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Medizin

USA: Studie macht Pharmamarketing für Anstieg der Opioid-Todesfälle mitverantwortlich

Montag, 21. Januar 2019

/Kimberly Boyles, stockadobecom

Boston – Ein kostenloses Essen für den Arzt oder andere Geschenke des Pharma­marketings könnten den Drogentod einzelner Patienten fördern. In den USA kam es laut einer Studie in JAMA Network Open (2019; 2: e186007) in den letzten Jahren überall dort zu überdurchschnittlich vielen Todesfällen durch Opioid-Überdosierungen, wo die Ärzte besonders intensiv von den Herstellern umworben wurden.

Das „Physician Payments Sunshine Act“ legt in den USA fest, dass die Arzneimittel­hersteller ihre Zuwendungen an die einzelnen Ärzte offenlegen müssen. Diese werden im Internet in der Open Payments Database veröffentlicht. Scott Hadland vom Grayken Center for Addiction am Boston Medical Center und Mitarbeiter ermittelten, dass die Opioidhersteller zwischen dem 1. August 2013 und dem 31. Dezember 2015 insgesamt 39,7 Millionen US-Dollar in ein nicht forschungsgebundenes Marketing investierten. Nutznießer waren 67.507 Ärzte in 2.208 Bezirken (Counties) des Landes.

Diese Zahlen setzten die Forscher mit der Zahl der Drogentoten in den einzelnen Counties in Beziehung. Zahlen hierzu werden von den US-Centers for Disease Control and Prevention veröffentlicht.

Ergebnis: In den Counties, in denen der Einsatz von Opiaten besonders beworben wurde, denn dies ist letztlich der Zweck des Pharmamarketings, gab es besonders viele Drogentote. Laut den Berechnungen von Hadland waren 3 zusätzliche Zahlungen an Ärzte pro 100.000 Einwohner in einem County mit einem Anstieg der Todesfälle um 18 % assoziiert. Das adjustierte relative Risiko von 1,18 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,14 bis 1,21 statistisch signifikant.

Auch in 2 weiteren Analysen wurden statistisch signifikante Assoziationen gefunden. So war jeder Anstieg des Marketingvolumens um eine Standardabweichung mit einet Zunahme der Drogentoten um 9 % verbunden (adjustiertes relatives Risiko 1,09; 1,05-1,12). Und auch die Zahl der Ärzte, die in einem County Zahlungen erhielten, war pro Standardabweichung mit einem Anstieg der Drogentoten um 12 % assoziiert (adjustiertes relatives Risiko 1,12; 1,08-1,16).

Die Studie ist politisch brisant, da nach anderen Untersuchungen mehr als ein Drittel aller Drogentoten in den USA ihren ersten Kontakt mit den Opioiden über ein ärztliches Rezept erhalten hatten. Die starken Schmerzmittel wurden von Ärzten (und Zahnärzten) seit den 1990er-Jahren immer freizügiger verordnet.

In einer früheren Studie hatte Hadland herausgefunden, dass die Zuwendungen der Hersteller die Verordnung von Opioiden steigert. Jede zusätzliche freie Mahlzeit war mit einem Anstieg der Opioidverordnungen um 0,7 % (0,6 bis 0,8 %) verbunden (JAMA Internal Medicine 2018; 178: 861-863).

Für alle epidemiologischen Studien gilt, dass Assoziationen nicht mit einer Kausalität gleichzusetzen sind. Hadland kann nicht beweisen, dass die Zahlungen an die Ärzte die Verordnung von Schmerzmittel gefördert hat und die Patienten deshalb abhängig wurden und sich später die Droge auf dem Schwarzmarkt beschafft haben. Auch eine reverse Kausalität wäre theoretisch möglich. So könnten die Hersteller ihre Marketing­aktivitäten in den Counties, in denen es bereits viele Opiattodesfälle gegeben hat, in der Hoffnung auf einen weiteren Anstieg der Gewinne intensiviert haben. Für diese zynische Annahme gibt es allerdings keine Belege.

Die Opioidkrise hat in den USA die Regierungen auf den Plan gerufen. Nach Recherchen der New York Times haben mehr als 30 Bundesstaaten Gesetze erlassen, die die Verordnung von Opioiden einschränken. Ob dies die Drogenkrise beenden wird, erscheint fraglich. Kritiker wenden ein, dass die Abhängigen ihre Opioide heute nicht mehr vom Arzt erhalten, sondern auf dem illegalen Drogenmarkt. Dort werden zunehmend hochpotente Opioide wie Fentanyl angeboten, bei denen die Gefahr der Überdosierung besonders hoch ist. Die fehlende medizinische Betreuung könnte deshalb die Zahl der Drogentoten weiter steigen lassen.

Die Kritik hat bereits zu einem Rückgang der Marketingausgaben für Opioide bei Ärzten geführt. Wie ProPublica, eine Stiftung für investigativen Journalismus, im Juni letzten Jahres ermittelte, gaben die Arzneimittelhersteller 2016 noch 15,8 Millionen US-Dollar aus. Das waren 33 % weniger als 2015, als sie 23,7 Millionen US-Dollar ausgaben, und 21 % weniger als 2014, als sie 19,9 Millionen US-Dollar ausgaben. Der Hersteller Purdue Pharma, der 1996 mit OxyContin ein in den USA besonders populäres Schmerzmittel auf den Markt gebracht hat, kündigte vor Kurzem an, vollständig auf ein Direkt­marketing bei Ärzten zu verzichten. Purdue reagierte damit auf Schadenersatz­klagen von Angehörigen der verstorbenen Patienten. © rme/aerzteblatt.de

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