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Medizin

Kompressionsfraktur: Task Force bezweifelt Nutzen von Knochenzement

Montag, 28. Januar 2019

/rob3000, stockadobecom

Melbourne – Die Injektion von thermoplastischem Kunststoff („Knochenzement“) kann nach einer Kompressionsfraktur den Wirbelkörper stabilisieren. Doch dass perkutane Vertebroplastie und Kyphoplastie die Schmerzen von Osteoporosepatienten langfristig lindern, ist nach Einschätzung einer internationalen Expertengruppe im Journal of Bone & Mineral Research (2019; doi: 10.1002/jbmr.3653) nicht erwiesen.

Wirbelkörperfrakturen sind ein häufiges Problem. In den USA kommt es jährlich bei 750.000 Menschen zu einem plötzlichen Zusammenbruch von Wirbelkörpern, in Europa gibt es jedes Jahr mehr als 400.000 Neuerkrankungen. Die Ursache ist in den meisten Fällen eine Osteoporose.

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Seit einigen Jahren ist es möglich, die Wirbelkörper minimalinvasiv durch die Injektion von Polymethylmethacrylat, einem transparenten thermoplastischen Kunststoff zu stabilisieren. Bei der perkutanen Vertebroplastie wird lediglich der entstandene Hohlraum im Wirbelkörper aufgefüllt. Bei der Kyphoplastie wird vorher versucht, den Wirbelkörper über einen luftgefüllten Ballon wieder aufzurichten. Beide Behandlungen können im Prinzip innerhalb kurzer Zeit eine Linderung der Schmerzen erzielen.

Der Nutzen wurde jedoch 2009 durch 2 randomisierte klinische Studien infrage gestellt, in denen die Vertebroplastie mit einer Scheinbehandlung verglichen wurde. In beiden Studien kam es nach der Injektion eines Placebo zu einer gleich guten Schmerzlinderung. Die beiden Studien wurden (hier im Ärzteblatt) wegen methodischer Mängel kritisiert. Inzwischen sind jedoch 3 weitere randomisierte Studien zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.

Eine internationale Task Force um Peter Ebeling von der Monash University in Melbourne kommt in einer Gesamtschau zu dem Ergebnis, dass die perkutane Vertebroplastie für die Schmerzlinderung und die Behinderung nur einen „kleinen, klinisch aber nicht bedeutenden“ Vorteil bietet. Der Nutzen sei in offenen Studien überschätzt worden, heißt es, weil es auch ohne Behandlung bei vielen Patienten nach einiger Zeit zu einer Verbesserung komme.

Die Kyphoplastie wurde bisher nicht in einer placebokontrollierten Studie untersucht. Im Vergleich zu einer nichtchirurgischen Behandlung erzielte sie in mehreren Studien eine Reduktion von Schmerzen und Behinderungen. In 2 Studien, die die Kyphoplastie mit der Vertebroplastie verglichen, waren die Unterschiede minimal und nach Einschätzung der Task Force klinisch nicht relevant. Es sei deshalb zweifelhaft, dass die Aufrichtung des Wirbelkörpers vor der Injektion des Knochenzements einen zusätzlichen Nutzen bringt.

Für Orthesen und andere nichtchirurgische Behandlungen fanden die Experten ebenfalls keine sicheren Wirkungsbelege. Die Qualität der bisherigen Studien sei jedoch gering, sodass eigentlich keine Aussagen möglich seien. Für Sport (sprich Physiotherapie) gibt es nach Einschätzung der Task Force gewisse Hinweise auf eine Wirkung. Da sich die Behandlungsansätze jedoch stark unterscheiden, ließen sich die Ergebnisse der Studien kaum zusammenfassen.

Insgesamt wird Ärzten und Patienten geraten, es bei einer Wirbelkörperfraktur zunächst mit einer medikamentösen Behandlung zu versuchen. Eine vertebrale Augmentation sollte frühestens nach 4 bis 6 Wochen erwogen werden, und der Patient sollte über den unsicheren Nutzen informiert werden. Die Experten raten zu einer medikamentösen Behandlung der Osteoporose, die in klinischen Studien das Risiko einer erneuten Wirbelkörperfraktur um 40 bis 70 % gesenkt habe.

© rme/aerzteblatt.de

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