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Medizin

Periodische Masernausbrüche könnten folgenreicher sein als eine permanente Verbreitung

Freitag, 25. Januar 2019

Der niederländische Bibelgürtel, ein etwa 200 Kilometer langer und mehrere Kilometer breiter Korridor, zieht sich von Middelburg im Südwesten bis nach Zwolle im Osten des Landes. /Floki Fotos, adobe.stock.com

Krakau – Etwa alle 12 Jahre kommt es im niederländischen Bibelgürtel zu einem Masernausbruch mit etwa 2.500 Erkrankten. In dieser religiösen Gemeinschaft sind weniger Menschen gegen das Masernvirus geimpft, als nötig wären, um durch eine Herdenimmunität eine Ausbreitung des Virus dauerhaft zu verhindern. Wissenschaftler aus Polen und den USA haben den Kreislauf genauer untersucht und präsentieren ihre Ergebnisse in BioSystems (2019; doi: 10.1016/j.biosystems.2019.01.003).

Im niederländischen Bibelgürtel leben etwa 250.000 streng reformierte Bürger, hauptsächlich in etwa 30 mittelgroßen Städten. Ein Teil dieser Menschen erachtet Impfungen als nicht natürlich und lehnt sie deshalb ab. Die Mehrheit der Kinder – Schätzungen zufolge etwa 60 % – sei aber dennoch geimpft.

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Den seit der Einführung von Impfprogrammen in den Niederlanden (1976) beobachteten 12-jährigen Rhythmus führen die Autoren um Bartosz Lisowski vom Jagiellonian University Medical College in Krakau auf die langsam ansteigende Zahl ungeimpfter Menschen zurück. Sobald eine kritische Masse ungeimpfter Menschen erreicht ist, kann sich das Virus ausbreiten. Nach etwa einem Jahr verschwindet der Erreger anschließend zunächst. Ein Grund dafür: Viele Menschen, die die Krankheit überstanden haben, sind nun immun. Erst durch neue Geburten wächst wieder die Zahl der Menschen, die sich mit dem Virus anstecken können. Eine neue Krankheitswelle beginnt.

Vor Einführung der Impfprogramme sei das Virus innerhalb der religiösen Gemeinschaft genauso verbreitet gewesen wie im Rest des Landes, erläutern die Forscher. Die Zahl der Erkrankungen war in etwa konstant. Danach habe sich die Situation geändert: Die Zahl der ungeimpften Menschen war nur unter den Protestanten hoch genug, sodass das Virus genug neue Menschen infizieren konnte, um sich in der Gruppe auszubreiten, vor allem unter Schulkindern im Alter von etwa 10 Jahren.

Immer mehr Erwachsene erkranken

Das periodische Auftreten der Masern sei grundsätzlich schlimmer als eine permanente Verbreitung des Virus, so die Forscher weiter. Denn wer als Kind nicht erkrankt, ist beim nächsten Ausbruch eventuell bereits im Erwachsenenalter. Die Masern verlaufen im höheren Lebensalter oft schwerer. Tatsächlich seien auch bei den 3 Ausbrüchen im Bibelgürtel zunehmend Erwachsene erkrankt, die Zahl der Krankenhauseinweisungen sei gestiegen.

Das, was im Bibelgürtel geschehe, sei womöglich ein Beispiel für das, was künftig auch andernorts drohe. So habe es 2015 einen Masernausbruch mit 1.243 registrierten Fällen in Berlin gegeben. Er sei aus 2 Quellen befeuert worden: zum einen durch Kinder von Eltern, die Impfungen ablehnen; zum anderen durch Flüchtlinge aus Ländern, in denen die Gesundheitssysteme kollabiert seien.

In der Europäischen Union stieg die Zahl der gemeldeten Masernfälle von 3.767 im Jahr 2016 auf 8.786 Fälle im Jahr 2017. Die meisten Fälle traten in Rumänien und Italien auf. In den ersten 6 Monaten des Jahres 2018 hatte Europa insgesamt 41.000 Masernfälle und mindestens 37 durch Masern verursachte Todesfälle (WHO). Mit mehr als 23.000 Fällen ist die Ukraine am stärksten betroffen.

Ein Grund: In vielen europäischen Ländern liege der Anteil geimpfter Kinder heute unter 95 % (Survaillance 2016/2017). Diese Durchimpfungsrate wäre aber mindestens notwendig, um die Infektionskette zu unterbrechen und so eine Herdenimmunität gegen das Masernvirus zu erzielen.

Die sinkenden Impfraten würden die entwickelte Welt nicht unmittelbar in die Zeit der großen Epidemien des 19. Jahrhunderts zurückbringen, betonen die Forscher. Zunächst werde es immer häufiger zu lokalen Ausbrüchen kommen. Die Viren würden sich voraussichtlich an die neuen Gegebenheiten anpassen und etwa in eine Richtung entwickeln, in der sie sich unter der kleineren Gruppe von empfänglichen Menschen besser ausbreiten könnten. Sie könnten etwa vor dem Ausbruch der ersten Symptome länger ansteckend sein und dadurch ihre Chancen erhöhen, weitergegeben zu werden. Es sei eine besorgniserregend Entwicklung, sollte sich der Trend nicht umkehren.

Masernausrottung in weiter Ferne

Bis vor etwa einem halben Jahrhundert waren Masern fast weltweit verbreitet, die Zahl der Krankheitsfälle war gleichbleibend hoch, schreiben die Forscher. Erst mit der Einführung der Masernimpfung – in den 1960er- und 1970er-Jahren in der westlichen Welt und seit 2000 in vielen Entwicklungsländern – sei die Zahl der Erkrankungen erheblich gesunken. Noch 1980 starben 2,6 Millionen Menschen an der Viruskrankheit, 2011 waren es weniger als 90.000. Zwischenzeitlich schien sogar die Ausrottung der Masern möglich. Heute sei dieses Ziel in weite Ferne gerückt, so die Forscher. © dpa/gie/aerzteblatt.de

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