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Medizin

Diätberatung schützt nicht vor Depressionen, könnte aber bei Behandlung helfen

Mittwoch, 6. März 2019

/Svyatoslav Lypynskyy, stockadobecom

Amsterdam und Chicago – Nahrungsergänzungsmittel und/oder eine psychologische Unterstützung haben in einer randomisierten Studie adipöse Erwachsene nicht vor einer drohenden Depression geschützt. Bei übergewichtigen Menschen, die bereits unter depressiven Symptomen litten, erzielte eine Diätberatung dagegen eine wenn auch geringe Wirkung. Die beiden Studien wurden jetzt im amerikanischen Ärzteblatt (JAMA 2019; 321: 858-868 und 869-879) publiziert.

Übergewichtige und adipöse Menschen haben ein erhöhtes Risiko, an einer Depression zu erkranken, und viele Patienten mit Major-Depression sind adipös. Es liegt deshalb nahe, die Ernährung in die Prävention und Behandlung von Depressionen einzubeziehen. Das europäische MooDFOOD-Projekt und die US-amerikanische RAINBOW-Studie haben jedoch nur mäßige Erfolge erzielt.

An der MooDFOOD-Studie nahmen in Deutschland, Spanien, Großbritannien und den Niederlanden 1.025 Erwachsene (zu 75 % Frauen) mit einem Body-Mass-Index (BMI) von durchschnittlich 31,4 teil, die im Gesundheitsfragebogen für Patienten (PHQ-9) eine erhöhte Neigung zu Depressionen angegeben hatten (Durchschnitts-Score 7,1 bis 7,9 in den einzelnen Gruppen), bei denen es aber in den letzten 6 Monaten zu keiner Episode einer Major-Depression gekommen war. Die Studie hat in einem 2x2-faktoriellen Design untersucht, ob eine psychologische Diätberatung und/oder die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln die drohende (nächste) Episode einer Major-Depression verhindern kann.

Die Diätberatung bestand in einer Verhaltensaktivierung „Behavioral Activation“, die zu den etablierten Therapien der Depression gehört. Sie ermuntert die Patienten, depressive Verhaltensweisen abzulegen und ihr antidepressives Verhalten zu verstärken. In der Studie wurden die Patienten zu einer mediterranen Diät motiviert, die sie vor einer Depression schützen sollte.

Dies gelang jedoch nicht, wie das Team um Marjolein Visser von der Vrije Universiteit Amsterdam jetzt eingestehen muss. Der primäre Endpunkt, die Diagnose einer Major-Depression, ist im Verlauf der einjährigen Studie nicht seltener aufgetreten als bei den Teilnehmern, die keine psychologische Diätunterstützung erhalten hatten.

Auch die zweite Strategie, die in der Verordnung von Nahrungsergänzungsmitteln bestand, war erfolglos. Die Teilnehmer hatten Tabletten eingenommen, die Omega-3-Fettsäuren (1.412 mg Eicosapentaensäure und Docosahexaensäure im Verhältnis 3:1), Selen (30 µg), Folsäure (400 µg), Vitamin D3 (20 µg) und Kalzium (100 mg) enthielten oder aber nur Placebos. Beobachtungsstudien hatten gezeigt, dass Menschen mit Depressionen trotz Übergewicht häufig zu wenig Vitamine und Spurenelemente zu sich nehmen.

Doch in der Studie blieben beide Interventionen ohne Auswirkungen. In der Gruppe, der eine „Behavioral Activation“ (ohne Nahrungsergänzungsmittel) angeboten wurde, erkrankten innerhalb eines Jahres 10,2 % an einer Major-Depression. In der Gruppe, denen die Nahrungsergänzungsmittel (ohne Diätberatung) empfohlen wurde, waren es 12,5 %. In der Gruppe, die beide Therapien erhalten hatten, erkrankten 8,6 % und in der Gruppe, die keine der beiden Therapien erhalten hatten, 9,7 %. Es gab keine signifikanten Unterschiede zwischen den Gruppen.

Die negativen Ergebnisse könnten laut Visser darauf zurückzuführen sein, dass weniger Teilnehmer als erwartet an einer Major-Depression erkrankten. Die Forscher hatten mit 20 oder 30 % gerechnet. Bei einer höheren Erkrankungsrate hätte sich ein Vorteil eher abgezeichnet. Es ist allerdings nicht ungewöhnlich, dass in Studien zu Depressionen eine starke Placebowirkung auftritt. Ein weiterer Grund für die fehlende Wirksamkeit könnte die geringe Akzeptanz der Behandlung sein. Nur 71 % der Teilnehmer hatten mehr als 8 der 21 angebotenen Therapiesitzungen besucht, und wie viele den Er­näh­rungs­emp­feh­lung­en gefolgt waren, ist unklar. Bei den Teilnehmern, die mehr als 8 Therapiesitzungen besucht hatten, war laut den Ergebnissen der Studie eine gewisse Wirkung der Verhaltensaktivierung erkennbar.

An der RAINBOW-Studie hatten 409 Patienten (zu 71 % Frauen) teilgenommen, deren BMI mit im Mittel 36,7 deutlich höher war als in der europäischen Studie. Der mittlere PHQ-9-Score betrug 13,8, was auf stärkere depressive Symptome hinweist. Die Teilnehmer wurden auf eine psychologische Beratung oder auf eine reguläre Therapie randomisiert. Die psychologische Beratung bestand aus zwei Komponenten: Die erste Komponente war ein „Group Lifestyle Balance“-Programm (GLB), das erfolgreich bei Diabetikern eingesetzt wird. Die zweite Komponente war ein „Program to Encourage Active, Rewarding Lives for Seniors“ (PEARLS), das wie in der europäischen Studie eine Verhaltensaktivierung anstrebte. Die beiden Ziele der Studie waren eine Gewichts­abnahme (gemessen an der Veränderung des BMI) und die Linderung der depressiven Symptome (Endpunkt war hier die „Depression Symptom Checklist“ SCL-20).

In beiden Endpunkten wurde eine gewisse Wirkung erzielt. Wie Jun Ma vom Institute of Health Research and Policy der Universität von Illinois in Chicago und Mitarbeiter berichten, ging der mittlere BMI dank des GLB-Programms innerhalb von 12 Monaten von 36,7 auf 35,9 zurück, während die Patienten in der Vergleichsgruppe bei 36,6 stehen blieben. Die mittlere Differenz zwischen den Gruppen von 0,7 BMI-Einheiten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,2 bis 1,1 signifikant. Die Gewichtsabnahme fiel aber insgesamt gering aus. Mit durchschnittlich 100 kg waren die Teilnehmer weiter adipös.

Auch die depressiven Symptome verbesserten sich nur geringfügig. Der mittlere SCL-20-Score sank nach 12 Monaten unter den Interventionsteilnehmern von 1,5 auf 1,1 gegenüber einem Rückgang von 1,5 auf 1,4 in der Kontrollgruppe. Die mittlere Differenz zwischen den Gruppen von 0,2 Punkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0 bis 0,4 Punkten signifikant, aber wie Ma eingestehen musste, wohl ohne klinische Bedeutung. © rme/aerzteblatt.de

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