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„Wir unterstützen vergewaltigte Frauen, damit sie ihre Würde zurückgewinnen können“

Donnerstag, 28. Februar 2019

Berlin – Jede dritte Frau erlebt der Welt­gesund­heits­organi­sation zufolge mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt. In Kriegen sind systematische Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen an der Tagesordnung. Die Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale setzt sich seit 25 Jahren für traumatisierte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten ein und verfolgt dabei eine Doppelstrategie: auf der einen Seite die direkte Unterstützung der Frauen, auf der anderen Seite das Bemühen, gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen.

5 Fragen an Monika Hauser, Gründerin und geschäftsführende Vorstandsfrau der Frauenrechts- und Hilfsorganisation medica mondiale

DÄ: Medica mondiale versteht sich nicht nur als Hilfsorganisation für traumatisierte Frauen in Kriegs- und Krisengebieten, sondern explizit auch als Frauenrechts­organisation. Warum dieser kombinierte Ansatz?
Monika Hauser: Den haben wir von Anfang an verfolgt. Denn schon während meines AiPs an einem Krankenhaus in Südtirol ist mir klar geworden, wie eng Frauen­gesundheit mit der sozialen Realität von Frauen verbunden ist, und wie viele Frauen sexualisierte Gewalt erfahren. Das wiederholte sich später an der Uniklinik in Essen, wo ich länger auch auf der Privatstation gearbeitet habe. Das zeigte mir, dass sich die Gewalterfahrungen von Frauen durch alle Bevölkerungsschichten ziehen, unabhängig vom sozialen Stand, von der religiösen oder ethnischen Herkunft. Ich habe aber auch erfahren, dass viele meiner Kolleginnen und Kollegen sich dieses Thema nicht genauer anschauen wollten.

Dabei haben wir als Ärztinnen und Ärzte die Verantwortung, mit den Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, traumasensibel umzugehen. Den Begriff kannte ich damals noch nicht, das haben wir als Ansatz erst bei medica mondiale erarbeitet. Mir war aber schon früh klar, dass es eine gute psychosoziale und psychosomatische Herangehensweise braucht – das ist leider immer noch nicht Usus, auch nicht in einem so hoch entwickelten Land wie Deutschland. Das allein reicht aber nicht. Man muss auch an den strukturellen Machtverhältnissen etwas ändern. Daher die Doppel­strategie: auf der einen Seite die direkte fachliche Unterstützung der Frauen, auf der anderen Seite die politische Menschenrechtsarbeit, um langfristige gesellschaftliche Veränderungen zu erreichen.

Bei unserer Arbeit gehen wir immer von den realen Lebensbedingungen der Frauen aus. Beispiel Afghanistan: Dort hatten die Ärztinnen, Krankenschwestern und Hebammen, die wir im traumasensiblen Umgang mit schwer traumatisierten Frauen geschult haben, keinen Beratungsraum. Das Gesundheitspersonal musste mit den Frauen in den Garten oder den Putzraum gehen, um ungestört sprechen zu können. Nach mehreren Jahren Lobbyarbeit im Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Kabul gibt es heute Beratungsräume in den Kliniken.

Ein weiteres Beispiel ist unser länderübergreifendes Qualifizierungsprogramm für staatliches Gesundheitspersonal. Eine gemeinsame Studie mit unserer Partner­organisation Medica Zenica in Bosnien hat gezeigt, dass neben gesellschaftlicher Anerkennung das Gesundheitspersonal der Schlüssel ist für die Genesung schwer traumatisierter Frauen. Ein weiteres Ergebnis war jedoch, dass dieses Gesundheits­personal überhaupt nicht geschult ist im traumasensiblen Umgang mit diesen Patientinnen. Vor drei Jahren haben wir deshalb angefangen, ein länderübergreifendes Qualifizierungsprogramm für staatliches Gesundheitspersonal aufzulegen, um Retraumatisierungen der Frauen zu verhindern.

DÄ: Wie beeinflusst das gesellschaftliche Frauenbild deren Opferstatus insbesondere in Kriegen und bewaffneten Konflikten? Man spricht in diesem Zusammenhang ja auch von Vergewaltigung als Kriegswaffe.
Hauser: In extrem patriarchalen Gesellschaften ist die sogenannte Ehre der Familie an die unversehrte Ehre der Frauen und Mädchen gekoppelt. Der militärische Gegner weiß um dieses soziale Konstrukt und zerstört das soziale Gefüge durch sexualisierte Gewalt. Denn die vergewaltigten Frauen und Mädchen werden aus der eigenen Gesellschaft ausgegrenzt. Das ist leider eine sehr erfolgreiche Strategie. Diesen Kreislauf kann man nur durchbrechen, indem man dieser Logik nicht mehr folgt. Eine vergewaltigte Frau hat schwerste Menschenrechtsverletzungen erlebt und überlebt und sie verdient jede Unterstützung, um wieder in die Mitte der Gesellschaft zurückzufinden. Das ist ein Teil unserer politischen Aufklärungsarbeit.

Sexualisierte Kriegsgewalt: Den Frauen helfen, ihre Würde zurückzugewinnen

Jede dritte Frau erlebt der Welt­gesund­heits­organi­sation zufolge mindestens einmal in ihrem Leben körperliche oder sexualisierte Gewalt. In Kriegen sind systematische Vergewaltigungen von Frauen und Mädchen an der Tagesordnung. Wer dagegen kämpft, braucht einen langen Atem. Ein Teil seines Vermögens solle demjenigen zufallen, der am meisten oder am besten für die Verbrüderung der Völker gewirkt (...)

Wir unterstützen auf der einen Seite betroffene Frauen psychosozial, medizinisch und juristisch, damit sie ihre Würde zurückgewinnen können, sie gesundheitlich wieder auf die Beine kommen und möglichst ein eigenes Einkommen erwirtschaften können, um nicht immer wieder in neue Abhängigkeiten zu geraten. Wenn diese Frauen aber von ihrer eigenen Gesellschaft ausgegrenzt werden, macht das unsere Hilfe zunichte, weil sie isoliert und retraumatisiert werden. Um das zu verhindern, hat medica mondiale von Beginn an dieser patriarchalen Logik entgegengearbeitet.

DÄ: Medica mondiale ist beispielsweise in Afghanistan, aber auch in West- oder Zentralafrika in Gesellschaften tätig, die sehr stark patriarchalisch geprägt sind. Vielfach stützen auch Frauen diese Gesellschaftssysteme. Wie gehen sie damit um?
Hauser: Wir haben in den 25 Jahren unserer Arbeit sehr viel gelernt und Strategien entwickelt, um diesen Herausforderungen zu begegnen. Ein ganzheitlicher Ansatz ist sicherlich sehr wichtig, also die medizinische, psychosoziale und juristische Hilfe zu koppeln und das Ganze auch immer mit Einkommen schaffenden Maßnahmen zu verbinden, damit die Frauen nicht in neue Abhängigkeiten geraten müssen. Im Kosovo oder in Afghanistan, wo wir übrigens sehr ähnliche patriarchale Verhältnisse haben, wird eine Witwe den Bruder des Ehemannes heiraten müssen, damit sie versorgt ist und Besitz, Grund und vor allem Söhne in der Familie bleiben. Dieses Muster wandelt sich, auch weil wir und andere Frauenrechtsorganisationen stetig Aufklärungsarbeit betreiben und sich allmählich der Gedanke durchsetzt, dass eine Frau ein Selbst­bestimmungsrecht hat und sich ihren Partner selber wählen kann.

Vor Ort arbeiten wir immer mit lokalen Frauenrechtsorganisationen oder den von medica mondiale aufgebauten Organisationen zusammen, die mittlerweile aber alle in der Hand von einheimischen Fachfrauen sind. Diese enge Zusammenarbeit ist sehr wichtig, weil die einheimischen Frauen die kulturellen Kontexte am besten kennen. Wir vernetzen unsere Partnerorganisationen aber auch, beispielsweise mit dem länderübergreifenden Qualifizierungsprogramm, das ich vorhin erwähnt habe.

Es ist schon eine Herausforderung, dass wir unterschiedliche Ansätze und Zugangsstrategien für unterschiedliche Kontexte brauchen. Da verfügen wir aber inzwischen auch über viel Erfahrung. Wir wissen zum Beispiel, dass in Afghanistan Rechts- und Familienberatung sehr wichtig ist, in Uganda geht es dagegen vor allem um einkommenschaffende Maßnahmen. Im Kosovo hat sich medica mondiale erfolgreich dafür stark gemacht, dass im Krieg vergewaltigte Frauen eine Rente erhalten. In Ruanda wiederum geht es darum, Akzeptanz für die Kinder zu schaffen, die aus den Kriegsvergewaltigungen entstanden sind.

Aber tatsächlich haben auch Frauen durch Erziehung patriarchale Verhaltensweisen internalisiert und entsolidarisieren sich, anstatt sich zu verbünden.

DÄ: Welches sind die wichtigsten politischen Erfolge, die Sie seit der Gründung von medica mondiale vor gut 25 Jahren erringen konnten, und welche Ziele blieben bislang unerreicht?
Hauser: Ich betrachte es als großen politischen Erfolg, dass wir es geschafft haben, das Thema sexualisierte Kriegsgewalt auf die internationale Agenda zu setzen. Das ist nicht mehr umkehrbar. Es hat sicherlich mit der jahrzehntelangen Basisarbeit von Frauenrechtsorganisationen zu tun, dass 2018 mit Dennis Mukwege und Nadia Murad zwei Aktivisten gegen sexualisierte Gewalt mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.

Kampf gegen sexuelle Gewalt: Friedensnobelpreis geht an Arzt und Aktivistin

Oslo – Der Friedensnobelpreis wird in diesem Jahr an zwei Kämpfer gegen sexuelle Gewalt in bewaffneten Konflikten verliehen. Die Auszeichnung gehe an den kongolesischen Gynäkologen Denis Mukwege und die jesidische Aktivistin Nadia Murad, verkündete die Vorsitzende des Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen, heute in Oslo. Beide würden geehrt „für ihre Anstrengungen, der sexuellen Gewalt als (...)

Ein weiterer Erfolg ist die UN-Resolution 1325 zu Frauen, Frieden und Sicherheit aus dem Jahr 2000, die auf Druck von Frauenrechtsaktivistinnen weltweit zustande kam. Diese Resolution beinhaltet eigentlich alles, was wichtig ist, zum Schutz, zur Prävention und zur Beteiligung von Frauen in Kriegs- und Nachkriegskontexten. Leider fehlt in vielen Ländern immer noch der politische Wille, diese Resolution umzusetzen. Auch in Deutschland hat es zwölf Jahre gedauert, bis erste Aktionspläne aufgelegt wurden.

Wir Feministinnen haben eine hohe Frustrationstoleranz. Wir sollten ungeduldiger sein. Auch in Deutschland gehen mir die Dinge zu langsam. Dass wir hier immer noch das Informationsverbot über Schwangerschaftsabbrüche, den Paragrafen 219a, bekämpfen müssen, kann eigentlich nicht wahr sein. Da wünschte ich mir auch aus der Ärzteschaft klare Worte und Solidarität mit den Gynäkologinnen und den wenigen Gynäkologen, die Abbrüche vornehmen und täglich mit einem halben Bein im Gefängnis stehen. Das ist keine Einzelgeschichte, das gründet auch in Deutschland noch immer im patriarchalen System.

Ich möchte noch darauf zu sprechen kommen, was wir nicht geschafft haben. Seit ein paar Jahren fordern wir, und einige Politiker und Politikerinnen von SPD, Grünen und Linken unterstützen das, eine feministische Außenpolitik, die die Geschlechter­gerechtigkeit im Blick hat. Um das umzusetzen, brauchen wir meiner Ansicht nach jedoch erst einmal eine feministische Innenpolitik. Das heißt, dass zum Beispiel das Thema sexualisierte Gewalt ganz anders priorisiert werden muss und dass es endlich flächendeckende Gewaltschutzkonzepte gibt. Ich wünsche mir auch eine andere Berichterstattung über diese Themen in den Medien, eine Berichterstattung, die kontinuierlich und sensibel ist statt an Skandalen orientiert.

Woran wir auch weiterhin arbeiten werden, ist, dass weltweit Politik und Gesellschaft flächendeckend Vergewaltigungen als schwere Menschenrechtsverletzungen anerkennen. Auch, dass endlich Frauen nach dem Krieg angemessen an Friedens­verhandlungen beteiligt sind. Das scheitert oft auch am Widerstand der Vereinten Nationen beziehungsweise ihrer Mitgliedsstaaten.

Wir freuen uns, dass Deutschland seit Januar einen Sitz im UN-Sicherheitsrat hat und setzen darauf, dass es sich, wie angekündigt, dort für eine menschenrechtsbasierte und geschlechtergerechte Außen- und Sicherheitspolitik einsetzt. Auch im Auswärtigen Amt muss dieses Thema strukturell als Querschnittsthema verankert werden. Die deutsche Außenpolitik müsste die Frauenrechtsorganisationen vor Ort viel mehr als Beraterinnen nutzen. Auch in Deutschland ist es noch nicht so lange her, dass auf die Expertise von medica mondiale zurückgegriffen wird.

DÄ: Versprechen Sie sich etwas von dem zunehmenden deutschen Engagement für Globale Gesundheit?
Hauser: Unsere Themen haben auf der Tagesordnung leider keine Priorität. Das gilt aber generell für die Gesundheitspolitik in Nachkriegsregionen. Es wäre 2014 wohl kaum zur Ebolakrise in Westafrika gekommen, wenn man beispielsweise in Liberia nach dem Ende des Bürgerkriegs darauf bestanden hätte, dass der Friedensschluss beinhalten muss, dass das Gesundheitswesen wiederaufgebaut wird. Hier könnte Deutschland wichtige Unterstützung leisten. © HK/aerzteblatt.de

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