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Politik

Viele Nachzügler bei Anbindung an Telematik­infrastruktur befürchtet

Mittwoch, 6. März 2019

/Proxima Studio, stockadobecom

Berlin – Es mehren sich die Hinweise darauf, dass die gesetzlich geforderte Anbindung der Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten an die Tele­ma­tik­infra­struk­tur (TI) zum 30. Juni dieses Jahres nicht zu schaffen sein wird. Das haben Recherchen des Deutschen Ärzteblattes (DÄ) ergeben.

Demnach sind laut gematik – Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesund­heitskarte derzeit erst etwa 50.000 Praxen an das sichere Gesundheitsnetz angebunden. Dies sei jedoch nur eine Schätzung, über aktuelle Zahlen verfüge die gematik nicht, weil sie nicht unmittelbarer Vertragspartner der Praxen sei, so eine Sprecherin der gematik auf Anfrage.

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Dabei drängt die Zeit: Die Praxisinhaber müssen die erforderliche Technik bis zum Ende des ersten Quartals bestellt haben und dies gegenüber ihrer Kassenärztlichen Vereinigung (KV) auch nachweisen können, andernfalls droht ihnen rückwirkend ab 1. Januar ein Honorarabzug von einem Prozent.

Industrie beklagt Bestellzurückhaltung

Aus Sicht von Adel Al-Saleh, Chef der Telekom-Tochter T-Systems, sind die vom Gesetzgeber vorgegebenen Fristen machbar. Zu hören sei im Markt, dass der Verkauf der Technik insgesamt noch hinter den Erwartungen liege. Die neue Frist für Arztpraxen zum Anschluss an das Datennetz bis Ende Juni lasse sich jedoch einhalten, gibt er sich im Interview mit dem Handelsblatt zuversichtlich. Das Unternehmen verzeichnet nach eigenen Angaben Bestellungen und Installationen im unteren fünfstelligen Bereich für sein „Medical Access Port-Bundle“.

„Wer bis Ende März bestellt, dem garantieren wir den Anschluss bis zum 30. Juni, wenn die Praxis den genannten Installationstermin annimmt“, so Unternehmenssprecher Rainer Knirsch. Sollten Verzögerungen „an uns liegen, gibt es pro Monat für maximal drei Monate eine Vertragsstrafe in Höhe von 250 Euro an den Kunden“, erläutert er. Knirsch schätzt, dass sich rund ein Drittel des Marktes mit dem Thema nicht beschäftigen will und im Zweifel die Sanktionen in Kauf nehmen wird.

Nach Auskunft von Uwe Eibich, Vorstand beim Praxissoftwaremarktführer Compugroup Medical (CGM), waren zum 31. Dezember 2018 rund 42.000 Praxen von 46.000 vorliegenden Bestellungen an die TI angeschlossen. Neuere offizielle Zahlen gibt der Konzern nicht heraus. Darunter sind circa 12.000 Praxen, die nicht mit einem CGM-System arbeiten.

Insgesamt habe man circa 100 verschiedene „fremde“ Praxissoftwaresysteme angebunden. Dies sei jedoch kein Problem, da der CGM-Konnektor mit jedem System arbeite. Eibich zufolge verfügt der Konzern durch die 600 eigens geschulten Techniker theoretisch über Kapazitäten für 10.000 Anschlüsse pro Monat. Daher könnten alle Bestellungen fristgerecht bearbeitet werden, so Eibich. Komponentenengpässe gebe es keine.

Praxisausweis für Installation nötig

Das Arztsoftwarehaus medatixx gibt an, dass 70 Prozent der rund 21.000 Anwender die notwendige Technik bestellt haben. Das Unternehmen hatte seine Kunden zuvor in mehreren Mailings aufgefordert, bereits bis zum 15. Februar zu bestellen, „um sicherzustellen, dass wir bis zum 30. Juni installieren können“, erläuterte Jens Naumann gegenüber dem .

Weitere Bedingungen dafür, dass die gesetzliche Frist eingehalten werden kann: Die medatixx-Anwender müssen die vorgeschlagenen Installationstermine akzeptieren und sich auch entsprechend darauf vorbereiten. So muss etwa die SMC-B-Karte (Praxisausweis), die stets von der Praxis separat bestellt werden muss, bei der Installation vorliegen und auch freigeschaltet sein. „Aus heutiger Sicht können wir alle Bestellungen unter den genannten Bedingungen fristgerecht implementieren“, meinte Naumann.

Lieferprobleme bei den Konnektoren gibt es ihm zufolge nicht. Das Unternehmen arbeitet mit den Geräten der drei Hersteller Telekom, Secunet/Arvato und Rise zusammen. Aber: „Ich bin sicher, dass am 25. Juni viele Nachzügler mit Bestellungen kommen“, so Naumann. Verzögerungen bei der Anbindung seien allerdings jetzt nicht mehr der Industrie anzulasten, da mit nunmehr vier verfügbaren Konnektoren ein Markt vorhanden sei, sondern vielmehr der zögerlichen Bestellbereitschaft. Daher müssten die Ärzte jetzt bestellen, wenn sie die Sanktionen vermeiden wollten. 

Völlig illusorisch

Die Duria eG verzeichnet als eines der kleineren Softwarehäuser nach eigenen Angaben inzwischen 1.390 Bestellungen von Konnektoren mit rund 2.800 stationären und mobilen Kartenterminals (ein Bestellgrad von 69 Prozent), hat jedoch erst 57 Installationen durchgeführt. Lieferengpässe bei Konnektoren seitens der Industrie scheint es nicht zu geben.

Allerdings hat laut Erich Gehlen, Vorstandsvorsitzender des Unternehmens, beispielsweise der Kartenproduzent DGN angekündigt, dass es bis zu sechs Wochen Lieferzeit bei den SMC-B-Karten geben könnte. Auch bei den mobilen Kartenterminals sind aufgrund der hohen Nachfrage Verfügbarkeitsprobleme möglich. Seine Einschätzung: „Der 30. Juni 2019 ist völlig illusorisch.“

Aus Sicht der KV Bayerns ist es für genauere Aussagen zum Thema derzeit noch zu früh. „Wir erhalten von den Konnektorherstellern/TI-Anbietern keine Informationen darüber, wie viele Bestellungen ihnen vorliegen“, schreibt die KV auf Nachfrage. Die Situation werde sich erst einschätzen lassen, wenn die Eigenerklärungen der Mitglieder zur TI-Komponentenbestellung vorliegen – hierfür hat die KV eine Frist bis Mitte April gesetzt – und zudem Zahlen zu den erfolgten TI-Anbindungen im ersten Quartal bekannt sind.

Laut einem Medienbericht waren beispielsweise in Hamburg Ende Januar erst 16 Prozent der Praxen (518 Praxen) an die TI angebunden, bis Ende März könnte die Quote nach Schätzungen der dortigen KV auf rund 1.350 TI-Anschlüsse steigen. Die KV Hamburg rief daher ihre Mitglieder dazu auf, als Beleg für die erfolgte Bestellung schriftliche Terminbestätigungen mit ihrem Softwarehaus einzureichen. So lässt sich im Zweifel belegen, dass die Verzögerung bei der Installation nicht der Praxis anzulasten ist, sondern etwa auf Engpässe bei TI-Komponenten zurückzuführen ist.

Im Bereich Westfalen-Lippe sind inzwischen 40 Prozent der Ärzte an die TI angebunden, berichtet die dortige KV. „Wir informieren unsere Mitglieder regelmäßig über den aktuellen Stand. Über die verbindliche Bestellung bis zum 31. März sind alle Mitglieder, die noch nicht an die TI angebunden sind, zusätzlich in einem Anschreiben informiert worden“, heißt es. Aus Sicht der KV ist die Frist nicht realistisch. „Wir haben unsere Mitglieder gebeten, uns darüber zu informieren, wenn sie erst einen Installationstermin nach dem 30. Juni angeboten bekommen. Wir gehen von einer Anbindungsquote von 80 Prozent aus“, teilte die Pressesprecherin auf Anfrage mit.

Unklar, ob Einzelprobleme oder großflächiges Phänomen

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat indessen den Eingang erster Meldungen von Ärzten und Psychotherapeuten bestätigt, denen von ihren Software­häusern oder TI-Anbietern mitgeteilt wurde, dass eine Anbindung ihrer Praxis an die TI bis Ende Juni zeitlich nicht zu schaffen ist. „Wir werden diese Entwicklung beobachten“, kündigte KBV-Vorstand Thomas Kriedel an. Insbesondere sei zu prüfen, ob es sich nur um einzelne Aussagen handele oder großflächig Probleme bei der pünktlichen Auslieferung bestünden.

„Sollte sich abzeichnen, dass dies keine Einzelfälle sind und die Industrie Probleme hat, die Praxen bis Ende des zweiten Quartals anzuschließen, werden wir uns für eine erneute Fristverlängerung stark machen“, erklärte Kriedel. Selbst wenn es bei wenigen Fällen bleiben sollte, werde die KBV sich auch für diese einsetzen.

Denn diese Praxen seien sehr wohl ihren Verpflichtungen nachgekommen und dürften nicht sanktioniert werden. „Der Gesetzgeber muss für die Praxen eine Ausnahme­regelung schaffen. Die Ärzte und Psychotherapeuten wollen in die TI – es kann nicht sein, dass sie für Installationsschwierigkeiten der Industrie bestraft werden“, forderte der KBV-Vorstand. © KBr/aerzteblatt.de

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Avatar #3656
buchner2
am Donnerstag, 7. März 2019, 13:38

Nicht mit der ärztlichen Schweigepflicht vereinbar....

..... vom ersten Tag im Medizinstudium wird man auf die ärztliche Schweigepflicht eingeeicht und jetzt sollen Patientendaten plötzlich wie selbstverständlich online gehen ? Weil Digitalisierung immer gut ist ?
Ich bin stolz, wenn da 20-30% der Kollegen nicht mitgehen! Für viele wird es auch ein Argument sein, frühzeitig ihre Kassenarzttätigkeit altersbedingt aufzugeben, statt sich zuvor von dem zunehmenden bürokratischen und digitalen Wahnsinn in den BurnOut treiben zu lassen.
Avatar #672734
isnydoc
am Donnerstag, 7. März 2019, 13:31

TI oder total irre: Wunschträume gesetzlich via Sanktionsdrohung realisieren!

Leuchturmprojekte, die sich blitzartig verabschiedet haben, sind wohlfeil vertreten. Erinnert sich noch jemand an den Transrapid, der von Stoiber als Zubringer zum FJS-Airport gepriesen wurde? Nun hat sich unlängst auch der A380 Grossraumflieger in diese Richtung entwickelt.
Dringt das auch ins Bewusstsein der Regierenden ein?
Welche Konsequenzen ziehen sie?
Wo werden die "Schuldigen" gefunden? - siehe Sanktionsdrohung!
Avatar #88767
fjmvw
am Mittwoch, 6. März 2019, 19:00

Nu bekommt die Politik ein Problem mit der TI

Wenn ein Drittel aller Praxen nicht angeschlossen ist und sich auch gar nicht anschließen lassen will, was wird die Politik unternehmen?
- Die Ärzte aus der vertrags(zahn)ärztlichen Versorgung aussperren? Geht nicht, denn es gibt sowieso schon zu wenig Ärzte.
- Ein einfach hinnehmen, dass die flächendeckende Einführung der TI gescheitert ist? Geht (eigentlich) auch nicht. Denn damit wäre doch offensichtlich, dass es die Bundesregierung nicht geschafft hätte, die (Zahn)Ärzteschaft selbst unter Androhung von Sanktionsmaßnahmen zur Anbindung an die TI zu verpflichten.

Warten wir ab, was kommen wird. Sobald die ersten zentral gespeicherten Daten "im Netz" verkauft werden, werden sich vermutlich einige der TI-angebundenen Praxen fragen, ob sie das wirklich gewollt haben.
LNS

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