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Medizin

Menschen lernen auch im Tiefschlaf

Freitag, 1. Februar 2019

/RFBSIP, adobe.stock.com

Bern – Der Mensch kann selbst im Tiefschlaf ohne Bewusstsein lernen. Schweizer Forscher haben gezeigt, dass Menschen komplexe Informationen wie Worte und Bedeutungen, die sie im Schlaf unbewusst aufnehmen, im Wachzustand abrufen können. Damit stellen sie aktuelle Schlaftheorien und Gedächtnistheorien infrage. Sie veröffentlichten ihr Ergebnis in Current Biology (2019; doi: 10.1016/j.cub.2018.12.038).

Bisherige Studien fokussierten auf die Konsolidierung von Erinnerungen im Schlaf, die die zuvor im wachen Zustand gemacht hatten. Lernprozesse im Schlaf wurden dabei selten untersucht (Nature Communications 2017).

Psychologieprofessorin Katharina Henke und ihre Kollegen Marc Züst und Simon Ruch von der Universität Bern haben 41 Schlafende über Kopfhörer mehrfach mit Fantasie­wörtern beschallt, denen sie jeweils unterschiedliche Bedeutungen zuordneten. Im Wachzustand hatten die Teilnehmer noch nichts von diesen Wörtern gehört. Eine Versuchsperson hörte etwa „Guga – Vogel“, eine andere „Guga – Elefant“. Nach dem Aufwachen wurden sie befragt: Ist Guga ein großer oder kleiner Gegenstand, passt es in eine Schuhschachtel oder nicht?

Lernefekt nur in der „Up-state“-Schlafphase

Wenn das zweite Wort des Wortpaares in der „Up-state“-Schlafphase bei den Menschen ankam, identifi­zierten die Versuchs­perso­nen nach dem Aufwachen 60 % der Fantasiewörter so, wie sie es im Schlaf gehört hatten als etwas Großes oder Kleines. Die „Up-state“-Schlafphase dauert eine halbe Sekunde und kennzeichnet sich dadurch, dass alle Gehirnzellen gemeinsam aktiv sind. Sie wechselt sich ab mit passiven Phasen („Down-state“) ohne im EEG messbare Aktivität. Während des Lernprozesses waren Sprachbereiche des Gehirns und des Hippocampus aktiv, die auch im Wachzustand das Lernen von Vokabeln vermitteln.

Wir wollten zeigen, dass man auch in unbewusstem Zustand lernen kann. Marc Züst, Universität Bern

Gedächtnisbildung sei also sowohl im bewussten als auch unbewussten Zustand möglich, sagte Mitautor Züst. „Wir wollten zeigen, dass man auch in unbewusstem Zustand lernen kann.“ Daraus lasse sich aber nicht die Empfehlung ableiten, sich generell nachts mit Informationen berieseln zu lassen in der Hoffnung, dass etwas hängen bleibe. Schließlich wisse man noch nicht, ob das nicht auch ungewollte Folgen haben könne.

Mögliche Anwendungsgebiete: Lernschwierigkeiten und Rehabilitation

Henke sieht aber eine mögliche Anwendung bei Menschen mit Lernschwierigkeiten. So könnten die Erkenntnisse womöglich zu einem zweistufigen Lernverfahren führen: einmal die unbewusste Aufnahme im Schlaf durch Beschallung mit bestimmten Lerninhalten, verstärkt durch das Lernen der gleichen Inhalte im wachen Zustand. Schlafforscher Young sieht mögliche Anwendungsgebiete auch in der Rehabilitation nach Krankheit oder Unfällen.

Dies ist eine neue Dimension des Verständnisses von Schlaf. Peter Young, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin

„Die Studie zeigt noch einmal die Wichtigkeit von Schlaf für Lernvorgänge“, sagte Young. Bekannt war, dass Schlaf zur Lernkonsolidierung beitrage, also zur Verfestigung des zuvor Gelernten. „Wer abends Flöte spielt, kann das Stück oft morgens besser, weil der Lerneffekt bei gutem Schlaf konsolidiert wird“, sagte er. Dass auch ohne Bewusstsein im Tiefschlaf Assoziationen stattfinden, sei neu.

Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, Peter Young, spricht von einer bahnbrechenden Studie. „Dies ist eine neue Dimension des Verständnisses von Schlaf“, sagte er. Die Forscher hätten gezeigt, dass das Gehirn im Schlaf ohne Bewusstsein assoziativ Dinge lernen könne.

© dpa/gie/aerzteblatt.de

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