NewsMedizinSchlaganfall: Intensive Blutdrucksenkung vermindert Blutungsrisiko der Lysetherapie
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Schlaganfall: Intensive Blutdrucksenkung vermindert Blutungsrisiko der Lysetherapie

Dienstag, 12. Februar 2019

/sukiyashi, stock.adobe.com

Peking – Eine aggressive Blutdrucksenkung hat in einer internationalen randomisier­ten Studie zwar die Blutungskomplikationen einer Thrombolyse vermindert. Die erhoffte verbesserte Erholung der Patienten blieb jedoch aus. Die auf der International Stroke Conference in Honolulu vorgestellten und im Lancet (2019; doi: 10.1016/S0140-6736(19)30038-8) vorgestellten Ergebnisse hinterlassen die Experten ratlos.

Bei einem akuten Schlaganfall kommt es häufig zu einem deutlichen Anstieg des Blutdrucks. Die Leitlinien raten derzeit zu einem zurückhaltenden Einsatz von Hypertonika. Zum einen kommt es bei den meisten Patienten innerhalb weniger Tage zu einem spontanen Rückgang des Blutdrucks. Zum anderen wurde befürchtet, dass eine allzu aggressive Blutdrucksenkung die Durchblutung in der Penumbra, der Randregion des Schlaganfalls, gefährden könnte.

Anzeige

Lange Zeit galt ein Blutdruck von bis zu 220 mmHg systolisch als tolerabel. Dies hat sich geändert, seitdem immer mehr Patienten in den ersten Stunden nach dem Schlaganfall eine Lysetherapie erhalten. Die gefährlichste Komplikation dieser Behandlung ist eine Hirnblutung, und es erscheint plausibel, dass die Gefahr mit dem Blutdruck steigt. Die Zielwerte wurden deshalb in den letzten Jahren gesenkt, auch wenn sie in der letzten Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie mit 185/110 mmHg noch recht hoch sind.

Die ENCHANTED-Studie (für: „Enhanced Control of Hypertension and Thrombolysis Stroke“) hat untersucht, ob eine aggressive Blutdrucksenkung das Ausmaß der Behinderungen nach einem Schlaganfall vermindern kann. An der Studie nahmen in 15 Ländern an 110 Zentren insgesamt 2.227 Patienten teil (3 Viertel davon aus Asien). Sie hatten einen ischämischen Schlaganfall erlitten und waren für eine Lysetherapie vorgesehen. Dabei wurden 2 unterschiedliche Dosierungen des Plasminogenaktivators rtPA verglichen. Die Ergebnisse zu diesem Aspekt der Studie wurden bereits vor 2 Jahren veröffentlicht.

Die Patienten wurden einer intensiven Blutdrucksenkung und einer leitliniengemäßen Therapie zugeteilt. Die intensive  Blutdrucksenkung sollte innerhalb einer Stunde einen systolischen Blutdruck von 130 bis 140 mmHg erreichen. In der zweiten Gruppe wurde kein Zielwert vorgegeben. Zu den Einschlusskriterien gehörte aber, dass der systolische Blutdruck nicht auf über 185 mmHg angestiegen sein durfte.

Am Ende waren die Blutdruckunterschiede zwischen den beiden Gruppen nicht groß. In der Interventionsgruppe wurde in den ersten 24 Stunden ein mittlerer systolischer Blutdruck von 144,3 mmHg erreicht, in der Kontrollgruppe waren es 149,8 mmHg.

Dies ließ keine großen Unterschiede im klinischen Ausgang des Schlaganfalls vermuten, und die Ergebnisse, die Craig Anderson vom George Institute China, Peking, zum primären Endpunkt der Studie vorstellte, bestätigen dies: In der Interventions­gruppe erreichten 53,5 % der Patienten einen Wert von 0 (keine Symptome) oder 1 (keine relevanten Beeinträchtigungen) auf der modifizierten Rankinskala. In der Kontrollgruppe waren es mit 52,0 nur unwesentlich weniger. Die Odds Ratio von 1,01 für eine bessere funktionelle Funktion war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,87 bis 1,17 nicht signifikant.

Die Empfehlung für eine intensivere Blutdrucksenkung lässt sich aus den Ergebnissen kaum ableiten. Oder doch? Bei den Blutungsrisiken, einem wichtigen sekundären Endpunkt, war laut Anderson ein Vorteil für die intensive Blutdrucksenkung erkennbar. In dieser Gruppe kam es bei 160 von 1.081 Patienten (14,8 %) zu intrakraniellen Blutungen gegenüber 209 von 1.115 Patienten (18,7 %) in der Vergleichsgruppe. Anderson ermittelt eine Odds Ratio von 0,75, also einen relativen Rückgang um 25 %. Die Odds Ratio war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,60 bis 0,94 statistisch signifikant.

Noch deutlicher war der Unterschied bei den schweren intrakraniellen Blutungen. Sie traten unter der intensiven Blutdrucksenkung bei 59 Patienten (5,5 %) auf gegenüber 100 Patienten (9,0 %) in der Kontrollgruppe. Dies ergab eine Odds Ratio von 0,59 (0,42-0,82). Die intensive Blutdrucksenkung führte also zu 41 seltener zu schweren intrakraniellen Blutungen.

Die Experten werden sich jetzt mit der Frage beschäftigen, warum die Behandlung die funktionellen Ergebnisse nicht verbesserte, obwohl die Zahl der Blutungs­komplika­tionen deutlich zurückging. © rme/aerzteblatt.de

Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

21. Januar 2019
Mannheim – Die Häufigkeit von Subarachnoidalblutungen ist in den meisten reicheren Ländern seit den 1960er-Jahren deutlich zurückgegangen, was eine Metaanalyse in JAMA Neurology (2019; doi:
Schlaganfall: Subarachnoidalblutungen werden weltweit seltener
18. Januar 2019
Jena – Nach einem Schlaganfall bilden sich im Hippocampus schnell neue Nervenzellen aus Vorläuferzellen. Ihre Verknüpfung ist allerdings oft fehlerhaft. Das berichten Neurologen des
Zellregeneration nach Schlaganfall
17. Januar 2019
Berlin/Stanford/New Delhi – In den ersten 24 Stunden nach einer transitorisch ischämischen Attacke (TIA) oder einem leichten ischämischen Schlaganfall soll künftig statt Aspirin eine
Neue Praxisempfehlung: Duale Plättchenhemmung nach transitorisch ischämischer Attacke
28. Dezember 2018
New York – Eine Krebserkrankung kann sich bei älteren Menschen durch einen Herzinfarkt oder Schlaganfall ankündigen. Das zeigt eine Fall-Kontroll-Studie in Blood (2018; doi:
Herzinfarkt und Schlaganfall können auf Krebserkrankung hinweisen
20. Dezember 2018
Seattle – Jeder vierte Erwachsene erleidet im Verlauf seines Lebens einen Schlaganfall. Dies ergab eine weltweite Analyse der Global Burden of Disease Study im New England Journal of Medicine (2018;
Schlaganfälle in Zentral-/Osteuropa und Ostasien am häufigsten
4. Dezember 2018
Magdeburg – Die IKK gesund plus übernimmt künftig für Aphasiepatienten die Kosten für eine neue digitale Unterstützung. Mit einer durch das Unternehmen Neolexon entwickelten App für Logopädie können
IKK gesund plus setzt auf Sprachtherapie-App für Aphasie-Patienten
3. Dezember 2018
Dresden – Das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden bietet Schlaganfallpatienten und deren Angehörigen ein neues Beratungsangebot zu sozialrechtlichen und psychosozialen Fragen. Dabei handelt
VG WortLNS
Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

Anzeige
NEWSLETTER