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Politik

Krankenkasse fordert gerechtere Erstattungspreise für teure Innovationen

Mittwoch, 27. Februar 2019

/Syda Productions, stock.adobe.com

Berlin – Für Erstattungspreise, die sich am Therapieerfolg orientieren, hat sich heute in Berlin die Techniker Krankenkasse (TK) ausgesprochen. Dabei geht es insbesondere um innovative Gentherapien, die mit Kosten von bis zu einer Million Euro pro Patient zu Buche schlagen könnten. Das Verfahren der frühen Nutzenbewertung mit anschließenden Verhandlungen über den Erstattungspreis nach dem Arzneimittel­markt­neuordnungsgesetz (AMNOG) sei für die neuen Therapieverfahren ungeeignet, sagte der TK-Vorstandsvorsitzende Jens Baas.

Als Beispiel führte er die Behandlung der Hämophilie an. Derzeit gebe es in Deutschland rund 4.000 Bluter, die eine Dauermedikation benötigten. Für die Standardtherapie mit Faktorpräparaten wende die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) derzeit rund 480 Millionen Euro auf. Mit Einführung der im Jahr 2023 erwarteten Gentherapie, die bei einmaliger Gabe Heilung verspreche, könnten die GKV-Ausgaben auf vier Milliarden Euro steigen. Das wären rund zehn Prozent der gesamten Arzneimittelausgaben, erklärte Baas.

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Das Problem bei vielen neuen Therapien sei, dass sie vor der Zulassung nur an wenigen Patienten getestet wurden und deshalb noch keine zuverlässigen Aussagen zur Sicherheit und Langzeitwirksamkeit getroffen werden könnten. Dasselbe gelte für die zunehmende Zahl von Arzneimitteln, die in beschleunigten Verfahren zugelassen würden. „Damit das Gesundheitswesen nachhaltig finanzierbar bleibt, brauchen wir gerechtere Vergütungsmodelle“, forderte Baas. 

Registerdaten sollen Evidenzlücken nach der Zulassung schließen

Um sicherzustellen, dass sich der Preis für Gentherapien, Orphanpräparate oder beschleunigt zugelassene Medikamente künftig am Therapieerfolg orientiert, schlägt die TK die Einführung eines dynamischen Evidenzpreises vor. Das Modell sieht vor, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss (G-BA) bereits vor der Zulassung einer Therapie darüber entscheidet, ob sie das Standardverfahren der frühen Nutzenbewertung oder aufgrund von Evidenzlücken das Verfahren des dynamischen Evidenzpreises durchlaufen soll.

Im letzteren Fall sollen innerhalb von zwei Jahren nach der Markteinführung in einem zentralen, pharmaunabhängigen Register zusätzliche Daten zu Nutzen und Risiken gesammelt werden. Während dieser Zeit kann der pharmazeutische Unternehmer seinen Preis – orientiert am europäischen Durchschnittspreis – frei wählen. Danach sollen Arzneimittelhersteller und Krankenkassen anhand der ermittelten zusätzlichen Daten erstmals über einen Erstattungspreis verhandeln, der dann in jährlichen Abständen an den Erkenntnisgewinn über das Präparat angepasst wird.

„Für Präparate mit guten Behandlungserfolgen werden nach dem Konzept höhere Preise bezahlt und für weniger wirksame Präparate niedrigere“, sagte Tim Steimle, Leiter des Fachbereichs Arzneimittel bei der TK. Zusätzlich sollten Unternehmen, die in Deutschland und Europa forschten, in den ersten 24 Monaten einen Aufschlag auf ihren Preis nehmen dürfen. Steimle betonte, das Modell des dynamischen Evidenzpreises sei kein Ersatz für das AMNOG-Verfahren, sondern eine Ergänzung.

Die Politik zeigt „positives Interesse“ am Erstattungsmodell der TK

Auch die Politik habe erkannt, wie wichtig das Thema fairer Erstattungspreise sei, sagte TK-Chef Jens Baas. So sehe der Referentenentwurf des Gesetzes für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) bereits vor, dass der Gemeinsame Bundes­aus­schuss künftig bei der Anwendung von Arzneimitteln zur Behandlung seltener Erkrankungen, die beschleunigt oder bedingt zugelassen wurden, begleitende Datenerhebungen verlangen kann. Baas zufolge haben sowohl das Bundesgesund­heitsministerium als auch der G-BA „positives Interesse“ am dynamischen Evidenzpreismodell der TK gezeigt. „Es sollte noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden“, forderte der Kassenchef.

Schon seit Längerem macht sich auch der GKV-Spitzenverband dafür stark, den Preis eines Arzneimittels an die zunehmenden Erkenntnisse über dessen Wirksamkeit und Sicherheit anzupassen. In einem Expertengespräch des Deutschen Ärzteblattes hatte Ende Dezember vergangenen Jahres die Leiterin der Abteilung Arznei- und Heilmittel, Antje Haas, angekündigt, die Kassen würden sich 2019 an erste Modelle für eine erfolgsabhängige Vergütung wagen. © HK/aerzteblatt.de

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