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Medizin

Takotsubo-Syndrom: Das Herz wird vielleicht im Gehirn „gebrochen“

Dienstag, 5. März 2019

/VILevi, stockadobecom

Zürich – Das Takotsubo-Syndrom, ein durch starke emotionale Ereignisse ausgelöstes herzinfarktähnliches Krankheitsbild ohne Beteiligung der Koronarien, ist Folge einer Störung des autonomen Nervensystems. Die Ursachen hat das „gebrochene“ Herz einer Studie im European Heart Journal (2019; doi: 10.1093/eurheartj/ehz068) zufolge in einer Störung des limbischen Systems, das für die Verarbeitung von Emotionen zuständig ist.

Bei einem Takotsubo-Syndrom kommt es zu einer Ausdehnung der linken Herzkammer bei einer Verengung des Ausflusstraktes in die Aorta. Die Folge ist eine akute Pumpschwäche, die tödlich enden kann, von der sich die meisten Patienten jedoch ohne weitere Behandlung erholen. Die Erkrankung wurde Anfang der 1990er-Jahre von japanischen Kardiologen beschrieben, die die Ballonbildung der linken Herzkammer mit den Krügen verglichen, mit denen japanische Fischer Tintenfische fangen und die als Tako-Tsubo bezeichnet werden.

Da das Takotsubo-Syndrom meist nach starken emotionalen Ereignissen auftritt, wird seit Langem eine Beteiligung des autonomen Nervensystems vermutet. Eine Über­aktivität des Sympathikus mit der vermehrten Ausscheidung von Stresshormonen ist bei den Patienten nachweisbar. 

Da die Stressreaktion des Menschen vom limbischen System gesteuert wird, hat ein Team um den Kardiologen Christian Templin vom UniversitätsSpital Zürich zusammen mit Neurologen die Hirnfunktion von 15 Patientinnen (die Erkrankung tritt zu 90 % bei Frauen auf) und von 39 gleichaltrigen gesunden Frauen verglichen. Die Unter­suchungen fanden etwa ein Jahr nach der Herzattacke statt. Die Frauen hatten sich also schon länger von dem akuten Ereignis erholt.

Die Neurologen interessierten sich vor allem für die Aktivität des Gehirns im Ruhezustand („resting state functional connectivity“). Es handelt sich dabei um Aktivitäten, die in der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) sichtbar sind, wenn die Probanden sich bewusst entspannen und die Augen geschlossen halten. Diese Ruheaktivität könnte Rückschlüsse darüber zulassen, wie das Gehirn auf Stress reagiert.

Die Patientinnen mit Takotsubo-Syndrom zeigten in Ruhe eine verminderte Aktivität sowohl in einem sympathischen als auch in einem parasympathischen Netzwerk. Beteiligt waren Amygdala, Hippocampus und Insula sowie Gyrus cinguli, Parietal-, Temporal- und Kleinhirnregionen. 

Amygdala, Hippocampus und Gyrus cinguli sind beim Menschen für die Emotions­kontrolle und Motivation, für das Lernen und das Gedächtnis zuständig. Amygdala und Gyrus cinguli sind zudem an der Kontrolle des vegetativen Nervensystems und der Regulation der Herzfunktion beteiligt. Der Gyrus cinguli ist auch bei Depressionen und Stimmungsschwankungen involviert.

Es erscheint deshalb plausibel, dass Störungen in diesen Hirnregionen die Anfälligkeit für ein Takotsubo-Syndrom erhöhen können. Wie die Gehirne der Takotsubo-Patientinnen auf Stress reagieren, wurde in der Studie allerdings nicht untersucht.

Das Takotsubo-Syndrom ist selten. Es ist vermutlich nur eine Variante einer Stress-Kardiomyopathie, die für etwa 2 % aller akuten Koronarsyndrome verantwortlich sind, bei denen trotz eindeutiger Symptome in der Koronarangiografie keine Veränderungen in den Koronararterien gefunden werden. © rme/aerzteblatt.de

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