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Deutsche Diabetes-Gesell­schaft sagt Teilnahme am Begleitgremium zur Reduktionsstrategie ab

Dienstag, 12. Februar 2019

Einkaufswagen im Supermarkt /gui yong nian, stockadobecom
Die im Dezember vom Bundeskabinett verabschiedete Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie soll einen Beitrag zur Minderung von Übergewicht und ernährungsmitbedingten Krankheiten, wie Altersdiabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen, leisten. /gui yong nian, stockadobecom

Berlin – Bei der heutigen Auftaktsitzung des Begleitgremiums für die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) stellte die Lebensmittelwirtschaft branchenbezogene Prozess- und Zielvereinbarungen vor. Nicht mit dabei war die Deutsche Diabetes-Gesellschaft (DDG). Die Fachgesellschaft erklärte im Vorfeld, das Gremium sei praktisch wirkungslos. Wissenschaftliche Erkenntnisse würden in den konkreten Reduktionszielen kaum berücksichtigt.

Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, Julia Klöckner, will, dass die Nahrungsmittelbranche schrittweise weniger Zucker, Salz und Fett in Fertigprodukte wie Tiefkühlpizza oder Müsli packt. Dabei soll sich die Branche freiwillig auf Reduktionsziele verpflichten – Kritiker fordern dagegen verbindliche Vorgaben. Ein Begleitgremium soll den Prozess im Auge behalten.

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Konkrete Zielwerte noch nicht veröffentlicht

Für die heutige Auftaktsitzung hatte die Lebensmittelwirtschaft angekündigt, konkrete Zielvereinbarungen für Produkte vorzustellen. Bisher waren Zielwerte nur für Frühstücks­­cerealien für Kinder (mindestens 20 Prozent weniger Zucker) und Erfrischungsgetränke (mindestens 15 Prozent Zucker) bekannt. Auf Nachfrage teilt das BMEL mit, dass die vorgestellten Zielwerte der Branchen nur mündlich verkündet wurden und erst in den kommenden Tagen veröffentlicht würden (Deutsches Tiefkühlinstitut). Einzig der Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH) hätte die heute vorgestellte Strategie bereits veröffentlicht. Darin werden Reduktionserfolge von Aldi, Edeka, Kaufland, Lidl und Rewe aus den vergangenen Jahren beziffert. Beim Ausblick fehlen jedoch konkrete Zielwerte. Es wird auf die eigenständige Festlegung der beteiligten Unternehmen verwiesen.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), der ebenfalls in dem Gremium sitzt, mahnte Transparenz an – in dem Gremium sowie auch nach außen, damit „alle Verbraucher mitgenommen werden“ könnten. Wichtig bei der Umsetzung der Strategie seien zudem verbindliche, mittel- bis langfristige Reduktionsziele für konkrete Produktgruppen.

Die Bundesregierung erwartet, dass es bis zum Jahr 2025 in der Lebensmittelbranche zu einer zweistelligen prozentualen Reduktion des Zuckergehaltes kommt. Der Fortschritt hierbei wird in dem bis spätestens 2020 zu erstellenden Bericht geprüft und bewertet.

In seiner jetzigen Form hat die Wissenschaft in dem Gremium praktisch keinen Einfluss auf die Formulierung konkreter Reduktionsziele. Dirk Müller-Wieland, DDG

Diabetologen kritisieren deutschen Sonderweg

Die DDG sagte eine Teilnahme am Begleitgremium zur Nationalen Reduktionsstrategie für Zucker, Fett und Salz bereits im Vorfeld ab. „In seiner jetzigen Form hat die Wissenschaft in dem Gremium praktisch keinen Einfluss auf die Formulierung konkreter Reduktionsziele“, sagt DDG-Präsident Dirk Müller-Wieland, „bisher bleiben diese weit hinter dem zurück, was aus wissenschaftlicher Sicht notwendig wäre, um den Anstieg von Übergewicht und Diabetes in Deutschland zu stoppen.“ Der deutsche Sonderweg, eine Reduktion nur freiwillig und im Konsens mit der Industrie zu erreichen, muss bereits jetzt als gescheitert angesehen werden.

Die DDG ist aber weiterhin zu einem konstruktiven Dialog mit dem Ernährungs­ministerium bereit, beispielsweise über eine für alle Bevölkerungsgruppen verständliche Lebensmittelkennzeichnung oder den Schutz von Kindern vor Werbung für ungesunde Produkte. „Wir erwarten, dass hier der Schutz der Gesundheit Vorrang hat vor den wirtschaftlichen Interessen der Lebensmittelindustrie“, sagt DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer. „Wenn Frau Klöckner wirklich die gesunde Wahl zur leichten Wahl machen möchte, muss sie auch die entsprechenden Maßnahmen umsetzen.“

Klöckner bedauerte die Absage der DDG. Wer nicht mitmache, nehme sich die Möglichkeit, sich konstruktiv einzubringen, sagte sie. Aus ihrem Ministerium hieß es, der Prozess werde „auch weiterhin mit einem engen wissenschaftlich fundierten Monitoring begleitet“ und sei transparent und überprüfbar. Die externe Beteiligung sei „ausdrücklich erwünscht“, der DDG stünden die Türen weiter offen.

Nach Absage der DDG verbleiben wenige Nichtindustrievertreter in Klöckners Expertengremium, unter anderem die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und der vzbv. © gie/dpa/afp/aerzteblatt.de

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