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Medizin

Morbus Alzheimer: Bluttest erkennt Hirnschädigung bis zu 16 Jahre vor Symptombeginn

Dienstag, 22. Januar 2019

/cassis, stockadobecom

Tübingen – Ein einzelner Test, der Bestandteile zerfallender Nervenzellen im Blut nachweist, hat in einer Langzeitstudie Hirnschäden bei Alzheimerpatienten bereits 6 Jahre vor dem Auftreten erster Symptome angezeigt. Bei seriellen Tests könnte die Diagnose laut der Studie in Nature Medicine (2019; doi: 10.1038/s41591-018-0304-3) weitere 10 Jahre früher gestellt werden.

Die meisten neurodegenerativen Hirnerkrankungen führen erst dann zu Funktions­ausfällen, wenn bereits weite Bereiche des Gehirns zerstört sind. Für eine Behandlung ist es dann in der Regel zu spät. Bei einer früheren Diagnose könnten nach Ansicht vieler Hirnforscher die Behandlungschancen steigen, wobei aber erst noch ein wirksames Medikament gefunden werden müsste.

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Seit einigen Jahren ist mittels Positronen-Emissions-Tomografie (PET), Magnet­resonanztomografie (MRT) oder Liquoruntersuchung eine Frühdiagnose möglich. Die Untersuchungen sind jedoch umständlich (MRT) und teuer (PET) und für viele sich gesund fühlende Menschen nicht akzeptabel (Lumbalpunktion).

Es wird deshalb intensiv nach einem Bluttest gesucht, der bei einer größeren Zahl von Patienten problemlos durchgeführt werden könnte. Ein Team um Mathias Jucker vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Tübingen könnte jetzt einen solchen potenziellen Screeningtest gefunden haben.

Der Test weist das „Neurofilament light chain“ (NfL) im Blut nach. Es handelt sich um einen Bestandteil des Zytoskeletts von großkalibrigen myelinisierten Axonen, die bei einem Zerfall der Nervenzellen ins Blut gelangen. Anders als die meisten anderen Nervenbestandteile wird NfL dort nicht sofort von Proteasen zerlegt.

Die Tübinger Hirnforscher haben den Test an 405 Teilnehmern des „Dominantly Inherited Alzheimer's Network“ (DIAN) erprobt. Diese Studie begleitet in 6 Ländern die Kinder von Alzheimerpatienten, die aufgrund von Mutationen in den Genen APP, PSEN1 oder PSEN2 mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits in jungem Alter an einem Morbus Alzheimer erkranken werden. Die Erbgänge sind autosomal dominant. Geschwister ohne den Gendefekt haben deshalb kein erhöhtes Alzheimerrisiko.

Der Vergleich von gesunden und genetisch vorbelasteten DIAN-Teilnehmern ermöglichte es dem Team, die Zeit bis zum Symptombeginn („years to symptom onset“, EYO) zu ermitteln. Sie betrug bei dem Bluttest 6,8 Jahre, was in etwa dem EYO einer Liquoruntersuchung entsprach. Eine noch frühere Diagnose war möglich, wenn der Anstieg der NfL-Konzentration zwischen mehreren Blutuntersuchungen analysiert wurde. Die EYO betrug dann 16,2 Jahre. Die Tests könnten die Diagnose damit zu einem Zeitpunkt ermöglichen, wenn in der MRT noch keine allgemeine Atrophie der Hirnrinde erkennbar ist – mit Ausnahme des Precuneus. Dieser Teil des Parietallappens ist nach neueren Untersuchungen an der Verarbeitung von Gedächtnisinhalten beteiligt.

In einer Gruppe von 39 Patienten ging der Anstieg der NfL-Konzentration im Blut mit einer Verschlechterung im Mini-Mental State Exam (MMSE) und dem Logical-Memory-Test einher, die kognitive Leistungen messen.

Da die Studie an Patienten mit seltenen genetischen Ursachen des Morbus Alzheimer durchgeführt wurde (der Anteil an allen Alzheimerpatienten liegt nur bei 1 %), ist noch offen, ob der Test auch die Mehrheit der sporadischen Erkrankungen frühzeitig erkennen könnte. Die Forscher sind aufgrund der ähnlichen Pathophysiologie jedoch zuversichtlich. Da NfL ein normaler Bestandteil der Axone ist und keine Besonderheit des Morbus Alzheimer, könnte der Test im Prinzip auch bei anderen Hirnerkrankungen wie Multipler Sklerose, Schädel-Hirn-Trauma oder Schlaganfällen genutzt werden, um das Ausmaß der Hirnschädigung besser abzuschätzen. Es kommt jetzt darauf an, ob andere Zentren die Ergebnisse bestätigen können. © rme/aerzteblatt.de

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