NewsMedizinDie Hirnströme vor dem Bungeesprung
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

Die Hirnströme vor dem Bungeesprung

Dienstag, 5. März 2019

Ein Proband springt 192 Meter in die Tiefe, während seine Hirnströme abgeleitet werden. /Soekadar, Charité

Berlin – Bewegungsbezogene Hirnaktivitäten lassen sich auch in Situationen zuverlässig messen, in denen starke Emotionen eine Rolle spielen, zum Beispiel vor einem Bungeesprung. Das berichten Wissenschaftler um Surjo Soekadar von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin.

Wenn eine Person bei einem Bungeejump kurz vor dem Entschluss steht, von der Brücke herunterzuspringen, konnten sie fast eine Sekunde vor der bewussten Entscheidung zu dem Sprung ein sogenanntes Bereitschaftspotenzial nachweisen. Die Studie ist im Fachjournal Scientific Reports erschienen (2019; doi: 10.1038/s41598-018-38447-w).

Elektrische Spannungsverschiebung im Gehirn zeigt Bereitschaft an

Das Bereitschaftspotenzial ist eine elektrische Spannungsverschiebung im Gehirn, die über die menschliche Kopfhaut mittels Elektroenzephalografie (EEG) gemessen wird. Es zeigt eine bevorstehende willentliche Handlung – zum Beispiel eine Handbewegung – an und entsteht, noch bevor sich die handelnde Person bewusst wird, dass sie gleich diese Bewegung ausführen wird. Das Phänomen wurde 1964 von Lüder Deecke und Hans-Helmut Kornhuber entdeckt, als beide unter strengen Laborbedingungen die Hirnströme von Probanden bei Fingerbewegungen maßen.

„Die Messung dieser elektrischen Potenziale ist bereits im Labor extrem sensibel, da die Spannungsverschiebung nur wenige Millionstel Volt beträgt. Doch um alltagstaugliche Gehirn-Computer-Schnittstellen zu entwickeln, wollten wir untersuchen, ob das Bereitschaftspotenzial auch unter realen Umständen aufzuzeichnen ist“, berichtet Soekadar.

Höhe der Sprünge ohne Auswirkung

Die Forscher ließen daher 2 Probanden insgesamt 30-mal von der 192 Meter hohen Europabrücke bei Innsbruck springen und nahmen dabei deren Hirnströme auf. So konnten sie in einer realen Umgebung nachweisen, dass bewegungsbezogene Hirnaktivität auch in Situationen zuverlässig gemessen werden kann, in denen starke Emotionen eine Rolle spielen. Zudem fanden sie heraus, dass sich die Hirnaktivität bei den Sprüngen aus 192 Metern Höhe nicht von der Hirnaktivität bei Sprüngen aus nur 1 Meter Höhe unterscheidet. Die 2 Probanden sprangen dafür ebenfalls insgesamt 30-mal aus 1 Meter Höhe. Dieses Ergebnis bedeutet laut den Forschern, dass die Angst vor einer vermeintlich lebensgefährlichen Handlung keinen Einfluss auf die Ausprägung des Bereitschaftspotenzials hat.

Die Studie ist laut den Autoren für die Weiterentwicklung von Gehirn-Computer-Schnittstellen wichtig. Diese übersetzen Hirnaktivität in Steuersignale von Robotern oder anderen technischen Geräten. Im Alltag ist es sehr wichtig, dass auch starke Gefühle die Steuerung solcher Neuroprothesen nicht beeinträchtigen. „Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass wir Gehirn-Computer-Schnittstellen auch unter extremer emotionaler Anspannung zuverlässig einsetzen können“, erklärt Soekadar. © hil/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.
Themen:

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

2. Juni 2020
Leipzig – Mit dem Herzzyklus verändert sich auch die Hirnaktivität – Herz und unser Gehirn kommunizieren also ständig miteinander. Wie dies genauer funktioniert, berichten Wissenschaftler des
Wie Herz und Gehirn miteinander kommunizieren
20. Mai 2020
Leipzig – Das sogenannte Sprachnetzwerk im Gehirn ist evolutionär offenbar deutlich älter als bislang angenommen. Das berichten Wissenschaftler der Universität Newcastle und des Max-Planck-Instituts
Sprachnetzwerk im Gehirn des Menschen älter als gedacht
11. Mai 2020
Frankfurt/Nijmegen – Die streng strukturierte Form von Gedichten erleichtert ihre Wahrnehmung und das Verständnis. Wie dies geschieht, zeigt eine Untersuchung von Forschern der Max-Planck-Institute
Wie unser Gehirn Gedichte analysiert
23. April 2020
Göttingen – Der Europäische Forschungsrat (ERC) fördert Untersuchungen dazu, wie das Gehirn komplexe soziale Verhaltensweisen in Gruppen antreibt. Die Nachwuchsgruppe um Jan Clemens vom European
Europäischer Forschungsrat fördert neurowissenschaftliche Forschung
1. April 2020
München – Münchner Wissenschaftler haben ein Verfahren vorgestellt, mit dem sich die Strukturen und eventuelle krankhafte Veränderungen von Gefäßen im Gehirn analysieren lassen – auch auf Ebene der
Neues Verfahren zur automatisierten Analyse von Hirngefäßen
31. März 2020
Providence, Rhode Island − Die Einnahme von Methylphenidat, besser bekannt unter dem Markennamen Ritalin, verbessert nicht die kognitiven Fähigkeiten, sie könnte allerdings die Motivation
Hirnforschung: Ritalin macht nicht klüger, motiviert aber zum Lernen
26. März 2020
München – Menschen können möglicherweise erst als 4-jährige die Denkweise eines anderen nachvollziehen – und nicht schon sehr viel früher, wie bislang angenommen. Das berichten Wissenschaftler des
LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER