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Politik

Ruf nach mehr Kompetenzen für Pflegekräfte

Freitag, 1. Februar 2019

/dpa

Berlin – In Deutschland müssen mehr Pflegekräfte akademisch ausgebildet werden. Zudem müssen Pflegekräften mehr Kompetenzen eingeräumt werden. Diese Forderungen erhebt die Studie „Pflege in anderen Ländern: Vom Ausland lernen?“, die Michael Ewers vom Institut für Gesundheits- und Pflegewissenschaft der Charité und sein Team im Auftrag der Stiftung Münch erstellt haben. Darin haben sie die Situation in der Pflege in Deutschland mit der Situation in Großbritannien, den Niederlanden, Schweden und Kanada verglichen.

„Wir sind in Deutschland nicht die einzigen mit Problemen im Bereich der Pflege“, erklärte Ewers kürzlich vor Journalisten in Berlin. „Auch andere Länder haben Schwierigkeiten mit der Rekrutierung von Pflegekräften. Dabei reagieren sie teils mit denselben Maßnahmen wie Deutschland: Sie bemühen sich um bessere Arbeits­bedingungen, um eine bessere Bezahlung, sie integrieren Arbeitskräfte mit einer geringeren Qualifikation und sie rekrutieren Pflegekräfte aus dem Ausland.“

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Mehr akademisierte Pflegekräfte

Darüber hinaus gingen sie jedoch auch andere Wege, vor allem in den Bereichen Ausbildung und Selbstverwaltung. „In den anderen Ländern gab es in den vergangenen zehn bis 15 Jahren einen im Vergleich zu Deutschland beachtlichen Ausbau an Ausbildungskapazitäten, auch im hochschulischen Bereich“, sagte Ewers.

In der Folge gebe es in Großbritannien und Schweden einen Akademisierungsgrad von 100 Prozent, weil man sich in diesen Ländern nur an der Hochschule zur Pflegekraft ausbilden lassen könne. In Kanada liege der Akademisierungsgrad in der Pflege bei 61 Prozent, in den Niederlanden bei 44 Prozent – und in Deutschland bei ein bis zwei Prozent. Dabei fordere der Wissenschaftsrat eine Quote von zehn bis 20 Prozent. 

In den anderen Ländern sei auch der Selbstorganisationsgrad der Pflege höher als in Deutschland. „Dort verwaltet sich die Pflege selbst, sie kümmert sich um die Weiterbildung, die Fortbildung und die Registrierung“, so Ewers. Zudem hätten Pflegeverbände einen höheren politischen Einfluss. „Wir empfehlen, die Selbst­organisation und die professionelle Autonomie der Pflege zu stärken, die hoch­schulische Pflegebildung auszubauen, schlüssige Qualifikationsmixe zu entwickeln und Pflegende mit erweiterten Kompetenzen auszustatten“, fasste Ewers zusammen.

Pflegekräfte auf Augenhöhe mit Ärzten arbeiten lassen

Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Münch, Stephan Holzinger, der zugleich Vorstandsvorsitzender der Rhön Klinikum AG ist, hob die Bedeutung der Arbeitgeber bei der Integration ausländischer Pflegekräfte in deutsche Unternehmen hervor. „In Deutschland gibt es eine ausgeprägte Dominanz der Ärzte im Umgang mit den Pflegekräften“, sagte er. „Pflegekräfte aus anderen Ländern sind es gewohnt, fachlich auf einem höheren Niveau zu arbeiten. Wenn sie nach Deutschland kommen, treffen sie auf eine Realität, in der sie zu Hilfssheriffs degradiert werden.“

Die Unternehmen stünden vor der großen Aufgabe, einen organisationskulturellen Wandel einzuleiten, damit die Pflegekräfte auch in Deutschland auf Augenhöhe mit den Ärzten arbeiten könnten. Ansonsten würden die Pflegekräfte aus dem Ausland fachlich degradiert und demotiviert. Um sie in Deutschland zu halten, müsse dies geändert werden. Zudem müssten sich die Unternehmen um die soziale Integration der neuen Mitarbeiter kümmern. „Wir müssen ihnen bei Behördengängen helfen oder dabei, Vereine zu finden, in denen sie ihren Hobbys nachgehen können“, sagte Holzinger.

Er wies jedoch auch darauf hin, dass mit der Augenhöhe mehr Verantwortung auf die Pflegekräfte zukomme. „Vor der Übernahme dieser Verantwortung schrecken viele Pflegekräfte noch zurück, weil sie das dafür notwendige Selbstbewusstsein nicht entwickelt haben“, meinte er. Dieses Selbstbewusstsein zu entwickeln, brauche Zeit. Das könne man nicht verordnen. 

Politik setzt falschen Anreiz

Kritik übte Holzinger an der geplanten Herausnahme der Pflegekosten aus den Diagnosis-Related-Groups (DRGs), über die die Krankenhäuser finanziert werden. „Es ist geradezu grotesk, dass die Politik den Pflegeberuf attraktiver machen will und gleichzeitig die Herauslösung der Pflegekosten aus den DRGs bewirkt“, sagte er. „Dadurch setzt sie den ökonomischen Anreiz für die Krankenhäuser, dass Pflegekräfte wieder das Essen bringen oder putzen.“ Denn im Unterschied zu den Bring- und Putzkräften würden Pflegekräfte nun zu 100 Prozent von den Krankenkassen finanziert.

Problematisch sei zudem, dass künftig Pflegekräfte aus Altenheimen oder Rehakliniken in Krankenhäuser wechseln würden, weil sie dort mehr verdienten. Dadurch werde es in den Krankenhäusern zu längeren Liegezeiten kommen, weil die Patienten aufgrund des Pflegemangels nicht mehr sofort in Rehakliniken entlassen werden könnten. © fos/aerzteblatt.de

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