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Ärzteschaft

Frauenärzte sehen erhöhte Suizidgefahr durch hormonelle Kontrazeptiva als nicht belegt an

Mittwoch, 30. Januar 2019

/dpa

Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der Berufsverband der Frauenärzte halten den Verdacht, die Verwendung hormoneller Verhütungsmittel könne das Suizidrisiko bei Frauen erhöhen, für wissenschaftlich nicht belegt. Sie kritisierten jetzt einen Warnhinweis des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Dieser stützt sich auf einen Warnhinweis der Europäischen Arzneimittelagentur EMA und diese wiederum auf zwei dänische Kohortenstudien (dois: 10.1176/appi.ajp.2017.17060616 und 10.1001/jamapsychiatry.2016.2387).

„Diese dänischen Studien haben so erhebliche methodische Fehler, dass sie wertlos sind“, erklärten Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und Anton Scharl, Präsident der DGGG, übereinstimmend. Sie nennen dafür verschiedene Gründe.

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Zunächst seien keine ärztlichen Diagnosen in die Studie einbezogen worden, sondern lediglich Daten aus Bevölkerungsregistern. So sei festgestellt worden, dass Mädchen und Frauen, die aktuell hormonell verhüteten, häufiger Antidepressiva erhielten (2,2 Prozent gegenüber 1,7 Prozent) als Mädchen und Frauen ohne hormonelle Verhütung und dass in dieser Gruppe häufiger Suizidversuche (0,15 Prozent gegenüber 0,18 Prozent) und Suizide (0,0006 Prozent gegenüber 0,0019 Prozent pro Jahr) auftraten.

Unklare Überschneidungen

„Man kann davon ausgehen, dass junge Mädchen und Frauen, die nicht hormonell verhüten, in weit geringerem Maß sexuell aktiv sind. Im Grunde genommen wurde also in beiden dänischen Studien ein Vergleich gezogen zwischen sexuell aktiven und sexuell nicht aktiven Mädchen und Frauen und zwar mit völlig unklaren Überschneidungen“, kritisieren die beiden Verbände. 

Sie weisen darauf hin, dass hormonelle Verhütungsmittel verschreibungspflichtig seien und deshalb regelmäßige Arztbesuche notwendig machten. „In der Studie zur Depressivität wurden also junge Mädchen und Frauen mit gesicherten, regelmäßigen Arztkontakten verglichen mit solchen, bei denen nichts über mögliche Arztbesuche bekannt war“, so Albring und Scharl.

Sie weisen außerdem darauf hin, dass bei Mädchen und Frauen, die Arzneimittel mit einer höheren Dosierung erhielten, Depressionen nicht häufiger auftraten. „Die Verordnung von Antidepressiva ist völlig unabhängig von der Hormondosis, die in den Verhütungsmitteln verwendet wurde“, so ihre Folgerung. Außerdem sei die Erhöhung der Suizidgefahr den Studien zufolge offenbar unabhängig davon, welche Östrogen- und Gestagentypen verwendet wurden.

„Die Zahlen aus den beiden dänischen Studien beschreiben einen zeitlichen Zusammenhang, aber mehr auch nicht“, erläuterte Albring. Anders formuliert: Es handle sich um Beobachtungsstudien, welche die Kausalität nicht klärten. „Um die Frage zu beantworten, ob ein Arzneimittel bestimmte Nebenwirkungen hervorruft, und um dabei zufällige Zusammenhänge auszuschließen, muss man aufwendige, am besten doppelblinde Studien durchführen, bei der weder Arzt noch Studienteilnehmer wissen, ob sie ein Placebo oder das Arzneimittel bekommen“, so Scharl. 

Solche Studien zeigten bisher widersprüchliche Ergebnisse – etwa, dass sich vor allem bei Frauen, bei denen bereits vor der Behandlung eine depressive Verstimmung oder ein starkes prämenstruelles Syndrom vorlag, die psychischen Symptome verstärken konnten. Andererseits aber könne eine geeignete hormonelle Verhütung bei schwerem prämenstruellem Dysphoriesyndrom auch hilfreich sein. 

Die Verbände betonten, ein Mädchen oder eine Frau, die unter einer bestimmten Art der Verhütung Stimmungsveränderungen beobachte, sollte dies mit ihrem Frauenarzt besprechen, sodass sie gemeinsam eine andere, möglichst ebenso zuverlässige Verhütung finden könnten. © hil/aerzteblatt.de

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Avatar #683778
Freudi
am Donnerstag, 31. Januar 2019, 00:50

Bitte keine "Selbstmorde" mehr!

"Selbstmord" ist nicht nur stigmatisierend, sondern auch im Wortsinn ein Unding: Bekanntlich ist "Heimtücke" ein Mordmerkmal. Ich kann mich aber beim besten Willen nicht "heimtückisch" umbringen. Seit Jahrzehnten wird von Psychiatern empfohlen, stattdessen von "Suizid", oder "Selbsttötung" zu sprechen. Darauf sollte noch mehr geachtet werden.....

Anm. d. Red.: Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben das korrigiert.
LNS

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