NewsMedizinKnochen- und Gelenkinfektionen: Orale und intravenöse Antibiotika in Studie gleich gut wirksam
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Knochen- und Gelenkinfektionen: Orale und intravenöse Antibiotika in Studie gleich gut wirksam

Montag, 4. Februar 2019

/WavebreakmediaMicro, stockadobecom

Oxford – Die Behandlung von Knochen- und Gelenkinfektionen, die häufig langwierig ist, kann auch mit oralen Antibiotika durchgeführt werden. Dies zeigen die Ergebnisse einer randomisierten Vergleichsstudie im New England Journal of Medicine (2019; 380 425-436).

Die Behandlung von komplexen Infektionen in Knochen oder Gelenken erfordert auch nach einer chirurgischen Beseitigung des Infektionsherds in der Regel eine längere Antibiotikatherapie. Die intravenöse Applikation wird bevorzugt, obwohl sie bei der langen Dauer der Behandlung mit Risiken und höheren Kosten verbunden ist und für den Patienten häufig beschwerlich ist. Die Vorteile der intravenösen Behandlung der Osteomyelitis wurden vor einiger Zeit durch eine Cochraneanalyse infrage gestellt. Dies veranlasste das britische National Institute for Health Research zu einer größeren Vergleichsstudie.

Anzeige

An der OVIVA-Studie („Oral versus Intravenous Antibiotics for Bone and Joint Infection“) nahmen an 26 Zentren insgesamt 1.054 Patienten teil, bei denen eine Knochen- oder Gelenkinfektion diagnostiziert wurde, die nach Einschätzung der behandelnden Ärzte eine längere Antibiotikabehandlung erforderlich machte.

Die meisten Infektionen (60 %) waren bei Patienten mit Implantaten aufgetreten. Die häufigsten Erreger waren, soweit nachgewiesen, Staphylococcus aureus (37,7 %), Koagulase-negative Staphylococcus (27,1 %) und Streptococcus-Arten (14,5 %).

Die Patienten wurden zu gleichen Teilen auf eine orale oder intravenöse Antibiotika­behandlung randomisiert. Der primäre Endpunkt war ein endgültiges Behandlungs­versagen (definiert als das Vorhandensein mindestens eines klinischen, mikrobiolo­gischen oder histologischen Kriteriums) innerhalb eines Jahres nach der Randomisie­rung. Die Non-Inferioritätsschwelle wurde bei 7,5 Prozentpunkten festgelegt. 

Wie das Team um Matthew Scarborough vom John Radcliffe Hospital in Oxford berichtet, kam es in der intravenösen Gruppe bei 74 von 506 Teilnehmern (14,6 %) und in der oralen Gruppe bei 67 von 509 Teilnehmern (13,2 %) zum Therapieversagen. Der leichte Vorteil der oralen Therapie von 1,4 Prozentpunkten blieb sowohl im 90-%-Konfidenzintervall (-4,9 bis 2,2 Prozentpunkte) als auch im 95-%-Konfidenzintervall (-5,6 bis 2,9) unterhalb der Non-Inferioritätsschwelle. Damit ist es unwahrscheinlich, dass ein Vorteil der intravenösen Therapie übersehen wurde.

Die Nebenwirkungsrate unterschied sich zwischen den beiden Gruppen nicht signi­fikant (27,7 % in der intravenösen Gruppe und 26,2 % in der oralen Gruppe). Ein Vorteil der oralen Therapie war der kürzere Klinikaufenthalt von 3 Tagen gegenüber 19 Tagen bei intravenöser Therapie. Auch das Risiko von Katheter­komplikationen war geringer (1,0 versus 9,4 %). Ein Anstieg von C.-difficile–Infektionen war unter der oralen Gabe nicht erkennbar (1,0 % versus 1,7 %). Die Einfachheit der oralen Therapie hatte die Ärzte nicht zu einer Verlängerung  der Therapiezeiten bewogen. Die Behandlungsdauer betrug median 71 Tage gegenüber 78 Tagen in der intravenösen Therapiegruppe.

Im Prinzip liefert die Studie gute Argumente für eine orale Therapie. Die intravenöse Antibiotikagabe ist jedoch im medizinischen Denken fest verankert. Es bleibt deshalb abzuwarten, ob es zu neuen Empfehlungen in den Leitlinien kommt. Eine ähnliche Situation besteht bei der Behandlung der Endokarditis, die bisher ebenfalls intravenös erfolgt. Eine Studie (POET) hat kürzlich gezeigt, dass auch in dieser Indikation eine orale Behandlung der intravenösen Behandlung nicht unterlegen ist. Beiden Indikationen ist gemeinsam, dass ein Therapieversagen gravierende Konsequenzen haben kann. © rme/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Montag, 4. Februar 2019, 22:28

Auch wenn das paper

hinter einer Paywall versteckt ist, kann man aus dem Abstract einige Dinge ableiten: Es wurden verglichen 6 Wochen i.v. + 5 Wochen oral (als konventioneller Standard) mit 1 Woche i.v. + 9 Wochen oral (die Gesamtdauer war lt. o.g. Artikel 11 Wochen bzw. 10 Wochen). Eine intravenöse Initialtherapie ist weiterhin Stand der Dinge. Es geht im Kern darum, ob die orale Nachbehandlung eher als bisher begonnen werden darf.

Bei den oralen Antibiotika gibt es einige mit einer brauchbaren Bioverfügbarkeit, z.B. Amoxiclav, orale Erstgenerationscephalosporine und Clindamycin. Dies limitiert den Einsatz oraler Antibiotika auf sensible grampositive Erreger. Auch würde ich bei einer Gelenkinfektion nie das Risiko eingehen, eine orale Langzeittherapie ohne Kontrollen der Blutspiegel durchzuführen. Dieses Drug Monitoring wird für Antibiotika (außer Vancomycin) nur in wenigen hoch spezialisierten Laboratorien durchgeführt. Eine regelmäßige Kontrolle der Entzündungswerte ist aus meiner Sicht ebenfalls erforderlich. Insgesamt scheint sich hier ein Paradigmenwechsel anzudeuten (siehe auch den Link im o.g. Artikel zur Endokarditis). Bevor dies Eingang in die Leitlinien findet, sollte aber auch geklärt sein, welche Erreger für diese orale Therapie geeignet sind und welche organisatorischen Rahmenbedingungen (Kontrolle Entzündungsparameter, Spiegelbestimmungen etc.) erfüllt sein müssen.
Avatar #735550
rp__bt
am Montag, 4. Februar 2019, 17:55

Welche Antibiotika?

Die Antwort auf diese Frage vermisse ich schmerzlich, sowohl in Ihrem Artikel als auch in dem NEJM-Abstract. Sicher gibt es da große Unterschiede und entsprechende Einschränkungen, welche Mittel oral äquipotent gegeben werden können.
LNS

Nachrichten zum Thema

18. Februar 2019
München/Kopenhagen/Campinas – Übertragungsmechanismen von Antibiotikaresistenzen zwischen Bakterien könnten vielfältiger sein, als bisher angenommen. Das zeigen Forscher des Helmholtz-Zentrums
Antibiotikaresistenzen: Ausbreitungsmodelle sollten überprüft werden
13. Februar 2019
Köln – Ärzte sollten vermutete Penicillinallergien bei Patienten möglichst von einem Allergologen abklären lassen. Das empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI). Denn nur die
Viele vermutete Penicillinallergien sind gar keine
8. Februar 2019
King of Prussia/Pennsylvania – Omadacyclin, ein neues Tetrazyklin, das bisherige Resistenzmechanismen vermeidet, hat sich in 2 randomisierten Phase-3-Studien in der Behandlung von ambulant erworbenen
Omadacyclin: Neues Tetrazyklin bei Pneumonien und Hautinfektionen wirksam
29. Januar 2019
Springfield/Massachusetts – Obwohl ein Nutzen von Antibiotika bei akuten Exazerbationen eines Asthma bronchiale nicht belegt ist, werden sie in Notfallambulanzen häufig verordnet. Eine Studie in JAMA
Antibiotika könnten Klinikaufenthalte bei Asthmaexazerbationen verlängern
29. Januar 2019
Kiel – Eine gefährliche Zeckenart aus dem Süden ist zum ersten Mal in Schleswig-Holstein nachgewiesen worden. Eine Pferdebesitzerin aus Bokelholm (Kreis-Rendsburg) sagte dem Schleswig-Holstein-Magazin
Gefährliche Zecke erstmals in Schleswig-Holstein entdeckt
18. Januar 2019
Ann Arbor/Michigan – Jedes zehnte Kind und etwa jeder sechste Erwachsene erhielt in den USA im Jahr 2016 mindestens einmal ein Antibiotikum verordnet, das er gar nicht benötigte. Zu diesem Ergebnis
USA: Ein Drittel aller Antibiotikaverordnungen im ambulanten Bereich unnötig
18. Januar 2019
Richmond/Virginia – Wenn eine Infektion mit dem Rabiesvirus zu neurologischen Symptomen geführt hat, kommt jede Hilfe zu spät. Eine US-Amerikanerin, die sich bei einer Yogafreizeit in Indien infiziert
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER