NewsMedizinKrebs vor 240 Millionen Jahren
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Krebs vor 240 Millionen Jahren

Freitag, 8. Februar 2019

Das Fossil der Ur-Schildkröte Pappochelys wurde 2015 in Vellberg, Baden-Württemberg, von Paläontologen des Naturkundemuseums Stuttgart entdeckt. /SMNS, R. Schoch

Berlin – Ein in Süddeutschland gefundenes Fossil ist der bisher älteste Hinweis auf eine Krebserkrankung in der Natur. Der in JAMA Oncology (2019; doi: 10.1001/jamaoncol.2018.6766) vorgestellte Pappochelys, ein Vorfahr der Schildkröten, war vermutlich an einem Osteosarkom im Oberschenkelknochen erkrankt.

Krebserkrankungen treten meist im hohen Alter auf, und Schildkröten können bekanntlich sehr alt werden. Ob dies auch für Pappochelys rosinae galt, ist nicht bekannt. Paläontologen können zwar das Alter von Fossilien bestimmen, aber nicht unbedingt ihr Lebensalter. Erhalten sind meist nur die Knochen, weshalb auch die Möglichkeiten der Paläopathologie begrenzt sind. Meist finden die Vertreter dieser relativ neuen Disziplin in den Fossilien nur Hinweise auf ein traumatisches Ableben. Hinweise auf andere Erkrankungen sind selten. So war es denn ein Glücksfund, als 2015 im Steinbruch Schumann in Vellberg-Eschenau, Baden-Württemberg, ein Exemplar der Urschildkröte Pappochelys entdeckt wurde.

Auf dem Oberschenkelknochen der Urschildkröte entdeckten die Forscher einen merkwürdigen Auswuchs, den sie zunächst nicht deuten konnten. Anfangs vermuteten sie eine pathologische Knochenheilung. Doch die in der Berliner Charité durchgeführten Aufnahmen mit einer Mikrocomputertomografie zeigten, dass Pappochelys wohl eher an einem bösartigen Tumor des Knochens, einem Osteosarkom erkrankt war, der von der Knochenhaut, dem Periost, seinen Ausgang nahm. Die flächige Ausdehnung spricht laut den jetzt von einem Team um Yara Haridy vom Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung in Berlin vorgestellten Befunden gegen eine Exostose, eine gutartige Knochenbildung, im Volksmund auch „Überbein“ genannt.

Die spitzen Auswüchse des Knochengewebes auf der Außenseite schließen nach Einschätzung der Paläo­pathologen ein gutartiges Osteom oder ein ossifizie­rendes Fibrom aus. Für ein Osteosarkom sprächen die fehlende Beteiligung des Knochenmarks und die Abwesenheit großer blasen­förmiger lytischer Läsionen. Da andere Teile des Kno­chens frei von Veränderun­gen sind, kommt eine Stoffwechselerkrankung nicht als Ursache infrage. Auch die faltige, gepockte äußere Textur der Masse deutet nach Ansicht der Forscher auf ein Osteosarkom hin.

Die Ursache des Krebswachstums konnten die Urzeitforscher natürlich nicht ermitteln. Mitautor und Paläopathologe Bruce Rothschild vom Carnegie Museum in Pittsburgh wagt jedoch die Spekulation, dass „wahrscheinlich eine Genmutation“ Ursache der Krebserkrankung gewesen sei. Vielleicht sei es ja zum Ausfall eines Tumorsuppressor­gens gekommen, die heute beim Menschen eine mögliche Ursache des Krebs­wachstums sind. Klären könnte dies nur eine genetische Untersuchung, die allerdings in den Versteinerungen, die frei von organischem Gewebe sind, nicht mehr möglich ist.

Der Fund zeigt einmal mehr, dass Krebserkrankungen keine Erkrankung der Neuzeit sind. Krebserkrankungen sind nicht allein auf eine mit Schadstoffen belastete ungesunde Umgebung des Menschen zurückzuführen. Die Anfälligkeit für diese Krankheit reicht weit zurück in der evolutionären Geschichte der Wirbeltiere. Krebs ist weitaus älter als die Menschheit. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

14. April 2020
Prag − Experten der Berliner Charité wie der Virologe Christian Drosten sind in der Coronakrise viel gefragt. Doch die Geschichte des ältesten Krankenhauses Berlins ist nicht weniger
Charité-Serie geht in die dritte Staffel
20. Februar 2020
Jerusalem – Ein 36.000 bis 38.000 Jahre alter menschlicher Fußknochen könnte neue Aufschlüsse über die sozialen und medizinischen Fähigkeiten des Homo sapiens in der Urgeschichte geben. Spuren eines
Knochenfund in Israel erhellt prähistorische Krankenpflege
27. Januar 2020
Berlin – Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Jürgen Dusel hat an die vom NS-Regime ermordeten Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen erinnert. Dusel mahnte heute, dass
Gedenken an NS-Morde von Menschen mit Behinderung
15. Januar 2020
Berlin – Vor einer längeren Modernisierung öffnet das Medizinhistorische Museum der Berliner Charité zeitweise kostenlos seine Pforten. Vom 30. Januar bis zum 2. Februar bietet die Einrichtung den
Charité-Museum lädt vor Schließung zu Gratisbesuchen ein
3. Januar 2020
Berlin – Die komplette Rekonstruktion der RNA eines Masernvirus aus einem Lungenpräparat von einem Mädchen, das 1912 an Komplikationen der Infektion gestorben ist, ermöglicht eine neue Abschätzung zur
Masernvirus älter als angenommen
7. Juni 2019
Jena/München – Im Jahr 541 begann im Byzantinischen Reich mit der Justinianischen Pest eine verheerende Seuche, benannt nach dem damals regierenden Kaiser Justinian I. In der Folge suchte die
Wie die „Justinianische Pest“ sich im Frühmittelalter in Europa ausbreitete
22. März 2019
Berlin – Lange Zeit war das Bild des Chirurgen Ferdinand Sauerbruch überwiegend positiv geprägt. Dass hinter der Koryphäe eine ambivalente und streitbare Person liegt, machten erst spätere Forschungen
VG WortLNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER