosigkeit und hatte Schwierigkeiten beim Schlucken von Wasser. Da die Laborwerte und das EKG normal waren, vermuteten die Ärzte eine Panikattacke und gaben ihr eine Dosis Lorazepam. Noch beim Verlassen der Klinik entwickelte die Frau eine Klaustrophobie mit Atemnot. Sie erhielt eine weitere Dosis Lorazepam.

Am darauffolgenden Tag (8. Mai) suchte die Patientin wegen Beschwerden in der Brust und Kurzatmigkeit eine andere Klinik auf. Die Parästhesien hatten sich auf die rechte Schulter ausgebreitet. Die Neurologen vermuteten eine Dysmetrie, eine Variante der Ataxie. Die Laborwerte zeigten einen deutlichen Anstieg von Troponin I und Laktat. Im EKG fanden sich Zeichen einer Ischämie. Es wurde eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt. Die Koronargefäße waren jedoch unauffällig. Als sich der Zustand am Abend des Tages weiter verschlechterte, wurde erstmals eine Reiseanamnese erhoben. Die Frau berichtete von dem Hundebiss in Indien.

Am Morgen des 9. Mai musste die Frau intubiert werden. Das EEG zeigte eine schwere Enzephalopathie an. Die Gesundheitsbehörden wurden benachrichtigt. Am 11. Mai bestätigte sich die Diagnose. Im Speichel wurden Rabiesviren nachgewiesen. Am 13. Mai wurde ein Behandlungsversuch nach dem Milwaukee Protokoll unternommen: Die Frau wurde in ein Coma versetzt und mit Favipiravir behandelt – vergeblich. Am 21. Mai entschied die Familie, die lebenserhaltenden Maßnahmen zu beenden.

Die Gesundheitsbehörden hatten inzwischen eine groß angelegte Untersuchung von Kontaktpersonen eingeleitet. Wie Julia Murphy vom  Virginia Department of Health in Richmond berichtet, wurden 240 Personen, mit denen die Patientin in der Klinik Kontakt hatte, und 13 Personen aus dem persönlichen Umfeld untersucht. 64 Personen aus der Klinik und 4 aus dem persönlichen Umfeld wurde zu einer postexpositio­nellen Immunprophylaxe geraten. Unter den 4 Personen des persönlichen Umfelds war eine, die behauptete, von der Patientin gebissen worden zu sein. Weitere Erkrankungen wurden nicht gefunden. Murphy bezifferte die Kosten auf insgesamt 235.000 US-Dollar.

In den USA sind laut den Centers for Disease Control and Prevention seit 2008 9 Menschen an einer Tollwut gestorben, die sich im Ausland infiziert hatten. In Deutschland hat es nach Angaben des Robert-Koch-Instituts seit 2001 insgesamt 6 Tollwuterkrankungen gegeben. Zuletzt verstarb im Jahr 2007 ein 55-jähriger Mann, der in Marokko von einem streunenden Hund gebissen worden war. Im Jahr 2005 starben 3 Menschen, nachdem sie Organe einer hirntoten Frau erhalten hatten, die mit dem Rabiesvirus infiziert war. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #719593
Morrighan
am Sonntag, 20. Januar 2019, 02:25

Nein.

Nein.
Avatar #70385
Salzer
am Samstag, 19. Januar 2019, 18:18

Hirntod

Genügt inzwischen Sedoanalgesie, um den juristischen Tod vorzuverlegen?
LNS

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