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Medizin

E-Zigaretten erzielen in Studie häufiger Rauchstopp als Nikotinersatz­produkte

Donnerstag, 31. Januar 2019

/dpa

London – Langjährigen Rauchern ist es in einer randomisierten Studie mit E-Zigaretten doppelt so häufig wie mit konventionellen Nikotinersatzprodukten gelungen, auf das Tabakrauchen zu verzichten. Die wenigsten Teilnehmer kamen laut der Publikation im New England Journal of Medicine (2018; doi: 10.1056/NEJMoa1808779) nach einem Jahr jedoch ohne Nikotin aus.

Der Nutzen von E-Zigaretten als Entwöhnungsmittel für Raucher wird kontrovers diskutiert. Befürworter halten den Dampf aus den E-Liquids für weniger gefährlich als die Verbrennungsprodukte des Tabakrauchs. Gegner weisen darauf hin, dass die Nikotinsucht nicht besiegt wird und die langfristigen Risiken der E-Zigaretten noch nicht bekannt seien.

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Beide Seiten dürften sich durch die Ergebnisse der randomisierten Studie bestätigt fühlen, die das britische National Institute for Health Research und die Stiftung Cancer Research UK an drei Zentren in London und Umgebung durchgeführt haben.

Insgesamt 886 Raucher, die sich mit der Motivation zur Abstinenz an eine der Rauchstoppkliniken („stop smoking services“) des Nationalen Gesundheitsdienstes gewandt hatten, wurden auf 2 Gruppen verteilt. Eine Gruppe erhielt nach einer persönlichen Beratung ein Starterpaket mit E-Zigarette und einem ersten Liquid (18 mg Nikotin). Später sollten sie sich weitere Liquids nach dem Geschmack ihrer Wahl im Laden auf eigene Kosten besorgen.

Den Teilnehmern der zweiten Gruppe wurde nach derselben persönlichen Beratung eine konventionelle Nikotinersatztherapie angeboten, wobei die Teilnehmer frei zwischen den verschiedenen Applikationsformen (Pflaster, Kaugummi, Lutschtablette, Nasenspray, Inhalator, Mundstreifen und Mikrotabs) wählen konnten. Sie wurden zudem ermutigt, verschiedene Kombinationen auszuprobieren. Die Nikotinersatz­produkte wurden für die ersten 3 Monate kostenlos zur Verfügung gestellt.

Alle Teilnehmer wurden gebeten, über mindestens 4 Wochen an wöchentlichen unterstützenden Therapiesitzungen teilzunehmen.

Die Teilnehmer waren im Durchschnitt 41 Jahre alt und hatten zuvor im Durchschnitt 15 Zigaretten am Tag geraucht. Im Fagerströmtest zur Zigarettenabhängigkeit erzielten sie im Durchschnitt 4,6 Punkte, was eine mittlere Abhängigkeit kennzeichnet. Der Score reicht von 0 (geringe Abhängigkeit) bis 10 Punkte (sehr starke Abhängigkeit).

Primärer Endpunkt der Studie war die Tabakabstinenz nach Angaben der Teilnehmer nach 52 Wochen, die durch Atemtest (weniger als 8 ppm Kohlenmonoxid) überprüft wurde.

Dieses Ziel erreichten mit E-Zigaretten 79 von 438 Teilnehmer (18,0 %) gegenüber nur 44 von 446 Teilnehmer (9,9 %), denen Nikotinersatzprodukte verordnet worden waren. Peter Hajek von der Queen Mary University of London und Mitarbeiter ermitteln ein „relatives Risiko“ für eine erfolgreiche Abstinenz von 1,83, das mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 1,30 bis 2,58 statistisch signifikant war. Die Differenz von 8,1 Prozentpunkten ergibt eine Number Needed to Treat von 12 (8 bis 27) Personen, was eine hohe praktische Relevanz des Studienergebnisses anzeigt.

Nikotinsucht nicht überwunden

Hinsichtlich der Nikotinabstinenz sehen die Ergebnisse anders aus: Von den 79 Teilnehmern der E-Zigaretten-Gruppe, die es geschafft hatten, auf Tabakzigaretten zu verzichten, waren 63 (80 %) nach einem Jahr noch regelmäßige Konsumenten von E-Zigaretten. Von den Teilnehmern, die Nikotinersatzprodukte erhalten hatten, setzten nur noch 4 der 44 (9 %) weiterhin Nikotinersatzprodukte ein. Dies bedeutet (nach Berechnungen des Berichterstatters), dass 40 von 446 Teilnehmer (9 %) mit den Nikotinersatzprodukten ihre Nikotinsucht (zumindest vorerst) überwunden hatten gegenüber nur 16 von 438 Teilnehmer in der E-Zigaretten-Gruppe (3,7 %).

Auch in der Verträglichkeit unterschieden sich E-Zigaretten von Nikotinersatz­produkten. In der E-Zigaretten-Gruppe kam es häufiger zu Hals- oder Mundreizungen (65,3 versus 51,2 % in der Nikotinersatzgruppe). In der Nikotinersatzgruppe klagten die Teilnehmer öfter über Übelkeit (37,9 versus 31,3 %).

Die Konsumenten der E-Zigaretten berichteten nach einem Jahr seltener über Husten (30,8 versus 39,8 % in der Nikotinersatzgruppe) oder über eine vermehrte Schleimproduktion (25,1 versus 36,9 %).

E-Zigaretten und Nikotinersatzprodukte wurden von beiden Gruppen als weniger befriedigend empfunden als die Tabakzigaretten. Die Teilnehmer der E-Zigaretten-Gruppe waren jedoch insgesamt zufriedener mit dem Ersatzprodukt. Der Umstieg auf die E-Zigaretten führte in den ersten Wochen auch seltener zu einem Anstieg von Reizbarkeit, Unruhe oder Konzentrationsstörungen.

Uneinigkeit in der Bewertung der Studie

Die Ergebnisse der Studie werden in Deutschland unterschiedlich bewertet. Für Heino Stöver, geschäftsführender Direktor des Instituts für Suchtforschung Frankfurt, belegt die Studie zum ersten Mal, dass die E-Zigarette einen wesentlichen Beitrag zum Rauchstopp leistet. Angesichts von etwa 85.000 tabakbedingten Krebsfällen pro Jahr in Deutschland, was etwa 19 % aller Krebsfälle entspreche, sollten alle verfügbaren Rauchstoppmethoden eingehend geprüft werden: „Wir sollten nicht vorschnell Methoden aus dem ohnehin nicht prall gefüllten Köcher der Rauchstopp-Methoden werfen“, meint Stöver, der beklagt, dass es in Deutschland noch immer zu viele Raucher gibt. Derzeit sind es 7,1 Millionen Frauen und 9,2 Millionen Männer. In einer Rangliste von 195 Ländern belegt Deutschland noch immer Platz 9.

Hierzulande lässt man Rauchern kaum Unterstützung beim Rauchstopp zuteil kommen. Ute Mons, Deutsches Krebsforschungs­zentrum

In England, wo die Rauchprävalenz der erwachsenen Bevölkerung nur halb so hoch ist wie in Deutschland, sei das Potenzial der E-Zigarette zur Tabakentwöhnung frühzeitig erkannt worden, meint Privatdozentin Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungs­zentrum in Heidelberg. Die Leiterin der Stabsstelle Krebsprävention lobt die dortigen Rauchstoppkliniken, die sich das deutsche Gesundheitssystem zum Vorbild nehmen könnte. „Hierzulande lässt man Rauchern kaum Unterstützung beim Rauchstopp zuteil kommen“, beklagt Mons. Insofern wären nach Ansicht der Expertin weitere Studien aus Deutschland wünschenswert, um zu ermitteln, wie E-Zigaretten in der deutschen Entwöhnungspraxis sinnvoll eingesetzt werden könnten.

Sven Schneider, Leiter der Forschungsabteilung Kindergesundheit am Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin, überzeugen die Ergebnisse der Studie dagegen nicht. Die intensive therapeutische Betreuung, die die Teilnehmer im Rahmen der wöchentlichen Besuche bei den Studienärzten erhalten haben, sei „wenig realitätsnah“.

Wandel vom „Tabakmarkt“ zum „Nikotinmarkt“

Die eingesetzten Liquids sind nach Ansicht des Experten zu hoch dosiert und die Ergebnisse würden zeigen, dass die Teilnehmer ihre Nikotinsucht nicht besiegt haben. Schneider ist besorgt, dass über die E-Zigarette auch immer mehr Nichtraucher den Einstieg in den gefährlichen Nikotinkonsum finden. „In unsere Lungen gehört nichts anderes als saubere frische Luft“, fordert Schneider. Er hält es für sympto­matisch, dass sich mittlerweile die weitaus meisten E-Zigaretten-Firmen im Besitz der Tabakindustrie befinden. Diese sei derzeit dabei, den „Tabakmarkt“ in einen „Nikotinmarkt“ zu verwandeln. © rme/aerzteblatt.de

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