NewsMedizinGenvarianten beeinflussen den Schlaf
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Genvarianten beeinflussen den Schlaf

Dienstag, 26. Februar 2019

/Photographee.eu, stockadobecom

Amsterdam und Boston – Ob ein Mensch gut schläft, wird von Hunderten von Genen beeinflusst, deren Funktionen 2 genomweite Assoziationsstudien jetzt in Nature Genetics (2019; doi: 10.1038/s41588-018-0333-3 und 019-0361-7) auf den Grund gehen – mit möglichen Ausblicken auf zukünftige Therapien.

Krankheiten, Koffein, Alkohol oder Ärger. Schlafstörungen können viele Gründe haben. Weniger bekannt ist, dass auch Gene die Schlafeigenschaften beeinflussen. Eine Zwillingsstudie hat die Heritabilität sogar auf 38 bis 59 % geschätzt. Frühere genomweite Assoziationsstudien (GWAS) hatten bereits einige Gene entdeckt, in denen sogenannte Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP) die Schlafeigenschaften beeinflussen. 2 aktuelle Studien steigern die Zahl auf etwa 1.000. Jedes einzelne dieser SNP hat zwar nur einen minimalen Einfluss auf die Schlafeigenschaft. Die Gene, in denen sie sich befinden, könnten jedoch neue Einblicke in die Pathophysiologie von Schlafstörungen ermöglichen.

Das Team um Danielle Posthuma von der Vrije Universiteit in Amsterdam hat das Erbgut von 1,3 Millionen Menschen verglichen, die an der britischen UK-Biobank-Studie teilgenommen hatten oder als Kunden von 23andMe private Genunter­suchungen hatten durchführen lassen. Dabei hatten sie auch Angaben zu ihren Schlafeigenschaften gemacht.

Mehr als 900 Gene beeinflussen die Schlafeigenschaften

Die Auswertung der Daten ergab, dass 956 Gene an 202 verschiedenen Orten des Erbguts die Schlafeigenschaften beeinflussen. Ein Teil der Gene greift laut Posthuma in die Funktion der Axone ein, über die Nervenzellen im Gehirn mit dem Rückenmark und dem peripheren Nervensystem verbunden sind. Ein weiterer Anteil der Gene ist in bestimmten Regionen im frontalen Cortex und in subkortikalen Kernen des Gehirns aktiv. Diese Hirnareale wurden in früheren Untersuchungen mit Schlafstörungen in Verbindung gebracht, was die Vermutung bestärkt, dass die jetzt entdeckten Genvarianten tatsächlich kausal in die Entstehung von Schlafstörungen eingreifen.

Eine weitere interessante Spur führt zu den Basalganglien, einer Reihe von Zellkernen, die für die Koordinierung von Bewegungen zuständig sind. Eine Rolle der Basal­ganglien bei der Schlafregulierung wird seit Längerem vermutet, da neurodegenerative Erkrankungen in diesem Bereich, dazu gehören Morbus Parkinson und Morbus Huntington, mit schweren Schlafstörungen einhergehen. 

Einige der betroffenen Gene sind in bestimmten Nervenzellen aktiv, die vor allem in den Basalganglien vorkommen. Es handelt sich um Neurone, die aufgrund der dornenförmigen Auswüchse ihrer Dendriten als „medium spiny neurons” (MSN) bezeichnet werden. Im Striatum, das zu den Basalganglien gehört, beträgt der Anteil der MSN an allen Neuronen sogar 95 %. Die MSN waren laut Posthuma die ersten Zellen, an denen Veränderungen im Tiefschlaf („slow wave sleep“) entdeckt wurden. Heute wird vermutet, dass Teile des Striatums für die Schlafregulation zuständig sind. Beschädigungen führen zu schweren Schlafstörungen.

Die MSN sind laut Posthuma auch an der Entstehung von Gemütsstörungen und der Schizophrenie beteiligt. Dies passt gut zu weiteren Befunden der Studie, die Schlafstörungen (über sogenannte Mendelsche Randomisierungen) ursächlich mit Depressionen in Verbindung bringen. Schlafstörungen erhöhen nach den Ergebnissen der Studie auch das Risiko auf einen Typ-2-Diabetes und auf kardiovaskuläre Erkrankungen, während höhere Bildung und ein größeres Hirnvolumen eher protektive Auswirkungen haben. Die MSN und die in ihnen dominierenden D2-Rezeptoren könnten aufgrund der neuen Erkenntnisse Ansatzpunkte für neue Schlafmittel liefern, meint Posthuma.

Ansatzpunkt für neue Schlafmittel

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt ein Team um Richa Saxena vom Massachusetts General Hospital in Boston. Die Forscher haben die Gene von etwa 450.000 Teilnehmern der UK Biobank untersucht und die Ergebnisse dann an 3 weiteren Kohorten aus Norwegen (HUNT), Neuengland (Partners Biobank) und der UK Biobank verifiziert.

An 57 Stellen auf dem Erbgut wurden Varianten in 236 Genen entdeckt, die mit Symptomen der Schlaflosigkeit assoziiert waren. Eine Mendelsche Randomisierung ergab, dass die Schlaflosigkeit nicht nur das Risiko auf eine Depression erhöht. Menschen mit Schlafstörungen hatten auch ein mehr als 2-fach erhöhtes Risiko auf eine koronare Herzkrankheit (Odds Ratio: 2,15; 95-%-Konfidenzintervall: 1,38 bis 3,35). Auch die US-Forscher sehen in ihren Ergebnissen mögliche Ansatzpunkte für neue Schlafmittel. © rme/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

5. Juni 2020
Kiel und Oslo – Genvarianten auf den Chromosomen 3 und 9 erhöhen bei einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 offenbar das Risiko auf einen schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung. Dies kam
Genvarianten erhöhen Risiko auf schweren Verlauf von COVID-19
26. Mai 2020
Berlin – Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) hat die Leitlinie „Insomnie bei neurologischen Erkrankungen“ neu herausgegeben. Sie unterscheidet zwischen Insomnie bei Kopfschmerz,
Neue Leitlinien zu Schlafstörungen bei neurologischen Erkrankungen
13. Mai 2020
Köln – Eine nachts im Mund getragene Kunststoffschiene, die die Atemwege mechanisch offenhält, kann die Tagesschläfrigkeit von Patienten mit obstruktiver Schlafapnoe lindern. Die Therapie ist der
Unterkieferschiene hilft gegen Tagesschläfrigkeit bei obstruktiver Schlafapnoe
23. April 2020
St. Louis, Missouri − US-Forscher haben den Gendefekt des Wolfram -Syndroms, einer seltenen Erbkrankheit, die unter anderem zu einem Insulinmangel führt, in menschlichen Stammzellen mit dem
Forscher heilen Diabetes bei Mäusen mit genkorrigierten menschlichen Stammzellen
21. April 2020
Mainz – Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) und die Masaryk University, die zweitgrößte Universität in der Tschechischen Republik, werden eng bei der Forschung zur Ribonukleinsäure (RNA)
RNA-Forschung von Uni Mainz und Masaryk University gefördert
16. April 2020
Reykjavik − In keinem anderen Land wird die Ausbreitung von SARS-CoV-2 so genau verfolgt wie auf Island. Bereits 6 % der Bevölkerung wurden auf das Virus getestet und in etwa der Hälfte der
SARS-CoV-2: Island ermittelt Kontakte mit Genomanalysen
6. März 2020
Boston – Ein häufiger Wechsel der Schlafgehzeiten und der Schlafdauer können das Risiko auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. In einer prospektiven Beobachtungsstudie erkrankten Erwachsene mit
VG WortLNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER