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Medizin

Patienten in Japan akzeptieren „Active Surveillance“ bei Schilddrüsenkrebs

Montag, 4. Februar 2019

/Sebastian Kaulitzki, stockadobecom

Hanover/New Hampshire – Eine Spezialklinik in Japan bietet Patienten mit papillärem Mikrokarzinom seit Jahren eine „Active Surveillance“-Strategie an, bei der zunächst auf eine Operation verzichtet wird. Eine Studie in JAMA Otolaryngology – Head & Neck Surgery (2019; doi: 10.1001/jamaoto.2018.4131) zeigt, dass die meisten Patienten diese Strategie begrüßen.

Die „Active Surveillance“ wurde zunächst für Patienten mit Prostatakarzinom entwickelt. Dieser Tumor zeichnet sich durch ein langsames Wachstum aus, und wie beim Schilddrüsenkarzinom sterben die meisten Patienten nicht an ihrem Krebsleiden. Anders als beim Schilddrüsenkarzinom ist die Behandlung jedoch mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität verbunden. Nach einer radikalen Prostatektomie kommt es häufig zu Harninkontinenz und erektiler Dysfunktion. Eine Schilddrüsenoperation hinterlässt bestenfalls eine Narbe am Hals, weshalb eine „Active Surveillance“ derzeit von den meisten Experten abgelehnt wird.

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Ganz so komplikations- und folgenlos ist eine Thyreoidektomie jedoch nicht. Neben dem allgemeinen Narkose- und Operationsrisiko kann es bei einer Verletzung des Nervus recurrens zu Sprachstörungen und eventuell sogar zur Atemnot kommen. Eine Verletzung der Nebenschilddrüse kann einen permanenten Hypoparathyreoidismus verursachen. Viele Patienten klagen nach der Operation über Schluckstörungen. Außerdem wird oft eine lebenslange Substitution der Schilddrüsenhormone erforderlich. Ein weiteres Argument für eine abwartende Haltung ist die starke Zunahme von Überdiagnosen, zu denen es infolge der Verbreitung von Ultraschall­geräten gekommen ist.

Vor diesem Hintergrund werden derzeit die Erfahrungen der Kuma-Klinik im japanischen Kobe diskutiert, die sich auf die Behandlung von Schilddrüsen­erkrankungen spezialisiert hat. Seit 1993 wird Patienten mit papillären Karzinomen mit einem Durchmesser von weniger als 1 cm eine „Active Surveillance“ angeboten. Sie besteht nach Sicherung der Diagnose im wesentlichen aus regelmäßigen Ultraschall­kontrollen.

Frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass es nur bei wenigen Patienten zu einer Vergrößerung der Knoten (8 % nach 10 Jahren) oder zur Metastasenbildung in der Schilddrüse (3,8 % nach 10 Jahren) kommt. Bisher soll kein Patient der Klinik, der sich für eine „Active Surveillance“ entschieden hat, am Schilddrüsenkrebs gestorben sein (World J Surg 2016; 40: 516-522).

Patienten, die sich für eine „Active Surveillance“ entschieden, erlitten seltener transiente Stimmbandlähmungen (4,1 versus 0,6 %) und seltener einen transienten (16,7 versus 2,8 %) oder permanenten Hypoparathyreoidismus (1,6 versus 0,08 %), und es wurde seltener eine Substitution von Schilddrüsen­hormonen (66,1 versus 20,7 %) notwendig (Thyroid 2016; doi: 10.1089/thy.2015.0313).

Bleibt noch der Einwand, dass ein Verzicht auf die sofortige Schilddrüsenentfernung die Patienten der ständigen Angst aussetzt, doch noch am Krebs zu sterben. Eine Befragung, die ein Team um Louise Davies von der Geisel School of Medicine in Hanover/New Hampshire bei 249 Patienten (zu 80 % Frauen) der Kuma-Klinik durchgeführt hat, zeigt nun, dass sich tatsächlich einige Patienten Sorgen machen.

Der Anteil der Patienten, die sich manchmal Sorgen wegen ihrer Krebserkrankung machen, nahm jedoch mit der Zeit von 44 (in den ersten 3 Jahren der „Active Surveillance“) auf 33 (bei einer länger bestehenden „Active Surveillance“) ab. Der Anteil der Frauen, die durch den Krebs in ihrem allgemeinen Lebensgefühl gestört waren, sank auf 29 ab, und am Ende sahen sich nur etwa 10 durch die ständige Ungewissheit in ihrem Alltag beeinträchtigt. Die überwiegende Mehrheit von 83 war jedoch der Ansicht, dass die „Active Surveillance“ für sie persönlich die beste Wahl war. © rme/aerzteblatt.de

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