NewsMedizinFallpauschalen in der Schweiz: Kein Rückgang der Liegezeiten, aber mehr Rehospitalisierungen
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Fallpauschalen in der Schweiz: Kein Rückgang der Liegezeiten, aber mehr Rehospitalisierungen

Montag, 18. Februar 2019

/Gorodenkoff, stockadobecom

Basel – Die Einführung des Fall­pauschalensystems zur Vergütung von Krankenhaus­leistungen hat in der Schweiz nicht zu dem erwarteten Rückgang der Liegezeiten der Patienten geführt. Laut einer Analyse in JAMA Network Open (2019; doi: 10.1001/jamanetworkopen.2018.8332) kam es jedoch zu einem Anstieg der Rehospitalisierungen sowie kurioserweise zu einem Rückgang der Krankenhaus­sterblichkeit.

Die Vergütung nach diagnosebezogenen Fallgruppen („diagnosis related groups“, DRG) wurde in der Schweiz im Januar 2012 landesweit eingeführt (nachdem einige Kantone bereits zuvor Erfahrungen gesammelt hatten). Die Motivation für „SwissDRG“ war wie in anderen Ländern auch eine wirtschaftliche. Durch die Verkürzung der Aufenthalts­dauer sollte der seit Jahren stetige Anstieg der Kosten gebremst und Überkapazitäten in den Kliniken abgebaut werden. Kritiker warnten dagegen vor verfrühten „blutigen“ Entlassungen von Patienten.

Forscher der Universität Basel haben die Auswirkungen jetzt in einer Zeitreihenanalyse („interrupted time series“) untersucht. Dazu wurden monatliche Daten zur Krankenhaus­liegezeit, zur Rehospitalisierungsrate und zur Kliniksterblichkeit daraufhin untersucht, ob es nach dem Januar 2012 zu Veränderungen im langjährigen Trend kam.

Dies war, wie Alexander Kutz und Mitarbeiter jetzt berichten, bei der Krankenhaus­liegezeit nicht der Fall. Die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Patienten in Schweizer Krankenhäusern verringerte sich zwar zwischen 2009 und 2015 von 8,0 auf 7,2 Tage. Dies entspricht allerdings einem langjährigen Trend, der bereits vor 2012 nachweisbar war und sich danach 2012 unverändert fortsetzte. Die Differenz im Abwärtstrend betrug laut Kutz genau 0,0000 Tage pro Monat mit einem 95-%-Konfidenzintervall von minus 0,0072 bis 0,0072 Tage pro Monat.

Trotz der fehlenden Verkürzung der Liegezeiten ist es zu einem Anstieg der Rehospitalisierungen gekommen. Der Anteil der Patienten, die innerhalb von 30 Tagen erneut in der Klinik behandelt werden mussten, stieg von 14,4 % im Jahr 2009 auf 15,0 % im Jahr 2015. Nach der Einführung von „SwissDRG“ war nach Berechnung von Kutz eine Zunahme des Trends um 0,0339 Prozent pro Monat nachweisbar (0,0254 bis 0,0423 Prozent). Kritiker mögen sich in ihren Befürchtungen bestätigt fühlen. Worauf aber der Anstieg der Rehospitalisierungen zurückzuführen ist, kann die Studie nicht belegen.

Noch verwirrender sind die Ergebnisse zur Kliniksterblichkeit, die im Verlauf der Jahre zurückgegangen ist. Starben im Jahr 2009 noch 4,9 % der Patienten im Krankenhaus, so waren es im Jahr 2015 nur noch 4,6 %. Auch hier gibt es einen langjährigen Trend. Er hat sich nach der Analyse von Kutz und Mitarbeitern nach der Einführung von SwissDRG verstärkt. Der monatliche Rückgang der Mortalität nahm pro Monat um 0,0111 Prozent (0,0039 bis 0,0190 Prozent) zu.

Eine mögliche Erklärung wäre, dass mehr Patienten infolge der frühzeitigen Entlassung außerhalb der Klinik gestorben sind. Diese Hypothese konnten Kutz und Mitarbeiter jedoch nicht prüfen, da ihnen keine Daten zur 30-Tages-Sterblichkeit vorliegen (wenn ein Patient nach der Entlassung stirbt, wird dies dem Krankenhaus in der Regel nicht mitgeteilt). Eine abschließende Bewertung des Fall­pauschalensystems ist deshalb allein auf der Basis von Verwaltungsdaten nicht möglich. Laut Kutz sind „ergänzende, allenfalls sensiblere Analysen“ nötig, um den Effekt auf weitere Qualitätsindikatoren zu untersuchen. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

15. Juli 2020
Köln – Die Coronapandemie hat ein Schlaglicht auf die Kran­ken­haus­struk­tu­ren in Deutschland geworfen und die Diskussion darüber weiter entfacht, wie das System umgestaltet werden sollte. Das Deutsche
„Es fehlt der Anreiz, in die Ausbildung junger Ärzte zu investieren“
14. Juli 2020
Berlin – Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hat eine allmähliche Rückkehr der Krankenhäuser zum Regelbetrieb angemahnt. „Niemand sollte einen Kranken­haus­auf­enthalt, der nötig ist, wegen Corona
Operationen: Kein Grund mehr für Verschiebung
7. Juli 2020
Berlin – Die Krankenhäuser in Deutschland sehen sich für eine mögliche zweite Welle von SARS-CoV-2-Infektionen gut gerüstet. Allerdings dürfe es nicht erneut zu Problemen bei der Beschaffung von
COVID-19: Krankenhäuser sehen sich für zweite Welle gerüstet
6. Juli 2020
Bern – Erstmals seit Beginn der Coronakrise gilt in der Schweiz seit heute landesweit eine Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr. Das betrifft auch Flüge der Swiss, wie ein Sprecher im Radio
Erstmals Maskenpflicht im öffentlichen Verkehr in der Schweiz
30. Juni 2020
Berlin – Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) fordert von der Bundesregierung, ihre EU-Ratspräsidentschaft unter anderem für eine unbürokratischere grenzüberschreitende stationäre Versorgung zu
Krankenhausgesellschaft drängt auf Vereinfachungen grenzüberschreitender Versorgung
30. Juni 2020
Bonn – Labore und Krankenhäuser in Deutschland sind nach Einschätzung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) gut vor Cyberangriffen geschützt. Zu diesem Ergebnis kämen zwei vom
BSI: Labore und Krankenhäuser gut vor Cyberangriffen geschützt
29. Juni 2020
Berlin – Während der Lockdownphase im März und April 2020 sind die Krankenhausfallzahlen um 39 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen. Das geht aus einer Analyse des Wissenschaftlichen
VG WortLNS LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Weitere...

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER