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Ärzteschaft

Was Medizinstudierende wollen

Mittwoch, 30. Januar 2019

/dpa

Berlin – Zunehmend selbstbewusst formulieren Medizinstudierende, was sie von ihrer Zukunft als Arzt oder Ärztin und den Arbeitsbedingungen erwarten. Ganz oben steht dabei die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Im Rahmen der dritten Befragungswelle des „Berufsmonitorings Medizinstudierende“ gaben 95 Prozent der im Juni 2018 online befragten 13.900 Medizinstudierenden dies als entscheidenden Faktor für die Wahl ihres späteren Arbeitsplatzes an. Der Wunsch nach geregelten und gleichzeitig flexiblen Arbeitszeiten spielt bei den Medizin­studierenden ebenfalls eine große Rolle (82 und 81 Prozent).

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Vorgenommen wird das „Berufsmonitoring Medizinstudierende“ seit 2010 alle vier Jahre durch die Universität Trier im Auftrag der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und in Kooperation mit dem Medizinischen Fakultätentag (MFT) und der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). „Das Berufs­monitoring hat sich als viel beachteter Standard zur Dauerbeobachtung der Wünsche, Bewertungen und Erwartungen des ärztlichen Nachwuchses etabliert“, erläuterte heute Rüdiger Jacob, Akademischer Direktor im Fach Soziologie der Universität Trier, in Berlin.

Bezüglich der Option, künftig im ambulanten Bereich tätig zu werden, konnte Jacob einige Veränderungen zu den Vorjahren feststellen: So gaben 2018 lediglich 53,5 Prozent der Studierenden an, gern in eigener Praxis tätig zu werden. Vor vier Jahren konnten sich das noch gut 60 Prozent vorstellen. Eine Anstellung im ambulanten Sektor sei dagegen jetzt für 70,7 Prozent der Befragten eine Option (2014 nur für 65,4 Prozent), erläuterte der Wissenschaftler.

Einzelpraxis Auslaufmodell

Wenn Studierende über eine selbstständige Tätigkeit im ambulanten Bereich nachdenken würden, sei vor allem die Einzelpraxis ein Auslaufmodell. Nur 4,7 Prozent würden sich derzeit dafür entscheiden. Der Trend gehe eher zur Gemeinschaftspraxis (50,6 Prozent) und zur Teamarbeit mit anderen Ärzten (66,6 Prozent). 42,6 Prozent können sich immerhin eine Einzel- oder eine Gemeinschaftspraxis prinzipiell vorstellen.

„Wir haben es mit einer selbstbewussten Generation zu tun, die weiß, was sie möchte und die freie Wahl hat, wo und wie sie arbeiten will“, sagte Andreas Gassen, Vorstands­vorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), bei der heutigen Präsentation der Ergebnisse.

Wichtig sei aber: „Unser ambulantes System funktioniert nicht ohne die selbst­ständigen Ärzte in eigener Praxis – schon gar nicht, solange die Politik den Versicherten ein unbegrenztes Leistungsversprechen macht.“ Deshalb sei sie gut beraten, den Nachwuchs nicht mit immer neuen gesetzlichen Vorgaben zusätzlich von einer Niederlassung abzuschrecken: „Die inhabergeführte Praxis darf kein Auslauf­modell werden, sonst fährt das System auf lange Sicht an die Wand“, betonte er. „Es gibt keine Ersatzärzteschaft.“

Die Niederlassung dürfe von den angehenden Ärzten nicht eins zu eins mit der selbst­ständig geführten Einzelpraxis gleichgesetzt werden, betonte der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KBV, Stephan Hofmeister. Der ambulante Sektor biete verschiedene Optionen: Anstellung, Jobsharing, Einzel- oder Gemeinschaftspraxis, Stadt oder Land. „Keine Art der Berufsausübung ist inhaltlich und gestalterisch freier als die Selbstständigkeit. Das zu vermitteln, darin liegt die große Herausforderung“, betonte er.

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Als Gründe, die gegen eine Niederlassung sprechen, werden von den Studierenden in der aktuellen Umfrage die hohe Bürokratie (62,3 Prozent), das hohe finanzielle Risiko (57,4 Prozent), drohende Regressforderungen (46,7 Prozent) sowie auf Platz vier ein geringer fachlicher Austausch (46,4 Prozent) im ambulanten Bereich angegeben. Gegen eine angestellte Tätigkeit im Krankenhaus sprechen nach Ansicht der Studierenden hingegen eine hohe Arbeitsbelastung (78 Prozent), starker ökonomischer Druck (68 Prozent), wenig Freizeit (61 Prozent) sowie starre Hierarchien (58 Prozent).

Persönlicher Kontakt mit ärztlichen Ausbildern könne dazu beitragen, dass Studierende die ambulante Medizin als das erleben, was sie ist: spannend, vielseitig, erfüllend, aber nicht explizit risikoreich, betonte Hofmeister. Abgebaut werden müssten dafür auch gefühlte Ängste des Nachwuchses, die gar nicht real seien. So sei das Unternehmensrisiko im Vergleich zu anderen Berufsgruppen relativ gering, sagte Hofmeister. Die Sorge, viel Bürokratie zu haben, sei zwar verständlich, aber „Zettel müssen überall ausgefüllt werden.“

Bei der Allgemeinmedizin hat ein in den vergangenen Jahren verstärkter und verbesserter Einblick in die tatsächliche hausärztliche Tätigkeit während des Studiums bereits Früchte getragen. Die Allgemeinmedizin und damit eine spätere hausärztliche Tätigkeit haben bei der aktuellen Befragung deutlich an Attraktivität gewonnen. 34,6 Prozent der Befragten gaben eine Präferenz für Allgemeinmedizin an - mehr als in den Vorjahren (2010 nur 29,3 Prozent). „Das sollte uns als Vorbild dienen, die Aus- und Weiterbildung in der Medizin auch im fachärztlichen Bereich weiter zu ambulantisieren“, so Hofmeister.

Trendwende bei der Allgemeinmedizin und der Chirurgie

„Die erfreuliche Trendwende im Interesse an der Allgemeinmedizin zeigt, dass sich das Engagement und die Bereitschaft zur Veränderung lohnen“, erklärte Peter Jan Chabiera, Vizepräsident 2018 der Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd). Interessant sei, dass das Interesse für das Fach während des Studiums kontinuierlich steige. Während sich in der Vorklinik nur 32,7 Prozent der Befragten vorstellen konnten, die Weiterbildung Allgemeinmedizin zu absolvieren, waren dies in den klinischen Semestern bereits 36,7 Prozent und unter den Studierenden im Praktischen Jahr (PJ) 39,6 Prozent.

Eine gegenläufige Entwicklung ist anhand des Berufsmonitorings für das Fach Chirurgie festzustellen. Bei der Befragung 2018 konnten sich lediglich 24,3 Prozent der befragten Medizinstudierenden eine Weiterbildung in dem Fach vorstellen. 2010 waren es noch 29,3 Prozent der Befragten. Auffällig ist zudem, dass die Chirurgie im Verlauf des Studiums immer weniger eine Option für die Nachwuchsärzte darstellt. Während in der Vorklinik noch 32,4 Prozent der Studierenden dafür als Berufsziel votierten, gaben in den klinischen Semestern nur noch 21,3 Prozent und im PJ sogar nur noch 18,1 Prozent die Chirurgie als ein Wunschfach an.

„Primär chirurgische Fachgebiete müssen schnellstmöglich die gelebte und vermittelte Arbeitskultur und die Arbeits­bedingungen überdenken, um den starken Attraktivi­tätsverlust abzupuffern“, warnte Chabiera. Der massive Interessensverlust an der Chirurgie verdeutliche zudem, dass die von der Politik geforderte Praxis der quantitativen Aufwertung von Fachgebieten im Medizinstudium in keinster Weise ein Erfolgsgarant für mehr ärztliche Versorgung darstelle. Obwohl die Chirurgie das gesamte Studium über Pflichtfach sei, verlöre sie an Attraktivität.

Potenzial, um die Versorgung der Patienten zu verbessern, sehen die Studierenden in der Digitalisierung. „Aus-, Fort- und Weiterbildung sind Schlüssel­punkte, um diese Herausforderung anzugehen, damit wir als angehende Ärztinnen und Ärzte in die aktive und selbstgestaltende Rolle versetzt werden, selbstverantwortlich mit den neuen technologischen Lösungen zu arbeiten“, sagte Jana Aulenkamp, bvmd-Präsidentin im Jahr 2018.

Konkret bedeute dies, dass im Medizinstudium die Digitalisierung insbesondere im Bereich der ärztlichen Kommunikation mitgedacht werden müsse. Verbesserungen erhoffen sich die Studierenden der Befragung zufolge bei der Diagnose, Arbeits­organisation und Behandlung. Sie befürchten jedoch eine Verschlechterung der Arzt-Patienten-Kommunikation und im Vertrauensverhältnis.

Das Berufsmonitoring zeigt auch, dass Studierende sich derzeit hinsichtlich der Digitalisierung der medizinischen Versorgung bisher wenig auf die Zukunft vorbereitet fühlen. Nur etwa zehn Prozent der Befragten konstatieren für sich einen guten Kenntnisstand. Auf diese Lücke hatte bereits der Medizinische Fakultätentag (MFT) bei der Veröffentlichung des Masterplans Medizinstudium 2020 hingewiesen, in dem das Thema Digitalisierung keine Beachtung gefunden hat.

Aufgeschlossener für eine Delegation

„Bei der Weiterentwicklung des Nationalen Kompetenzbasierten Lernzielkatalogs in der Medizin (NKLM) wird das Thema daher in Bezug auf alle Rollen, die ein Arzt zukünftig einnehmen wird, Eingang finden“, versicherte jetzt Frank Wissing, Generalsekretär des MFT. Zunehmend Eingang finden soll auch das interprofessionelle Arbeiten. Der Berufsmonitor zeigt: Die Akzeptanz für die Delegation von ärztlichen Aufgaben an entsprechend qualifizierte Arztassistenten, Pflegekräfte oder Medizinische Fachan­gestellte ist im Vergleich zu den Vorjahren gestiegen (um 17,6 Prozentpunkte).

„Die interprofessionelle Versorgung wird zentraler Bestandteil der Versorgung der Zukunft sein. Wir sehen die dringende Notwendigkeit, diese Diskussionen gemeinsam bereits früh zu beginnen. Daher muss die interprofessionelle Ausbildung bereits integraler Bestandteil des Medizinstudiums sein“, betonte Aulenkamp. © ER/aerzteblatt.de

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Avatar #712457
cselig
am Donnerstag, 31. Januar 2019, 07:14

Bürokratie und Zufriedenheit

Diese Aussage (wohl von der KBV): "Abgebaut werden müssten dafür auch gefühlte Ängste des Nachwuchses, die gar nicht real seien. Als solche werden von den Studierenden aktuell die hohe Bürokratie (62,3 Prozent) [...] angegeben."

Also müssen die "gefühlten" "irrealen" "Ängste" des Nachwuchses abgebaut werden, nicht die Bürokratie?
LNS

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