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Nutzen der Nasoalveolar-Mol­ding-Methode bei Lippen-Kie­fer-Gaumenspalte unklar

Dienstag, 26. Februar 2019

/jorgecachoh, stockadobecom

Köln – Es ist unklar, ob die sogenannte Nasoalveolar-Molding-Methode (NAM) als Operationsvorbereitung bei Kindern mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte eher nützlich, schädlich oder keines von beiden ist. Das berichten Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) in einem Berichtsentwurf, den sie im Auftrag des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) erstellt haben. Stellungnahmen zu dem Bericht sind bis zum 25. März möglich.

Weltweit kommt eines von 500 Neugeborenen mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte zur Welt. Sie ist damit eine der häufigsten angeborenen Fehlbildungen. In der Regel macht die Fehlbildung mehrere Operationen im Säuglings- und Kindesalter nötig. Ziel ist es, die Fehlbildung zu korrigieren und wichtige, von ihr abhängige Funktionen wie Ernährung, Atmung, Sprechen und Gehör zu normalisieren sowie eine Symmetrie des Gesichts zu erreichen. Damit wollen die Ärzte die Voraussetzung dafür schaffen, dass sich die betroffenen Kinder und Jugendlichen körperlich und sozial möglichst normal entwickeln können. 

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Bei der NAM soll eine individuell angefertigte Kieferplatte mit Nasensteg den Spalt mittels Druck- und Zugkräften verkleinern, um die Ausgangslage für die OP zu verbessern. Die betroffenen Kinder und ihre Eltern müssen zur Kontrolle und Anpassung der NAM-Apparatur zwölf bis 16 zusätzliche Termine wahrnehmen. Diese finden in der Regel in spezialisierten Zentren statt. Die Mehrkosten in Höhe von 900 Euro bis 1.400 Euro übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen dabei nicht regelhaft.

Ein allgemein anerkanntes Behandlungskonzept gibt es laut der Arbeitsgruppe der MHH aktuell nicht. Häufig verschließen die Ärzte die Lippe im Alter von etwa drei bis sechs Monaten operativ. Vor dem Eingriff versuchen sie gegebenenfalls mittels NAM die Schwere der Deformation zu reduzieren. Um die Sprachentwicklung nicht zu behindern, wird der Gaumen in der Regel erst im Alter von neun bis 18 Monaten verschlossen, mit sechs bis elf Jahren folgt eine Korrekturoperation.

Wie die Wissenschaftler der MHH feststellen, gibt es bisher keine klinischen Studien, die belastbare Aussagen zu Nutzen und Schaden der NAM zulassen. Denn in den wenigen verfügbaren Studien würden wichtige Einflüsse auf das Behandlungsergebnis, wie Unterschiede zwischen den Behandlungsgruppen nach Alter bei erster OP und nach Schwere der Deformation, nicht ausreichend berücksichtigt.

Die Arbeitsgruppe der MHH konstatiert in ihrem Berichtsentwurf erheblichen Forschungsbedarf und fordert Studien mit hoher Aussagesicherheit.

„Es ist bedenklich, dass eine Intervention, die die Situation von Kindern mit einer häufigen angeborenen Fehlbildung verbessern soll, nicht ausreichend in Studien geprüft wurde“, kommen­tier­te die IQWiG-Projektleiterin Sarah Thys den Befund der MHH-Autorengruppe.

Der Bericht wurde im Rahmen des „ThemenCheck Medizin“ des IQWiG erstellt. Berichte aus diesem Bereich gehen auf Vorschläge aus der Bevölkerung zurück.

Nach dem 25. März werden die eingegangenen Stellungnahmen zu dem Berichts­entwurf gesichtet und gegebenenfalls in einer mündlichen Anhörung mit den Stellungnehmenden diskutiert. Danach wird der Basisbericht finalisiert. Außerdem schreiben die Autoren eine allgemein verständliche Version und das IQWiG ergänzt einen Herausgeberkommentar. © hil/aerzteblatt.de

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