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Politik

Psychotherapeuten­ausbildung: Weiter Debatte um Referentenentwurf

Mittwoch, 30. Januar 2019

/kasto, stockadobecom

Berlin – Der Referentenentwurf für eine Reform der Psy­cho­thera­peuten­aus­bildung aus dem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) ist aktuell Anlass für eine Reihe von Stellungnahmen von Heilberufekammern und Fachverbänden. Das BMG hatte die Frist für Stellungnahmen auf den 31. Januar gelegt. Die grundsätzliche Bewertung des Entwurfes für ein „Psycho­therapeuten­ausbildungs­reform­gesetz“ vom 4. Januar unterscheidet sich dabei deutlich zwischen Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten.

Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) lehnt den Referentenentwurf strikt ab. In ihrer aktuellen Stellungnahme fordert die BÄK den Gesetzgeber auf, „den Entwurf mit Blick auf die bewährte multidisziplinäre Zusammenarbeit in der psychotherapeutischen Versorgung“ zu überarbeiten. Sollte der Entwurf Realität werden, so führe dies zu einer weit­gehenden Ausgliederung der Behandlung von psychisch Kranken aus dem medizi­nischen Versorgungssystem – und damit zum Nachteil der Patienten, heißt es in der Stellungnahme. Anstatt auf eine ganzheitliche Behandlung komplexer Krankheitsbilder hinzuwirken, bedrohe die Reform eine individuelle, somatische wie psychische Aspekte integrierende Versorgung, argumentiert die BÄK.

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Pläne der Bundesregierung

Kernstück des Entwurfes für ein Psycho­therapeuten­ausbildungs­reformgesetz ist ein fünfjähriges Hochschulstudium der Psychotherapie, das aus einem dreijährigen Bachelorstudium und einem darauf aufbauenden zweijährigen Masterstudium besteht. Damit wird künftig zugunsten eines Direktstudiums auf die postgraduale Ausbildungsstruktur für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten verzichtet und eine verfahrensbreite Ausbildung zum „Psychotherapeuten“ – so die vorgesehene Bezeichnung des Berufes – eingeführt. Die Approbation nach einer staatlichen Prüfung soll künftig bereits nach dem Psycho­therapie­studium erworben werden. In der anschließenden Weiterbildung zum „Fachpsychotherapeuten“ wird die Fachkunde in einem wissenschaftlich anerkannten psychotherapeutischen Verfahren erworben, die für die Eintragung in das Arztregister und für die Zulassung zur psychotherapeutischen Versorgung gesetzlich Krankenversicherter Voraussetzung ist. Auch werden Schwerpunkte in der Behandlung von Erwachsenen beziehungsweise Kindern und Jugendlichen gesetzt.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie, Psycho­somatik und Nervenheilkunde (DGPPN) zusammen mit dem Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen (BApK) und dem Bundes­netzwerk Selbsthilfe seelische Gesund­heit (NetzG) weisen den Referenten­entwurf in einer gemein­samen Presseerklärung deutlich zurück. „Die Behandlung von Menschen mit psychischen Erkrankungen von der Medizin und Psychologie abzulösen und sie einer Parallelversorgung zuzuführen, bedeutet ein beispielloses Experiment und einen folgenschweren Tabubruch für das deutsche Gesundheitssystem“, schreiben die Verbände.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK) begrüßt den Entwurf hingegen als „wegweisende Reform“ der Psycho­therapeutenausbildung. „Die bei den Ärzten bewährten Strukturen eines Hochschulstudiums mit anschließender Weiterbildung gelten damit künftig auch für Psychotherapeuten. Der bisherige Sonderweg in der Ausbildung wird beendet“, sagte BPtK-Präsident Dietrich Munz heute vor der Presse in Berlin. Mit der Reform werde zum einen die Ausbildung auf Masterniveau gesichert. Zum anderen würden damit die prekären wirtschaftlichen und rechtlichen Ausbildungsbedingungen junger Menschen beendet. „Durch die Möglichkeit der Approbation nach dem Hochschulstudium können künftige Psychotherapeuten während ihrer Weiterbildung in der Versorgung tätig sein und entsprechend tariflich vergütet werden“, erläuterte Munz.

Ärzte lehnen Berufsbezeichnung „Psychotherapeut“ ab

Kritik gibt es an der neuen Berufsbezeichnung Psychotherapeut, die die Bundesärzte­kammer ablehnt. Ohne weitere Zusätze führe diese Bezeichnung „zu einer Täuschung der Patienten“. Sie würden nicht mehr erkennen, auf Basis welcher Qualifikation psychotherapeutische Verfahren angewendet würden, heißt es in der BÄK-Stellungnahme. „Das ist politisch, vor allem aber ärztlich, nicht zu verantworten.“ Ärzte können nach dem Referentenentwurf künftig den Zusatz „ärztlicher Psychotherapeut“ tragen. Das aber bedeute einen Eingriff in das ärztliche Weiterbildungsrecht und sei abzulehnen, argumentiert die BÄK.

Auch die DGPPN kritisiert die Bezeichnung „Psychotherapeut“ für den künftigen Beruf, weil damit in die Selbstbenennung der Ärzte eingegriffen werde. „Es wird so getan, als gebe es einen ,Standardpsychotherapeuten‘ und dann noch ein paar Ärzte, die auch Psychotherapie machen“, erklärte DGPPN-Präsident Andreas Heinz im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt. Er ist der Überzeugung, dass es ein umfassendes Verständnis vom Menschen braucht, um psychotherapeutisch zu arbeiten – entweder auf der Grundlage von Psychologie oder von Medizin.

Deshalb sei es sinnvoll, zunächst ein Bachelorstudium in Psychologie zu absolvieren und erst darauf aufbauend einen Masterstudiengang in Psychotherapie. Der Referenten­entwurf sieht hingegen bereits einen Bachelorstudiengang in Psycho­therapie vor. Die künftige Berufsbezeichnung sollte nach einem polyvalenten Bachelor­studiengang Psychologie dann auch weiterhin „Psychologischer Psychotherapeut“ heißen, fordert die DGPPN in ihrer Stellungnahme.

Alle lehnen Modellstudiengang in Psychopharmakotherapie ab

Eindeutig ab lehnen die BÄK, die DGPPN und auch die BPtK die vom BMG in das Gesetz aufgenommen Möglichkeit von Modellstudiengängen, die „Kompetenzen zur Fest­stellung, Verordnung und Überprüfung von psychopharmakologischen Maßnahmen erweitern“ sollen.

„Aus gutem Grund ist die Verordnung von Arzneimitteln allein Ärzten vorbehalten“, heißt es in der BÄK-Stellungnahme. Denn eine sichere und schonende Anwendung von Psychopharmaka sei nur auf der Grundlage eines Medizinstudiums möglich. Das Vorhaben stehe auch „im Widerspruch zu den Bemühungen um eine erhöhte Arznei­mittel­therapie­sicherheit angesichts der immer größeren Komplexität der Behandlung chronisch kranker und multimorbider Patienten“, heißt es aus der BÄK.

DGPPN-Präsident Heinz hält den Modellstudiengang für einen „Dammbruch“ – auch im Hinblick auf die Patientensicherheit. „Eine der vulnerabelsten Patientengruppen, nämlich psychisch Kranke, würden im Gegensatz zu allen anderen Patienten Medikamente dann nicht mehr von Ärzten verschrieben bekommen“, sagte er. Doch nur der Arzt könne den Patienten ganzheitlich betrachten. Und nur er könne die Interaktion mit anderen Medikamenten in Bezug auf Nebenwirkungen berücksichtigen, wenn noch organische Erkrankungen vorliegen.

Politisch betrachtet hat Psychiatrieprofessor Heinz die Sorge, „dass die Behandlung psychisch Kranker aus der Medizin ausgegrenzt werden soll“, eben weil der Gesetz­geber den Modellstudiengang gegen alle Widerstände in den Referentenentwurf aufgenommen habe. „Die kleine Öffnung mit dem Modellstudiengang klingt so harmlos, aber ein Psychotherapiestudium ist billiger ist als ein Medizinstudium“, gibt er zu Bedenken.

Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer weist darauf hin, dass der 32. Deutsche Psychotherapeutentag im Mai 2018 sich mit deutlicher Mehrheit gegen die Einführung eines solchen Modellstudienganges in Psychopharmakotherapie ausgesprochen hat. „Psychotherapeuten legen großen Wert darauf, ihre Patienten ausschließlich psychotherapeutisch zu behandeln“, sagte BPtK-Präsident Munz heute vor der Presse.

Er könne aber nachvollziehen, warum der Gesetzgeber einen solchen Modell­studiengang vorgesehen habe: „Ohne eine weitere Berufsgruppe, die qualifiziert ist, neben den Ärzten Psychopharmaka zu verordnen, könnte es sein, dass auf Dauer die Versorgung psychisch Kranker in psychiatrischen Krankenhäusern nicht gewährleistet ist.“ Es bestehe dort schon aktuell ein gravierender fachärztlicher Nachwuchsmangel.

Praxissemester oder Praktisches Jahr werden gefordert

Darüber hinaus bemängelt die Bundes­ärzte­kammer, dass der Referentenentwurf während des Psychotherapiestudiums – anders als im Medizinstudium – „kein Praktisches Jahr vorsieht, indem klinisch-praktische Fähigkeiten vor Erteilung der Approbation unter Supervision geübt und vertieft werden“. So bleibe die Ausbildung weit hinter den Erwartungen an eine fundierte Qualifikation zurück.

Auch die BPtK fordert ein „Praxissemester“ während des Psychotherapiestudiums, das dem Praktischen Jahr entspricht. „Ausreichende praktische Erfahrungen sind notwendig, damit Psychotherapeuten ohne Weiterbildung in der Lage sind, ihre heilkundlichen Kompetenzen richtig einzuschätzen“, erklärt Munz.

PiA fordern Finanzierung der ambulanten Weiterbildung

Die derzeitigen Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA) selbst, vertreten durch das „PiA-Politik-Treffen“, begrüßen den Referentenentwurf aus dem BMG in ihrer Stellungnahme. „Die derzeitigen prekären Bedingungen in der Ausbildung (künftig Weiterbildung) müssen endlich beendet werden“, fordert deren Sprecherin Katharina Simons. Wichtig seien aber faire Übergangsregelungen. Außerdem müsse eine zusätzliche Finanzierung der ambulanten Weiterbildungsanteile über die geleisteten Behandlungsstunden hinaus erfolgen, fordern die PiA. „Sonst entsteht wieder eine prekäre Arbeitssituation, diesmal im ambulanten Bereich“, so Simons.

Auch die BPtK sieht finanziellen Unterstützungsbedarf für die fachlich notwendige Supervision, Selbsterfahrung und Theorie sowie die sozial­ver­sicherungs­pflichtige Beschäftigung während der ambulanten Weiterbildung an den Weiterbildungs­instituten. „Hier könnte sich der Gesetzgeber an den Regelungen für Hausärzte und grundversorgende Fachärzte orientieren, um ‚Schulgeld‘ für Psychotherapeuten zu vermeiden“, fordert BPtK-Präsident Munz.

KBV stützt Psychotherapeuten

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat die Vorschläge aus dem Ministerium grundsätzlich positiv aufgenommen. Der Gesetzgeber greife „in hohem Maße die Erfahrungen und die Wünsche der Fachgruppe der Psychotherapeuten auf, was Voraussetzung für ein gelingendes Reformvorhaben ist“, hieß es von der KBV, die ebenfalls eine Stellungnahme vorlegte. Die Einschätzungen stünden allerdings unter dem Vorbehalt einer abschließenden Bewertung, da für die Beurteilung wichtige Informationen, wie sie sich aus der Approbationsordnung für Psychotherapeuten ergeben, noch nicht vorlägen.

Positiv hervorzuheben ist aus Sicht der KBV die Verankerung der Heilberufsausbildung in der Wissenschaftlichkeit und Evidenz geprüfter psychotherapeutischer Therapieformen, die im Referentenentwurf betont werde. Zu begrüßen sei weiterhin die Überführung bisheriger Ausbildungs‐ in Weiterbildungsinstitute, was sowohl eine Kontinuität von Lehrorten als auch die Differenzierung von Aus- und Weiterbildung an unterschiedlichen Orten des Leistungsgeschehens erlaube, hieß es weiter.

Modellversuchsstudiengänge zur Verordnung von Psychopharmaka im Rahmen der psychotherapeutischen Tätigkeit sowie die fehlenden Maßnahmen einer wirksamen Kapazitätssteuerung der Ausbildungsplätze stießen bei der KBV auf Kritik. Ebenso ablehnend steht die KBV der für Ärzte vorgesehenen verpflichtenden Ergänzung „ärztlicher“ Psychotherapeut gegenüber.

SpiFa: Gesetz schieben

Der Spitzenverband Fachärzte Deutschlands (SpiFa) forderte den Gesetzgeber auf, den Zeitdruck aus dem Gesetzgebungsverfahren zu nehmen und der Ärzteschaft die Möglichkeit zu geben, sich auf dem 122. Deutschen Ärztetag 2019 in Münster mit den sehr weit gehenden Veränderungen des Versorgungssystems in Deutschland zu beschäftigen.

Wenn der Gesetzgeber einen neuen approbierten psychologischen Heilberuf und die Basis für ein neues psychologisches Versorgungssystem neben und in Teilen konkurrierend mit dem ärztlich-medizinischen Versorgungssystem schaffe, dann müsse das auch mit aller Konsequenzen erfolgen, sagte SpiFa-Chef Dirk Heinrich. Dann müsste die Politik auch Kassenpsychologische Vereinigungen (KPVen) sowie eine Kassenpsychologische Bundesvereinigung (KPBV) schaffen. © PB/may/aerzteblatt.de

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