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Politik

Lücken bei psychiatrischer Versorgung in Sachsen-Anhalt

Donnerstag, 24. Januar 2019

/Lightfield Studios, stockadobecom

Magdeburg – Bei der Versorgung psychisch kranker Menschen gibt es in Sachsen-Anhalt offenbar große Lücken. Das zeigt eine 244-seitige Untersuchung der Kölner Gesellschaft für Forschung und Beratung im Gesundheits- und Sozialbereich (FOGS), die dem Deutschen Ärzteblatt vorliegt. Defizite sehen die Forscher vor allem bei der Versorgung betroffener Kinder, Jugendlicher und junger Erwachsener, wie das Sozialministerium gestern mitteilte.

Demnach gibt es in Sachsen-Anhalt lediglich 20 niedergelassene Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie. In fünf Landkreisen gibt es gar keine Niederlassung. „Darum kommt es auch zu stationären Behandlungen, wo diese vermeidbar wären“, erklärte Sozialministerin Petra Grimm-Benne (SPD).

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Die Studie stellt zudem fest, dass Betroffene je nach Region kein engmaschiges Netz von Hilfsangeboten finden. Die Autoren fordern kommunale Psychiatrieplanung insbesondere in den Landkreisen ein, um Angebote besser aufeinander abzustimmen, Teilhabe Betroffener zu fördern und Selbsthilfe zu unterstützen. Es gebe, so die Autoren um Rudolf Schmid von FOGS, wenig kommunale niedrigschwellige Angebote und vergleichsweise wenig Koordination und Steuerung. Hier sei anzusetzen.

Ziel müsse sein, das Angebot besser zu vernetzten und Kooperationen zu ermöglichen, sagte auch Sozialministerin Grimm-Benne. Sie kündigte einen digitalen Wegweiser zur psychiatrischen Versorgung an, der es ermöglichen soll, passende Versorgungs­angebote und Hilfen schnell und einfach über eine Internetseite zu finden.

Einige Empfehlungen sollen über das Psychiatriegesetz umgesetzt werden, das in diesem Jahr novelliert wird. Vorgesehen sind etwa Psychiatriekoordinatoren, Patientenfürsprecher und gemeindepsychiatrische Verbünde. Über weitere Umsetzungsschritte soll auf einer Fachtagung im Herbst diskutiert werden.

Für die Zukunft gehen die Autoren der Studie allein durch den demografischen Wandel davon aus, dass sich die niedergelassene Versorgung durch Praxen weiter „deutlich ausdünnen“ wird. Das gelte auch für die fachpsychiatrische und fachpsycho­therapeutische Versorgung. „Bereits heute und für künftig wird befürchtet, dass mindestens einzelne Landkreise nur noch in geringem Umfang, wenn überhaupt, über Fachpraxen verfügen werden“, heißt es.

Um die Versorgung sicherzustellen, sind nach Ansicht der Forscher Anreize wie Sicherstellungszuschläge, Investitionskostenzuschüsse, Eigenbetrieb von Praxen sowie eine Zusammenarbeit der Kassenärztlichen Vereinigung mit Kommunen und dem Land „hinsichtlich infrastruktureller Gegebenheiten“ notwendig. Es gelte „eine Mindestausstattung im niedergelassenen Bereich zu sichern“.

Zahl der Diagnosen hinterfragen

Neben dem Aspekt der Sicherstellung der Versorgung wiesen die Forscher auch auf die Frage künftiger Versorgungsbedarfe hin. Sie betonten, dass zwar die Bevölkerung rechnerisch schrumpfe, zugleich aber älter werde. „Mindestens bei Höheraltrigen ist mit einem Anstieg kognitiver oder demenzieller Erkrankungen sowie mit psychischen Störungen zu rechnen“, schreiben die Autoren. Das werde zu einer erhöhten Inanspruchnahme von gesundheitsbezogenen einschließlich psychiatrischer Leistungen führen.

Als wichtig erachtet das FOGS darüber hinaus die Tatsache, dass 2016 in Sachsen-Anhalt rund 800.000 Menschen in Arztpraxen mindestens eine F-Diagnose (Psychische und Verhal-tensstörungen) erhalten haben. Das ist mehr als ein Drittel der Bevölkerung in Sachsen-Anhalt. Das könne „einerseits auf eine gewisse Vulnerabilität der Bevölkerung hinweisen, andererseits aber auch auf eine erhöhte Vergabe dieser Diagnose unter der Annahme wirkender psychischer Komponenten“, heißt es.

Experten gingen allerdings nicht davon aus, dass sich darin eine „wahre“ Zunahme psychischer Erkrankungen abbilde. Vielmehr wirke eine „höhere Sensibilität gegenüber psychischen Störungen“. So seien lediglich rund 17 Prozent aller in Sachsen-Anhalt im niedergelassenen Bereich vergebenen Diagnosen in den psychiatrischen und psychotherapeutischen Fachpraxen gezählt worden.

Ärzte besser für psychiatrische Aufgaben schulen

Das bedeute im Umkehrschluss, dass somatisch orientierte Fachgruppen, insbesondere Hausärzte oft an erster Stelle für den Zugang von psychisch kranken und seelisch behinderten Menschen zur Versorgung stünden.

Die Forscher raten daher unter anderem dazu, Haus- und Fachärzte besser zu qualifizieren und zu vernetzen. Letzteres gelte vor allem für die Versorgung kognitiv veränderter und dement werdender älterer Menschen. In Sachen Qualifikation sollten die Ärztekammern bestehenden Empfehlungen aus der Fachwelt folgen, für Hausärzte einen sechsmonatigen Weiterbildungsabschnitt Psychiatrie verpflichtend vorzusehen, so die Autoren.

Die Studie war in einem breiten Prozess vorbereitet worden, in den Experten einbezogen waren, darunter auch Psychiatrieerfahrene und Angehörige. Die Analyse wurde durch zwölf Workshops ergänzt. „Die Ergebnisse werden helfen, die Situation der Menschen mit einer psychischen Erkrankung zu verbessern. Wir haben mit den Handlungsempfehlungen einen wichtigen Schlüssel dazu in die Hand bekommen“, sagte Grimm-Benne. © may/dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Mittwoch, 30. Januar 2019, 22:54

Überall

ist die psychiatrische Versorgung schlecht. Reihenweise übernehmen Neurologen die Praxen der früheren "Nervenärzte"" bzw "Fachärzte für Neurologie und Psychiatrie", um die anschließend als rein neurologische Praxen weiterzuführen. Der "Psychiater" als eigner Facharzt ist abgeschafft, sie müssen Psychiater UND Psychotherapeut werden...
Was Wunder, dass diese sich dann ganz überwiegend der wirtschaftlich verlockenderen Psychotherapie widmen - spart man so doch Personal und Technik in der Praxis.
Assistenzärzte in deutschen Landeskrankenhäusern kommen heute regelmäßig aus dem Auslanf, in Bedburg-Hau gibt es mehr polnische Psychiater als in der größten ponischen Psychiatrie.
Die Honorierung der Psychiatrie ist so grottenschlecht, dass ambulante Psychiatrie faktisch nur mehr in psychiatrischen Institutsambulanzen stattfindet.
Die Psychiatrie ist in Deutschand vorsätzlich zugrunde gerichtet worden
Avatar #59087
Saßmannshausen
am Mittwoch, 30. Januar 2019, 17:49

Schade!

Leider scheinen die Redakteure des Ärzteblattes den Unterschied zwischen psychiatrischer und psychotherapeutischer Versorgung entweder nicht zu kennen oder zu ignorieren. Beides ist nicht hinzunehmen für ein Blatt der deutschen Ärzteschaft. An wen kann ich mich wenden, damit dies aufgeklärt werden kann?
Avatar #725920
Syntaxie
am Mittwoch, 30. Januar 2019, 00:42

Was leistet denn die Psychiatrie ?

Vermittlung von "Medikamenten", die man nur als üble Suchtgifte bezeichnen kann ...
https://forum.arbeitsgemeinschaft-cannabis-medizin.de/showthread.php?1842-M-Mortler-via-abgeordetenwatch&goto=newpost

Zitat meines Bruders (Neurologe):
"Die meisten Psychiater sind nicht sonderlich hell im Kopf"

Und wenn es von denen weniger gibt, ist das auch besser so.

Avatar #59087
Saßmannshausen
am Dienstag, 29. Januar 2019, 15:05

"Psychiatrische" Versorgung

Ich möchte das Ärzteblatt darauf hinweisen, dass es in dem angeführten Gutachten um die "psychiatrische" Versorgung geht. Von daher kann ich nicht nachvollziehen, dass in den angebotenen "Links" und in den übergeordneten "Themen" stattdessen die psychotherapeutische Versorgung angegeben werden. Ich möchte Sie bitten, dies zu korrigieren.
LNS

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