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Politik

Diskussion um Schadstoffe geht noch lange nicht die Luft aus

Donnerstag, 14. Februar 2019

/dpa

Mannheim/Berlin – Das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL) hat sich in die aktuelle Diskussion zum Gesundheitsrisiko von Luftschadstoffen eingeschaltet. Dem DZL lägen derzeit keinerlei belastbare neue Erkenntnisse vor, die dazu Anlass geben würden, den von der WHO festgelegten Richtwert für Stickstoffdioxid von 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft gegenwärtig nach oben zu korrigieren, hieß es dazu auf der DZL-Jahrestagung in Mannheim.

Laut DZL orientiert sich der in Deutschland geltende Grenzwert an den Richtwert­empfehlungen der WHO, berücksichtigt aber auch zusätzliche Faktoren wie etwa die technische Realisierbarkeit. Es sei eine politische Entscheidung, welche Maßnahmen in welchem Umfang und in welcher zeitlichen Abfolge ergriffen würden, um regionalen Überschreitungen der Grenzwerte zu begegnen. „Selbstverständlich muss hierbei die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Auge behalten werden“, sagten die Lungenforscher.

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Sie stellten zudem fest, dass in der gegenwärtigen Stickoxiddiskussion wissenschafts­populistische Aussagen eine rasante mediale Aufwertung erfuhren hätten. Das „klassische“ Reaktionsmuster der Wissenschaft, Bevölkerung und Entscheidungsträgern, wohlüberlegte und ausgewogene Stellungnahmen in ausgesuchten Publikations­organen anzubieten, sei demgegenüber vollkommen ins Hintertreffen geraten. „Es wird zu überlegen sein, wie die betroffenen Wissenschaftsorganisationen diesem Phänomen in Zukunft besser vorbereitet begegnen können, da politische Entscheidungen auf dem Boden solider wissenschaftlicher Erkenntnisse getroffen werden sollten“, verwiesen die Lungenspezialisten.

Darüber hinaus ist heute bekannt geworden, dass die Stellungnahme einiger Lungenfachärzte zu Gesundheitsrisiken durch Luftschadstoffe mehrere Zahlen- und Rechenfehler enthält. Die Berliner Tageszeitung taz vom Donnerstag hat berichtet, dass die Initiatoren der Stellungnahme Fehler eingeräumt haben. Demnach seien die Lungenärzte beim Vergleich mit der Schadstoffbelastung durch Rauchen von falschen Ausgangswerten ausgegangen, außerdem seien Umrechnungen fehlerhaft.

Dieter Köhler, Initiator und Wortführer der Kritik, reagierte mit einer Ergänzung zu der Stellungnahme, die einige der vorgeworfenen Fehler berichtigt. „Insgesamt ändern diese kleinen Korrekturen natürlich nichts an der Gesamtaussage, dass die sogenannten Hunderttausenden von Toten durch Feinstaub und NO2 sowie die daraus verursachten Krankheiten in Europa nicht plausibel sind“, teilte Köhler mit.

In der vor gut drei Wochen veröffentlichten Stellungnahme hatten rund 130 Lungenärzte um Köhler behauptet, die geltenden Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub seien wissenschaftlich nicht hinreichend begründet. Obwohl nur ein Bruchteil der insgesamt 3.800 angefragten Fachleute das Papier unterzeichnet hatte, löste die Stellungnahme eine breite öffentliche Debatte aus. Während Bundesverkehrs­minister Andreas Scheuer (CSU) die Initiative begrüßte und eine „ganzheitliche Sichtweise“ anmahnte, wiesen das Bundesumweltministerium und die Grünen die Kritik der Lungenärzte zurück.

Auch von Fachkollegen ernteten die Lungenärzte Widerspruch: So betonten pneumo­logische Fachgesellschaften und Berufsverbände, die Gefährlichkeit von Luftschad­stoffen wie Stickoxiden für die Gesundheit sei grundsätzlich gut belegt, die Grenzwerte begründet. © hil/sb/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 18. Februar 2019, 12:06

Luftschadstoff-Diskussion 2.0

Auch die Stellungnahme des Deutschen Zentrums für Lungenforschung (DZL), eines der sechs Deutschen Zentren der Gesundheitsforschung, zu den Gesundheitsrisiken von Luftschadstoffen ist ebenso entlarvend wie die "Schnellschuss"-Expertise von ISEE und ERS:
Nach wie vor kann und will niemand erklären, warum ausgerechnet Diesel-betriebene Fahrzeuge und diese auch noch völlig unabhängig von Größe, Leistung, Verbrauch, Nutzungs-Dauer und -Einsatz, ob LKW, Bus, PKW, Großraum-Limousine oder Nutzfahrzeug, bzw. die Automobilität insgesamt im individuellen Straßenverkehr für bestimmte Emissionen und Immissionen allein verantwortlich gemacht werden sollen.

Deutsches Zentrum für Lungenforschung (DZL)
Auch das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL) beschreibt 8 sogenannte "Fakten", nachdem eine Gruppe von rund 100 Pneumologen die Diskussion um Sinn und Unsinn der aktuellen Grenzwerte für Luftschadstoffe eröffnet hatte. Vor dem Hintergrund der anstehenden DZL-Jahrestagung in Mannheim wurden durch die Ärzte-Zeitung diese 8 Fakten umschrieben.
https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/atemwegskrankheiten/article/981430/gesundheitsrisiken-weitere-lungenforscher-nehmen-stellung-luftschadstoffen.html

Meine Kritik an den 8 Fakten der DZL
Zu 1. und 2. von 8 DZL-Fakten, die es zu relativieren gilt: Gerade weil ein international durchaus volatiler Grenzwert von 40 Mikrogramm Stickstoffdioxid je Kubikmeter Luft am Rand viel befahrener Straßen vor allem auf epidemiologischen Schätzwerten beruht und nicht auf vergleichenden Studien über die Morbiditäts- und Mortalitäts-Last von hoch oder niedrig belasteten Populationen basiert, bzw. zugleich keine weiteren Umweltverträglichkeits-Prüfungen anderer Emittenten erfolgten, sind die propagierten Erkenntnisse invalide.
Zu 2. Selbstverständlich wurden immer wieder Populationen über Jahre und Jahrzehnte hinweg bei technisch bedingten oder "natürlichen" Umwelt-Katastrophen „kontrollierten Versuchen“ mit Schadstoffexpositionen ausgesetzt. Doch die epidemiologische Forschung hat auch dann eher ungenau theoretisierend-spekulativ statt exakt empirisch-deskriptiv gearbeitet. Die Erkenntnis, wie gesundheitsschädigend und tumorinduzierend das Rauchen ist, stammt aus prospektiven kontrollierten Studien ("doppelblindes" Rauchen geht nicht), vergleichenden longitudinalen Lifestyle-Beobachtungen und Tierversuchen.
Zu 3. Dass "Belastung mit Luftschadstoffen eine Gesundheitsgefährdung für die Bevölkerung darstelle – nicht nur hinsichtlich Atemwegs- und Lungenerkrankungen, sondern auch im Hinblick auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen", ist ein Pseudoargument. Es wird weltweit von keinem einzigen Wissenschaftler ernsthaft bestritten.
Zu 4. Es gibt in der Tat "keine Methode, die es einem Arzt ermögliche, an einem lungenerkrankten Patienten festzustellen, inwieweit Komponenten der Luftverschmutzung zu der Erkrankung beigetragen haben." Deshalb sind rein epidemiologische Morbiditäts-, Mortalitäts- und QUALY("quality of life")-Statistiken hochspekulativ. Sie berücksichtigen auch nicht die mögliche Effizienz und Effektivität morbiditätsbezogener medizinisch-therapeutischer und/oder pharmakologischer Interventionen.
Zu 5. WHO-nahe internationale Gremien sind mit äußerster Vorsicht zu genießen: Frühere Fehleinschätzungen zu AIDS/HIV, Ebola, "Vogel"- und "Schweine-Grippe", moderatem Alkohol- und "rotem" Fleisch-Genuss oder weltweit verbreiteten Kochstellen mit offenem Feuer ohne Rauchabzug mögen dies exemplarisch belegen.
Zu 6. "Der aktuelle Richtwert für Stickstoffdioxid von 40 Mikrogramm je Kubikmeter Luft müsse auch für besonders empfindliche Menschen (u. a. Kinder, ältere Menschen, Patienten mit Lungen- und Herzerkrankungen) im Bereich des Zumutbaren liegen, da sich der Einatmung der Umgebungsluft – 24 Stunden pro Tag – niemand entziehen könne" unterstellt, dass sich diese Betroffenen permanent am Straßenrand viel befahrener Straßen aufhalten. Wenn diese sich allerdings dauerhaft in Raucherwohnungen bei Kerzenlicht und Kaminheizungen befinden, besteht ein um Zehnerpotenzen höheres Gefährdungspotenzial.
Die "Fakten" 7. und 8. belegen m. E. eher die Durchdringung mehrheitlich gesellschaftspolitisch begründeter Verhaltensempfehlungen im wissenschaftlichen Diskurs und führen, konsequent weiter gedacht, zu ordnungspolitisch begründeten "Denkverboten".

Mit freundlichen und kollegialen Grüßen, Dr. med. Thomas G. Schätzler, Facharzt für Allgemeinmedizin in Dortmund
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Freitag, 15. Februar 2019, 11:41

"Belastbare neue Erkenntnisse" liegen vor!

In Form einer "Schnellschuss"-Expertise von ISEE und ERS, die sich selbst entlarvt:

Denn nach wie vor kann niemand erklären, warum ausgerechnet Diesel-betriebene Fahrzeuge und diese auch noch völlig unabhängig von Größe, Leistung, Verbrauch, Nutzungs-Dauer und -Einsatz, LKW, Bus, PKW, Großraum-Limousine oder Nutzfahrzeug bzw. Automobile insgesamt im individuellen Straßenverkehr für bestimmte Emissionen und Immissionen allein verantwortlich gemacht werden sollen.

„Die Rolle der Luftschadstoffe für die Gesundheit“ -
"Eine Expertise im Namen der Internationalen Gesellschaft für Umweltepidemiologie (ISEE) und der European Respiratory Society (ERS)"
http://www.isee-europe.com/uploads/1/1/7/1/117162855/rolle_der_luftschadstoffe_f%C3%BCr_die_geundheit_expertise_isee_ers_final.pdf
unterschlägt derartige Differenzierungen und entwertet ihre pseudologischen Argumentationen selbst:

Mit „Feinstaub sind Partikel kleiner als 10 Mikrometer, die vielfältige Quellen haben. Feinstaub wird durch Kraftfahrzeuge, Kraft- und Fernheizwerke, Öfen und Heizungen in Wohnhäusern, sowie Industrieanlagen erzeugt, die unmittelbar Partikel freisetzen. Zusätzlich stoßen diese Quellen auch die gasförmigen Vorläuferschadstoffe Schwefeldioxid und Stickoxide aus und Ammoniakemissionen der Landwirtschaft tragen ebenfalls zur Bildung von Feinstaub in der Atmosphäre und damit zur Belastung bei. Feinstaub hat auch einen natürlichen Ursprung, beispielsweise als Folge von Bodenerosion oder Freisetzung von Partikeln durch Pflanzen und Mikroorganismen“ wird deutlich, dass Kraftfahrzeuge nur einen Bruchteil der Emittenten ausmachen können.

Auch das eingangs erwähnte „Ozon entsteht in Bodennähe bei intensiver Sonneneinstrahlung durch photochemische Prozesse aus Vorläuferschadstoffen – überwiegend Stickstoffoxiden und flüchtigen organischen Verbindungen“ ist damit offensichtlich eher ein „Schönwetterphänomen“?

Ebenfalls in der Einleitung wird berichtet: „Stickstoffoxide (Stickstoffmonoxid und Stickstoffdioxid) entstehen bei Verbrennungsprozessen. Die Hauptquellen von Stickstoffoxiden sind Verbrennungsmotoren und Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. In Ballungsgebieten ist der Straßenverkehr die bedeutendste Quelle. Stickoxide sind wichtige Vorläufer von Ozon und tragen zur Bildung von Feinstaub bei.“

Wenn allein „der Straßenverkehr die bedeutendste Quelle“ in Ballungsgebieten sein solle, unterstellt dies dortselbst paradoxerweise die geballte Abwesenheit von Feuerungsanlagen für Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle. Das ist aber nicht der Fall; bzw. in Höhe der Abluftöffnungen für derartige Feuerungsanlagen befinden sich auch keine Messstationen.

Die Fragestellungen:
- „Wie wirken die Luftschadstoffe Feinstaub, Ozon und Stickstoffdioxid auf die Lunge?“
- „Wie werden die Wirkungen der Luftschadstoffe in wissenschaftlichen Studien untersucht?“
- „Welche Krankheiten werden durch die Luftschadstoffe verursacht?“
- „Sind die Wirkungen der Luftschadstoffe unabhängig voneinander?“
waren nicht wirklich Gegenstand der kritischen Stellungnahme von Dieter Köhler et al.
https://www.lungenaerzte-im-netz.de/fileadmin/pdf/Stellungnahme__NOx_und__Feinstaub.pdf

- „Wie werden die Empfehlungen für Richtwerte abgeleitet?“
- „Wie werden aus Empfehlungen Grenzwerte?“
belegen m. E. eindeutig ordnungspolitische Vorgaben: In dem systematisch und gezielt bestimmte Emittenten ausgeblendet werden, deren Umweltverträglichkeit nicht mal im Ansatz geprüft und kontrolliert werden, um sich ausschließlich auf spezielle Emittenten aus dem Straßenverkehr zu fokussieren.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM

Glossar
Emission ist der Ausstoß von gasförmigen oder festen Stoffen, die Luft, Boden oder Wasser verunreinigen. Verursacher von Emissionen sind sogenannte Emittenten (die Sender). Damit sind in der Regel die technischen Anlagen gemeint, die die verunreinigenden Stoffe an die Außenwelt abgeben. Dazu gehören Industriebetriebe, Kraftwerke, Autos und auch Heizungsanlagen. Durch gesetzliche Maßnahmen ist für viele Anlagen und Einrichtungen die Höhe der zulässigen Emissionsraten festgelegt.

Immission ist die Einwirkung von Verunreinigungen der Luft, des Bodens und des Wassers auf lebende Organismen oder Gegenstände wie beispielsweise Gebäude oder Menschen (die Empfänger). Durch gesetzlich festgelegte Höchstwerte ist für viele Stoffe die zulässige Immissionskonzentration festgelegt.

Auch nicht-stoffliche Belastungen wie Schall oder Strahlung werden über die Emission oder die Immission beschrieben.
Avatar #715180
DrSchnitzler
am Freitag, 15. Februar 2019, 10:56

Plausibilität !?!

Die Rede ist von "allgemeinem Feinstaub" bzw. "NOx".

Jenseits allzu detaillierter Betrachtungen ist festzustellen:

1. In "qualitativer" Hinsicht laufen alle Aussagen darauf hinaus, dass sich "umweltbedingter" Feinstaub und inhalierter "Zigarettenrauch" bezüglich der potentiellen gesundheitlichen Gefahren nicht substanziell unterscheiden.

2. In "quantitativer" Hinsicht wurde bisher immer davon ausgegangen, dass die Schädlichkeit von Zigarettenrauch, üblicherweise gemessen am "Cotinin-Spiegel", etwa um den Faktor tausend höher liegt, als das Einatmen "allgemeiner" Luft.

3. Nunmehr ist zunehmend die Rede davon, dass "umweltbedingter" Feinstaub größenordnungsmäßig "genau so viele Opfer" fordert, wie Zigarettenrauchen: nach Prof. Jos Lelieveld (ARD, "Monitor" vom 17.1.19) sterben am allgemeinen Feinstaub "genau so viele (Nichtraucher) wie am Rauchen".

4. Während 80 Lebensjahren inhaliert ein Nichtraucher etwa 26.000 "Tagesdosen Feinstaub". 40 "Päckchenjahre" bringen es aber auf etwa 14 Millionen "Tagesdosen" (40 Jahre x 365 Tage x 1.000). Nach der Toxikologie ("die Dosis macht das Gift") kann man eine Gleichstellung damit völlig ausschließen.

Aus ärztlicher Sicht ist also, nach bisheriger Lage der Dinge, eine – im Ergebnis – derartige Verharmlosung des Rauchens überdies schlichtweg "unverantwortlich".

Dann aber laufen – auch – die Aussagen der "taz" auf so etwas wie "maßlose Übertreibung" hinaus. Genau das hat Prof. Dieter Köhler gemeint.

"Fortbewegung" ist seit Urzeiten (!) gleichermaßen völlig unverzichtbar wie gefahrenbehaftet. Nichts spricht gegen vernünftigen Umgang damit.
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