NewsVermischtesStudie: 13.000 vorzeitige Todesfälle mit Verkehrsabgasen assoziiert
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Vermischtes

Studie: 13.000 vorzeitige Todesfälle mit Verkehrsabgasen assoziiert

Mittwoch, 27. Februar 2019

/dpa

Berlin – Luftverschmutzung aus dem Verkehr ist einer neuen Studie zufolge für rund 13.000 vorzeitige Todesfälle jährlich in Deutschland verantwortlich. Laut der am Mittwoch veröffentlichten Untersuchung des umweltnahen Forschungsinstituts International Council on Clean Transportation (ICCT) kommt Deutschland damit auf den vierten Rang weltweit. Nur in China (114.000), Indien (74.000) und den USA (22.000) sterben demnach mehr Menschen vorzeitig an Krankheiten, die durch Ozon und Feinstaub ausgelöst werden.

Bezogen auf die Bevölkerungsgröße sterben laut ICCT-Studie nirgends mehr Menschen frühzeitig an Verkehrsabgasen als in Deutschland. Je 100.000 Einwohnern sind es hierzulande 17 vorzeitige Todesfälle. Diese Sterberate ist laut ICCT dreimal so hoch wie der globale Durchschnitt und liegt knapp 50 Prozent über dem Durchschnitt aller EU-Länder. Stuttgart, Köln und Berlin gehören zu den Top Ten der Städte weltweit mit der höchsten Sterberate.

Anzeige

Einer der wichtigsten Gründe dafür ist laut ICCT der hohe Anteil an Dieselfahrzeugen, die viel Feinstaub sowie Stickoxid ausstoßen, das wiederum eine Vorläufersubstanz für Ozon und Feinstaub ist. In Stuttgart etwa waren den Modellrechnungen zufolge rund 78 Prozent der frühzeitigen Todesfälle auf die Emissionen von Diesel-Pkw, Bussen und Lkw zurückzuführen.

Verantwortlich sind laut ICCT insbesondere Diesel-Pkw und leichte Nutzfahrzeuge unterhalb der Euronorm 5b sowie Lkw und Busse der Emissionsnorm Euro V und älter. Die Forscher unterstreichen die Bedeutung von Fahrverboten sowie Programmen zum schnelleren Austausch von Fahrzeugflotten hin zu einem emissionsfreien Verkehr für die Gesundheit der Stadtbevölkerung.

Bei der Studie arbeitete der ICCT, der maßgeblich an der Aufdeckung des Dieselskandals beteiligt war, mit Forschern der George Washington Universität sowie der Universität Colorado Boulder zusammen. Die Forscher führten Daten zum Emissionsverhalten von Fahrzeugen aus dem Jahr 2015 mit Modellen zu Volkskrankheiten zusammen, um die Gesundheitsauswirkungen des Verkehrs auf verschiedenen Ebenen zu berechnen. Einbezogen wurden die Emissionen von Pkw, Bussen, Lkw, Schiffen sowie von landwirtschaftlichen Fahrzeugen und Baumaschinen.

Weltweit starben demnach in etwa 3,4 Millionen Menschen frühzeitig an allgemeiner Luftverschmutzung. Ozon und Feinstaub können Erkrankungen am Herzen, Schlag­anfälle, chronische Lungenerkrankungen, Lungenkrebs, Infektionen der unteren Atemwege sowie Diabetes auslösen. 385.000 der weltweiten vorzeitigen Todesfälle sind demnach Folgen von Feinstaub und Ozon aus dem Verkehrsbereich.

Durch die vorzeitigen Tode ging den Volkswirtschaften weltweit laut ICCT-Berechnungen knapp eine Billion Dollar (860 Milliarden Euro) verloren. Allein in Deutschland betrug der gesellschaftliche Schaden demnach 97 Milliarden Euro oder knapp drei Prozent des Bruttonationaleinkommens. Dabei waren Dieselfahrzeuge im weltweiten Durchschnitt für knapp die Hälfte dieser frühzeitigen Todesfälle verantwortlich – in Deutschland sogar für zwei Drittel. Dahinter folgen Bau- und Landwirtschaftsmaschinen sowie Schiffe.

Solche Berechnungen wurden vor allem in der Debatte um Stickoxide und Fahrverbote in Städten zuletzt immer wieder kritisiert. Unter anderem hatte der Lungenfacharzt Dieter Köhler solche epidemiologischen Studien recht pauschal angegriffen. Zuletzt hatte der Mathematiker Peter Morfeld in der ARD-Sendung „Plusminus“ die Berechnungsgrundlage des Umweltbundesamtes in einer ähnlichen Studie kritisiert. Das Umweltbundesamt (UBA) hatte die Kritik nach einer Prüfung zurückgewiesen –seine Ergebnisse zu Stickoxiden, die vom Helmholtz-Zentrum München vorgelegt worden waren, besäßen nach wie vor ihre Gültigkeit.

Susanne Breitner vom Institut für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München hat eine Erklärung für die unterschiedlichen Werte: So werde etwa bei der Schadstoff­belastung auf unterschiedliche Modellierungen zurückgegriffen. Auch die Risikoabschätzung kann unterschiedlich ausfallen, je nachdem, auf welche epidemiologischen Studien man sich bezieht, sagt sie. Das Vorgehen bei den Berechnungen ist immer das gleiche.

Dabei wird etwa das Gebiet Deutschlands in sogenannte Rasterzellen eingeteilt. In die Berechnung gehen dann die dort ermittelten Jahresmittelwerte für bestimmte Schadstoffe ein. Die einzelnen Gebiete werden in Belastungsklassen eingeteilt und die Zahl der dort lebenden Menschen hinzugezogen. Mithilfe epidemiologischer Studien wird dann das Gesundheitsrisiko in der jeweiligen Belastungsklasse geschätzt.

Ein zentraler Baustein ist laut Umweltbundesamt eine mathematische Formel zur Berechnung der sogenannten Population Attributable Fraction (PAF). Mit der Formel wird ein Wert ermittelt, der angibt, wie groß der Anteil von Todesfällen ist, der auf einen Risikofaktor zurückgeführt werden kann, heißt es beim Umweltbundesamt.

Letztlich handelt es sich dabei um eine statistische Abschätzung, stellt das Umweltbundesamt klar. Die so ermittelten Zahlen sind als Indikatoren für den Gesundheitszustand der Gesamtbevölkerung zu sehen, heißt es auf der Webseite. Es handele sich dabei keinesfalls um klinisch identifizierbare Todesfälle, die auf einen bestimmten Luftschadstoff zurückgeführt werden können.

Die ICCT-Forscher stützen sich unter anderem auf einen großen Pool aus Daten von Satelliten und Messstationen weltweit und der Abschätzung der Gesundheitsfolgen des Projekts Global Burden Disease.

Feinstaub und Ozon seien die wichtigsten Schadstoffe aus dem Verkehrsbereich, teilte der Geschäftführer des ICCT-Europa, Peter Mock, mit. „Stickoxidemissionen gehören auch mit dazu, deren direkte Gesundheitswirkung kann jedoch unserer Einschätzung nach mit den aktuellen Modellen noch nicht ausreichend gut quantifiziert werden. Stickoxid sei jedoch eine Vorläufersubstanz von Feinstaub und Ozon und damit indirekt mit berücksichtigt. © afp/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Avatar #715180
DrSchnitzler
am Montag, 4. März 2019, 14:57

Re2: Der Durchschnitt ist ein miserables Maß

Richig ist, dass sich Expositionen bei Nichtrauchern unterscheiden können. Nehmen wir (alles grob vereinfacht) eine "beste" Exposition von 10 µg/cbm an, im Schnitt 40, höchstens rund 100. Dann würden sich die Verlustzeiten grob zwischen 2, 8 und 20 Stunden bewegen. Was würde das ändern?
Avatar #715180
DrSchnitzler
am Montag, 4. März 2019, 14:01

Re: Der Durchschnitt ist ein miserables Maß

Zustimmung!
Ich hege folgenden Verdacht zu den (unveröffentlichten?) Beschuldigungen des Mainzer Max-Planck-Instituts (3): es ist bekannt, dass Raucher etwa 10 Jahre vorzeitig ableben, und rund ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. FALLS nun die Raucher nicht herausgerechnet, sondern – im Ergebnis – einfach auf die Gesamtbevölkerung "umgelegt" wurden, ergeben sich nach Adam Riese genau die genannten 2,5 Jahre (»verliert hierzu der Durchschnittsbürger zweieinhalb Jahre«).
Damit wäre aber sozusagen der Nachweis geführt, dass quasi "kein einziger Nichtraucher" am umweltbedingten Feinstaub vorzeitig stirbt, und der angeführte Vergleich müßte in WAHRHEIT lauten: "genau so viele Raucher wie Raucher". Das aber wäre im Kontext eine ganz und gar UNVERFRORENE IRREFÜHRUNG.

DANN aber FEHLEN MIR DIE WORTE, wenn es heißt, 50.000 Menschen kämen vorzeitig durch "landwirtschaftlichen" Feinstaub zu Tode. Das wäre schlicht und einfach UNMÖGLICH.
Ein derartiger Betrug an der Öffentlichkeit wäre nun wirklich NICHT HINNEHMBAR.
Avatar #88255
doc.nemo
am Montag, 4. März 2019, 12:00

Der Durchschnitt ist ein miserables Maß

Grundsätzlich gebe ich DrSchnitzler recht, dass solche Zahlen höchst fragwürdig sind. Allerdings ist der Durchschnittswert ein miserables Maß, wenn die Eigenschaften der Grundgesamtheit stark streuen. Und das ist hier logischerweise der Fall. Die angeblich verlorene Lebenszeit in Deutschland darf nicht einfach auf die Gesamtbevölkerung umgelegt werden, was zu den rechnerischen 8 Stunden Minus führt, sondern müsste jeweils in Abhängigkeit von der Exposition angegeben werden, um ein realistisches Bild zu erhalten. Für Menschen in hochbelasteten Bereichen würde das zu einer stärkeren Lebenszeitreduktion führen als bei Menschen in „gesunder Landluft“. Schließlich wäre die durchschnittliche Risikoerhöhung für Lungenkrebs, über die gesamte Bevölkerung (also auch die Nichtraucher) gemittelt, ebenfalls recht klein. Womit wir beim Schwachpunkt solcher Studien wären, nämlich der Messung der individuellen Exposition. Und ich gebe DrSchnitzler auch recht in seiner Feststellung, dass der Gewinn an Lebenszeit durch unsere moderne, Schadstoffe verursachende Lebensweise deren nachteilige Effekte weit überwiegt. Würde man den Zusammenhang zwischen dem Anstieg der Lebenserwartung und der Exposition mit „Umweltgiften“ aller Art berechnen - welche „Korrelation“ würde man dabei wohl erhalten?
Avatar #715180
DrSchnitzler
am Montag, 4. März 2019, 10:50

VORSÄTZLICHE IRREFÜHRUNG?

Die 6.000 (oder wieviel auch immer) vorzeitigen Todesfälle, die uns das UBA (oder wer auch immer) weismachen will, entsprechen in Wahrheit offenbar einer "durchschnittlich verlorenen Lebenszeit" von ACHT STUNDEN (1); eine Anzahl kann SERIÖS hingegen offenbar gar nicht angegeben werden (2).

Nun steht hingegen UNWIDERLEGBAR fest, dass das mittlere Sterbealter Jahr für Jahr um rund DREI MONATE, also ca. 2.000 STUNDEN STEIGT (destatis.de).

Und da will man uns weismachen, diese acht Stunden machten IRGENDEINEN UNTERSCHIED?

Zumal sie auf (UR)ALTEN DATEN beruhen?

Leute. Lasst euch doch nicht HINTERS LICHT FÜHREN.

Rauchen ist auf einmal genau so harmlos wie die "frische Luft" (3)? Wer so etwas behauptet, lebt offenbar nicht auf diesem Planeten. Nehmen wir die Zahlen mal so wie kommuniziert: 120.000 Raucher sterben vorzeitig (Tabakatlas 2015). 3.301 "Passivraucher" (typische PM2,5-Exposition um 500 µg/cbm; Pötschke-Langer 2005). Und jetzt 120.000 Nichtraucher, bei 40µg/cbm. Eine fürwahr "nichtlineare Dosis-Wirkungs-Beziehung" (4), nämlich eine "J-Kurve" !!!

Wer's glaubt, wird selig.



1. https://www.daserste.de/information/wirtschaft-boerse/plusminus/sendung/ndr/diesel-abgase-100.html
ZITAT:
Wenn man nur auf die Größe schaue, die mit der Formel gemessen werden könne, nämlich generell verlorene Lebenszeit, ergebe sich ein ganz anderes Bild der Schadstoffbelastung als bislang öffentlich dargestellt. Der Effekt der NO2-Exposition sei in Wahrheit klein, im Jahr 2014 für die Gesamtbevölkerung betrachtet acht Stunden pro Person. "Diese große, plakative Wirkung mit den vielen Todesfällen, die ergibt sich nur, wenn ich die Formel falsch anwende." Morfeld fordert deshalb eine Versachlichung der Diesel-Debatte. Andernfalls könnte das Vertrauen der Bürger in Politik und Wissenschaft erschüttert werden – vor allem angesichts anstehender Dieselfahrverbote und drohender finanzieller Verluste für die Betroffenen. Das Umweltbundesamt fordert der Epidemiologe deshalb auf, seinen Bericht zu den 6.000 vorzeitigen Todesfällen zurückzuziehen: "Sicher ist das ein schwieriger Schritt für das Umweltbundesamt, aber ich halte ihn für überfällig."

2. Morfeld P, Erren TC: Warum ist die „Anzahl vorzeitiger Todesfälle durch Umweltexpositionen“ nicht angemessen quantifizierbar? Gesundheitswesen 2019; 81(02): 144-149 DOI: 10.1055/a-0832-2038

3. ARD, Pressemeldung vom 17.01.2019: Neue Studie spricht von rund 120.000 vorzeitigen Todesfällen durch Feinstaub in Deutschland – Landwirtschaft gilt als Hauptverursacher. https://www1.wdr.de/daserste/monitor/extras/pressemeldung-feinstaub-100.html, sowie ARD-Sendung "Monitor"vom 17.1.2019. (last accessed on 24 Februar 2019).
4. Internationale Experten zu Stellungnahme von Lungenärzten. https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/rapid-reaction/details/news/internationale-experten-zu-stellungnahme-von-lungenaerzten/ (last accessed on 24 Februar 2019).
LNS

Nachrichten zum Thema

6. Mai 2019
Berlin – Von dem milliardenschweren „Sofortprogramm Saubere Luft“ gegen Dieselabgase aus dem Jahr 2017 wurden nach Angaben der Bundesregierung bisher nur 15,6 Millionen Euro abgerufen. Allerdings
Erst wenige Millionen Euro von Programm für saubere Luft abgerufen
23. April 2019
Düsseldorf – Die Luftverschmutzung mit dem Schadstoff Stickstoffdioxid (NO2) hat sich in Nordrhein-Westfalen (NRW) abgeschwächt, die Situation bleibt mancherorts aber angespannt. Im Schnitt sei die
Luftverschmutzung in Nordrhein-Westfalen schwächt sich etwas ab
17. April 2019
Stuttgart – In der Debatte um Luftverschmutzung in Städten will Baden-Württemberg Rechtsunsicherheiten bei der Verhältnismäßigkeit von Dieselfahrverboten höchstrichterlich klären lassen. Man wolle
Baden-Württemberg will höchstrichterliche Klärung zu NO2-Grenzwert
15. April 2019
Berlin – Das Umweltbundesamt (UBA) dringt auf strengere Grenzwerte für Feinstaub. Behördenchefin Maria Krautzberger verwies in der Süddeutschen Zeitung auf entsprechende Empfehlungen der
Umweltbundesamt dringt auf strengere Grenzwerte für Feinstaub
15. April 2019
Berlin – Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat mit Blick auf eine Reduzierung des klimaschädlichen Kohlendioxidausstoßes von einem Weg „mit gewaltigen Anstrengungen“ gesprochen. Für das Ziel, bis
Merkel zu CO2-Reduktion: Gewaltige Anstrengungen nötig
11. April 2019
Berlin – Deutschland sollte sich weiter bemühen, die Schadstoffbelastung in der Außenluft weiter zu senken. Zu diesem Schluss kam gestern eine Arbeitsgruppe der Leopoldina Nationale Akademie der
Lungenärzte begrüßen Leopoldinaempfehlung zu Luftschadstoffen
3. April 2019
London – Sind Psychosen in Großstädten häufiger, weil dort die Luft schlechter ist? Eine epidemiologische Studie in JAMA Psychiatry (2019; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2019.0056) findet eine
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER