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Medizin

Intensive Blutdruckkontrolle kann kognitive Störungen im Alter vermeiden

Mittwoch, 30. Januar 2019

/Photographee.eu, stockadobecom
Winston-Salem/North Carolina – Eine intensive Kontrolle des Blutdrucks kann bei älteren Menschen den Rückgang der kognitiven Fähigkeiten verlangsamen. Dies zeigen neue Ergebnisse der SPRINT-Studie im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; doi: 10.1001/jama.2018.21442). Die Normalisierung des Blutdrucks verminderte die Zahl der Hypertoniker, die leichte kognitive Beeinträchtigungen (MCI) entwickelten. Eine Vermeidung von Demenzen konnte nicht (sicher) nachgewiesen werden.

An der SPRINT-Studie hatten 9.361 Hypertoniker (systolischer Wert 130 bis 190 mmHg) im Alter von über 50 Jahren teilgenommen. Sie hatten ein erhöhtes kardiovaskuläres 10-Jahres-Risiko (15 % oder höher im Framingham-Score) oder sie wiesen subklinische kardiovaskuläre Störungen auf oder sie litten unter einer Nierenschwäche. Hypertoniker im Alter von über 75 Jahren wurden auch aufgenommen, wenn sie gesund waren.

Die Teilnehmer wurden auf 2 Gruppen randomisiert. In der ersten Gruppe wurde ein systolischer Blutdruck von weniger als 120 mmHg (intensive Behandlung) angestrebt. In der anderen Gruppe sollte der systolische Blutdruck auf unter 140 mmHg (Standard­behandlung) gesenkt werden, wie dies damals von den Leitlinien empfohlen wurde.

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Die Studie sollte ursprünglich 4 bis 6 Jahre dauern. Sie wurde jedoch im August 2015 nach 3,26 Jahren vorzeitig abgebrochen, nachdem ein Vorteil der intensiven Blutdrucksenkung im primären Endpunkt, einem Composite aus koronaren Syndromen, Schlaganfall, Herzversagen oder kardiovaskulärem Tod, erkennbar wurde. Die im November 2015 vorgestellten Ergebnisse haben in den USA zu einer Revision der Leitlinien geführt. Dort wird jetzt bei Menschen, die die Einschlusskriterien der SPRINT-Studie erfüllen, ein Blutdruck von 120 mmHG angestrebt, was europäische und deutsche Kardiologenverbände ablehnen.

Der frühzeitige Abbruch der SPRINT-Studie könnte jedoch die Auswertung in einem weiteren interessanten Endpunkt behindert haben. Prospektive Beobachtungsstudien hatten in der Vergangenheit gezeigt, dass ein erhöhter Blutdruck das Risiko auf kognitive Störungen im Alter erhöht. Die SPRINT-MIND-Studie sah deshalb kognitive Untersuchungen vor, die nach 2 und 4 Jahren durchgeführt werden sollten. Primärer Endpunkt war das Auftreten einer wahrscheinlichen Demenz („adjudicated probable dementia“). Zu den sekundären Endpunkten gehörte eine wahrscheinliche MCI.

Die Diagnose wurde, da an den 102 Zentren aus den USA und Puerto Rico häufig keine Fachärzte vor Ort waren, von angelernten Untersuchern mit standardisierten Fragebögen durchgeführt. Deren Diagnosen wurden später aber von einem Gremien aus einem Neurologen, Neuropsychologen, Geriater und Geropsychologen überprüft (deshalb „adjudicated“).

Um angesichts der langsamen Entwicklung von Demenzen einen möglichen Einfluss der Blutdrucksenkung besser erkennen zu können, wurden die Teilnehmer nach dem Abbruch der SPRINT-Studie weiter beobachtet (obwohl es jetzt zwischen den beiden Gruppen keine Unterschiede in der Behandlung mehr gab).

Nach nunmehr 5,11 Jahren (seit Beginn der Studie) ist ein positiver Einfluss der intensiven Blutdrucksenkung auf die kognitive Entwicklung erkennbar, auch wenn im primären Endpunkt das Signifikanzniveau verfehlt wurde. Wie ein Team um Jeff Williamson vom Sticht Center for Healthy Aging and Alzheimer’s Prevention in Winston-Salem jetzt berichtet, kam es in der Gruppe mit der intensiven Blutdruck­kontrolle bei 149 Teilnehmern zu einer wahrscheinlichen Demenz. Das sind 7,2 Fälle auf 1.000 Personenjahre. In der Gruppe, die die Standardbehandlung erhalten hatte, wurden 176 wahrscheinliche Demenzen diagnostiziert oder 8,6 Fälle pro 1.000 Personenjahre. Die Hazard Ratio von 0,83 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,67 bis 1,04 allerdings nicht signifikant.

Dies bedeutet, dass die Senkung des systolischen Blutdrucks von 134,8 auf 121,6 mmHg – dies waren die in den beiden Gruppen erzielten mittleren Werte – bereits nach wenigen Jahren mit einem Rückgang der Demenzerkrankungen um vielleicht 17 % verbunden war, wobei diese Aussage wegen der fehlenden statistischen Signifikanz mit einem Fragezeichen zu versehen ist.

Bei den leichten kognitiven Beeinträchtigungen (MCI), deren Inzidenz von 18,3 auf 14,5 pro 1.000 Personenjahre gesenkt wurde, waren die Ergebnisse statistisch eindeutig. Die Hazard Ratio von 0,81 war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,69 bis 0,95 statistisch signifikant.

Auch der kombinierte Endpunkt aus MCI und wahrscheinlicher Demenz (20,2 versus 24,1 Fälle pro 1.000 Personenjahre) war mit einer Hazard Ratio von 0,85 (0,74-0,97) signifikant.

Die Studie liefert damit klare Hinweise auf eine neuroprotektive Wirkung einer intensivierten Blutdrucksenkung. Für die Befürchtung, dass es infolge eines zu starken Blutdruckabfalls zu einer Minderdurchblutung des Gehirns und dadurch zu kognitiven Beeinträchtigungen kommt, konnte nicht bestätigt werden. Selbst bei den (wenigen) Teilnehmern mit einer orthostatischen Dysregulation wurde keine erhöhte Rate von wahrscheinlichen Demenzen gefunden (Hazard Ratio 0,54; 0,22-1,33). Auch in anderen Subgruppenanalysen wurde kein Hinweis auf eine vulnerable Gruppe gefunden, der die intensivierte Blutdrucksenkung schaden könnte. Die einzige Ausnahme waren Patienten mit bekannten kardiovaskulären Vorerkrankungen. Aber auch hier war die Hazard Ratio (1,10; 0,69-1,75) nicht signifikant.

Für die Alzheimer's Association sind die Ergebnisse ein klarer Beleg für eine neuroprotektive Wirkung einer intensivierten Blutdrucksenkung. Die US-Fachgesell­schaft fordert allerdings eine Bestätigung in einer weiteren Studie. Für „SPRINT MIND 2.0“ gebe es angesichts der Häufigkeit der arteriellen Hypertonie (75 % der über 65-Jährigen haben einen erhöhten Blutdruck) und der Bedeutung der Demenzen (die Zahl der Erkrankten soll bis 2050 auf weltweit 115 Millionen steigen), gute Argumente, zumal es bisher keine nachgewiesenermaßen effektive Therapie gibt, die die Entwicklung oder das Fortschreiten einer Demenz verhindern kann.

Angesichts einer fehlenden Prävention von Demenzerkrankungen ist die SPRINT-MIND-Studie nach Ansicht des US-National Institute on Aging eine wegweisende Studie. Sie dürfte zudem die derzeitigen US-Leitlinien stützen, die auch im Alter zu einer intensiven Blutdrucksenkung raten, von denen Kardiologen diesseits des Atlantiks nicht zuletzt wegen möglicher negativer Auswirkungen auf die Hirnfunktion noch abraten.

Interessant in diesem Zusammenhang sind die Ergebnisse einer vor wenigen Tagen publizierten Querschnittsstudie des Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, wonach ein leicht erhöhter Blutdruck bereits bei jungen Menschen mit einem Rückgang der grauen Hirnsubstanz assoziiert ist. Die „Defizite“ wurden unter anderem im Hippocampus gefunden, einer für die Gedächtnisbildung zentralen Hirnregion, die bei Demenzerkrankungen häufig als erste betroffen ist. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #702827
Ingrid Mühlhauser
am Donnerstag, 31. Januar 2019, 07:31

Irreführende Schlagzeile und Foto mit nicht korrekter Blutdruckmessung

Der Titel der Originalarbeit in JAMA ist neutral formuliert als:
"Effect of Intensive vs Standard Blood Pressure Control on Probable Dementia".
Die Schlussfolgerungen in der Originalarbeit lauten:
"Among ambulatory adults with hypertension, treating to a systolic blood pressure goal of less than 120 mm Hg compared with a goal of less than 140 mm Hg did not result in a significant reduction in the risk of probable dementia."
Somit ist der Titel der DÄB News Meldung zu dieser Studie irreführend.
Zudem zeigt das gewählte Foto eine nicht korrekte Blutdruckmessung.
Die Manschette liegt zu tief und das Hörrohr sollte nicht mit dem Finger niedergedrückt werden.

Vielen Dank für den Hinweis.

Redaktion DÄ
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