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Medizin

Studie: Einstündige Vollnarkose im Säuglingsalter bleibt ohne Folgen für die kognitive Entwicklung

Freitag, 15. Februar 2019

/dpa

Melbourne – Säuglinge, die in den ersten Wochen nach der Geburt eine einstündige Vollnarkose erhalten, erzielen im Alter von 5 Jahren in einem Intelligenztest gleich gute Ergebnisse wie Kinder, bei denen die Operation unter einer Regionalanästhesie durchgeführt wird. Dies kam in einer randomisierten kontrollierten Langzeitstudie heraus. Die jetzt im Lancet (2019; 393: 664-77) publizierten Ergebnisse entkräften Befürchtungen zur Sicherheit von Allgemeinanästhetika bei Säuglingen, die sich auf tierexperimentelle Studien gründeten und zuletzt zu einem Warnhinweis der US-Arzneimittelbehörde FDA geführt hatten.

Die heute routinemäßig auch bei Säuglingen und Kleinkindern eingesetzten Anäs­thetika und Sedativa haben ein neurotoxisches Potenzial. In einer Reihe von experimentellen Studien wurden Zelluntergänge und Störungen der Synapsenbildung gefunden, die bei den Versuchstieren lebenslange Verhaltens-, Lern- und Gedächtnis­störungen auslösten, wenn sie in bestimmten Phasen der Hirnentwicklung erfolgten. Eine solche Phase besteht beim Menschen nach der Geburt, da sich die Großhirnrinde in ersten Lebensjahr stark entwickelt und zahllose Synapsen angelegt werden.

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In dieser Zeit werden bei einigen Kindern Operationen notwendig, die sich oft nicht verschieben lassen. Eine häufige in der Regel komplikationslose Operation ist die Korrektur von angeborenen Hernien. Der Eingriff kann in Vollnarkose oder in Regionalanästhesie erfolgen. Dies machte es möglich, die Frage möglicher Langzeitschäden in einer randomisierten kontrollierten Studie zu untersuchen.

An der GAS-Studie („A Multi-site Randomized Controlled Trial Comparing Regional and General Anesthesia for Effects on Neurodevelopmental Outcome and Apnea in Infant“) nahmen zwischen Februar 2007 und Januar 2013 an 28 Kliniken in 7 Ländern (keine deutsche Beteiligung) 722 Säuglinge teil, bei denen in den ersten Lebenswochen (bis zu 60 Wochen nach der letzten Menstruation der Mutter) eine Herniorrhaphie vorgesehen war. Die Säuglinge wurden nach dem Zufallsprinzip einer Vollnarkose (363 Kinder) oder einer regionalen Anästhesie zugeordnet (359 Kinder), die im Tiermodell keine Gehirnschäden verursacht.

Schon in einer Zwischenauswertung nach 3 Jahren deutete sich an, dass die im Mittel 54-minütige Allgemeinanästhesie mit Sevofluran keine negativen Auswirkungen auf die Hirnentwicklung gehabt hat. 

Jetzt liegen 3 Untersuchungsergebnisse im Alter von 5 Jahren vor, in der sich der Intelligenzquotient recht zuverlässig bestimmen lässt. Messinstrument der Studie war der Wechsler Intelligenztest für Kindergartenkinder und Vorschulkinder (WPPSI-III). Endpunkt war der Gesamt-Intelligenzquotient (FSIQ).

Wie ein Team um Andrew Davidson vom Murdoch Children’s Research Institute in Melbourne berichtet, erreichten die Kinder, die als Säuglinge eine Regionalanästhesie erhalten hatten, einen mittleren Wert von 99,08 Punkten (Standardabweichung SD 18,35). Bei Kindern, die eine Vollnarkose erhalten hatten, betrug der IQ im Mittel 98,97 Punkte (SD 19,66). Der Unterschied von 0,23 Punkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von minus 2,59 bis 3,06 nicht signifikant und er wäre auch nicht klinisch relevant gewesen. 

Allerdings konnten die Forscher nur 447 der 722 Kinder nachuntersuchen. Es gab laut Davidson jedoch keine Hinweise, dass die Kinder, die nicht kontaktiert werden konnten, sich von denen unterschieden, die am IQ-Test teilnahmen. Die Ergebnisse der Intent-to-Treat-Analyse (alle Kinder werden bewertet) und der Pro-Protokollanalyse (nur getestete Kinder werden bewertet) waren ähnlich.

Für James O’Leary von der University of Toronto sind die Langzeitergebnisse der „bislang stärkste Beweis“ dafür, dass eine einmalige, kurze Vollnarkose während des Säuglingsalters für die Entwicklung des Nervensystems nicht schädlich ist. Der Editorialist warnt jedoch davor, die Ergebnisse vorschnell zu verallgemeinern. Streng genommen sei die Sicherheit nur für eine einzelne Narkose belegt, die nicht länger als eine Stunde dauert und mit Sevofluran durchgeführt wurde. Dass längere oder wiederholte Vollnarkosen sicher sind, lässt sich aus den Ergebnissen nicht ablesen.

© rme/aerzteblatt.de

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Avatar #760595
DrBerni
am Samstag, 16. Februar 2019, 19:51

Klingt nicht nur gut...

sondern ist eine wirklich gute Nachricht für alle Kinderanästhesisten und Kinderchirurgen.
Die Indikation für eine Op in diesem Alter wird äußerst streng gestellt.
Ein nicht operierter Leistenbruch stellt per se einen, unter Umständen lebensbedrohlichen Zustand da. In jedem Fall ist es besser eine Op geplant durchzuführen, als auf eine Notfallsituation zu warten, weil man vorher Angst vor der Narkose hatte.
Die Traumatisierung der Kinder ist in einer Notfall-Op in jedem Fall wesentlich schwerwiegender.
Avatar #760595
DrBerni
am Samstag, 16. Februar 2019, 19:51

Klingt nicht nur gut...

sondern ist eine wirklich gute Nachricht für alle Kinderanästhesisten und Kinderchirurgen.
Die Indikation für eine Op in diesem Alter wird äußerst streng gestellt.
Ein nicht operierter Leistenbruch stellt per se einen, unter Umständen lebensbedrohlichen Zustand da. In jedem Fall ist es besser eine Op geplant durchzuführen, als auf eine Notfallsituation zu warten, weil man vorher Angst vor der Narkose hatte.
Die Traumatisierung der Kinder ist in einer Notfall-Op in jedem Fall wesentlich schwerwiegender.
Avatar #687997
Pro-Natur
am Freitag, 15. Februar 2019, 18:36

Klingt gut...

...aber es bleibt eine Behauptung, weil man nicht wissen kann, was oder wie ein Schaden angerichtet wird. Allein die Trennung von der Mutter könnte ein Säugling schaden.
LNS

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